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Attentate in Indonesien : Eine Familie, drei Anschläge, zehn Minuten

Dass es dem IS in Indonesien gelungen sein könnte, in kurzer Zeit mehrere solcher Gewalttaten zu verüben, ist besorgniserregend. Besonders sind diesmal freilich nicht nur die Frequenz der Anschläge und die familiäre Bindung zwischen den Attentätern, sondern auch, dass sich die Anschläge ausschließlich auf christliche Einrichtungen konzentrierten. In den meisten Fällen hatten die Terroristen in Indonesien in letzter Zeit die Polizei zum Ziel ihrer Anschläge gemacht. Der indonesische Geheimdienstvertreter sagte, dass die Terroristen wohl auch diesmal die Sicherheitskräfte angreifen wollten, wegen der erhöhten Sicherheitsvorkehrungen nach dem Gefängnisaufstand aber kurzfristig umgeplant hätten. Die Behörden riefen nun noch einmal zu erhöhter Aufmerksamkeit auf, da es zu weiteren Anschlägen kommen könne. In der kommenden Woche beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan.

Der Anschlag ist auch deshalb erschütternd, weil die indonesischen Behörden seit den Bali-Anschlägen zunächst eigentlich recht erfolgreich gegen den Terror vorgegangen waren. Der Aufstieg des „Islamischen Staats“ hat aber auch in Indonesien wieder zu erhöhter Alarmbereitschaft geführt. Aus dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt sollen sich mehrere hundert Islamisten den Terrormilizen in Syrien und dem Irak angeschlossen haben. Die koordinierten Selbstmordattentate scheinen nun die Befürchtungen zu bestätigen, wonach sich die Rückkehrer aus dem Kampfgebiet in Indonesien vermehrt an Anschlägen beteiligen könnten. Es ist außerdem das erste Mal, dass Frauen und sogar Kinder auf diese Weise an einem Selbstmordanschlag in Indonesien beteiligt waren.

Dass nun zivile und insbesondere christliche Einrichtungen ins Visier genommen wurden, spiegelt die prekäre Lage wieder, in der sich die Angehörigen religiöser Minderheiten heute in Indonesien befinden. Eine Delegation südostasiatischer Parlamentarier warnte vor kurzem vor den aufziehenden „dunklen Mächten“ der Intoleranz in dem Land. Zuletzt haben nicht nur Übergriffe auf Christen und muslimische Sekten, sondern auch auf Schwule und Lesben zugenommen.

„Außerhalb des Rahmens der Menschlichkeit“

Islamisten haben immer wieder gegen den Neubau von Kirchen demonstriert, Brandanschläge gegen christliche Gotteshäuser begangen oder vereinzelt auch schon Anschläge verübt, wie etwa auf der Insel Sumatra im Jahr 2016 und in Yogyakarta im Februar 2018. Doch eine solche Serie von Terrorattacken auf Kirchen wie die an diesem Sonntag gab es seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Damals waren am Heiligabend in neun verschiedenen Städten Anschläge auf christliche Gotteshäuser begangen worden. Es waren insgesamt 18 Menschen ums Leben gekommen. Im vergangenen Jahr hatten islamistische Massenproteste zudem den damaligen christlichen Gouverneur von Jakarta gestürzt. Basuki Tjahaja Purnama wurde sogar wegen vermeintlicher „Blasphemie“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Er sitzt nun ausgerechnet in dem Gefängnis, in dem die IS-Verbündeten in der vergangenen Woche den Aufstand geprobt hatten.

Die größten muslimischen Organisationen in Indonesien, Nahdlatul Ulama (NU) and Muhammadiyah, verurteilten die Tat schon wenige Stunden nach den Anschlägen. Ein NU-Vertreter rief die Bevölkerung auf, sich nicht radikalisieren zu lassen. Er bezeichnete die Gewalt als nicht vereinbar mit der Religion. Angehörige der christlichen Kirchen in Indonesien appellierten zudem an die Gläubigen, sich von den Terroristen nicht einschüchtern zu lassen. Sie sollten der Regierung vertrauen, dass sie die richtigen Maßnahmen ergreifen werde. In Surabaya wurden am Sonntag jedoch erst einmal alle weiteren Gottesdienste abgesagt.

Indonesiens Präsident Joko Widodo besucht eine Explosionsstelle.

Der indonesische Präsident Joko Widodo besuchte noch am Sonntag den Anschlagsort im Osten Javas. Der Präsident verurteilte die Anschläge als „barbarisch“ und als „außerhalb des Rahmens der Menschlichkeit“. Die Regierung muss befürchten, dass die Terrorbedrohung weiter zunehmen wird. In den kommenden Monaten wird Indonesien verschiedene Großveranstaltungen abhalten. Nächstes Jahr wird zudem ein neues Parlament gewählt. Es wird damit gerechnet, dass Islamisten versuchen werden, den Druck auf die Regierung mit Blick auf die Wahlen zu erhöhen. Dazu könnten Straßenproteste aber auch Kampagnen in den sozialen Netzwerken gehören. In Indonesien wird die Religion in der innenpolitischen Auseinandersetzung häufig instrumentalisiert.

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