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Lockerungen fehlgeschlagen : So überfordert ist Indiens Gesundheitssystem

In einem Aschram der Organisation Radha Soami Satsang Beas in Delhi wurden Betten für Covid-19-Patienten aufgestellt. Bild: AFP

In Indien steigt die Zahl der Corona-Infizierten wieder. Es fehlt an Betten, Personal und Schutzkleidung. Ein Mann wird von mehreren Krankenhäusern abgewiesen – und stirbt auf den Treppenstufen einer Klinik. Die Regierung hält trotzdem an ihrer Politik fest.

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          Die Tore zum Taj Mahal bleiben aufgrund der Corona-Krise länger geschlossen als geplant. Die Wiedereröffnung des Grabmals, die für Montag vorgesehen war, wurde aufgrund der steigenden Infektionszahlen verschoben. Eine Öffnung der Touristenattraktion im nordindischen Agra sei derzeit nicht „im Interesse der Öffentlichkeit“, hieß es in einer Mitteilung der Behörden. Für Indien ist das ein Rückschlag, da es auch ein Signal gewesen wäre, dass ein wenig Normalität wieder möglich ist. Um die Wirtschaft neuerlich in Gang zu bringen, hat die Regierung in Delhi begonnen, die nach dem 24. März ergriffenen Covid-19-Maßnahmen nach und nach zu lockern.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Doch der „Unlock“ hat zu einer starken Zunahme der registrierten täglichen Neuinfektionen geführt. Am Sonntag hatte das Land mit fast 25.000 Neuinfektionen einen Rekord erreicht. Am Montag kamen dann noch einmal mehr als 23.000 dazu. Indien ist damit auf Platz drei in der Negativ-Rangliste der Länder mit den meisten Infizierten vor Russland gerückt. Laut der Johns-Hopkins-Universität hatte Indien am Montag mehr als 697.000 Fälle zu verzeichnen. Nur die Vereinigten Staaten mit mehr als 2,8 Millionen und Brasilien mit 1,6 Millionen haben seit dem Beginn der Pandemie mehr Infektionen gemeldet.

          Solche „Ranglisten“ sind mit Vorsicht zu genießen, hängen sie doch von vielen Faktoren ab, unter anderem von der Frage, wie viele Menschen getestet werden. Der Oppositionspolitiker Rahul Gandhi kritisierte dennoch die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi für ihre Reaktion auf die Corona-Krise. Sie sei eine künftige Fallstudie für die Harvard Business School zum Thema „Scheitern“, schrieb er auf Twitter. Dabei hat Indien laut den offiziellen Zahlen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen immer noch weniger Corona-Infizierte als viele andere Länder. Auch die Todesrate ist vergleichsweise niedrig.

          Betten aus Karton

          Doch stößt das unterentwickelte Gesundheitssystem in vielen Gebieten längst an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Es fehlt an Betten, Personal und Schutzkleidung. In der vergangenen Woche erregte der Tod eines Mannes Aufsehen, der in der Stadt Bangalore von mehreren Krankenhäusern zurückgewiesen worden und schließlich auf den Treppen einer Klinik tot zusammengebrochen war. Seiner Familie zufolge hatte sie 18 Krankenhäuser persönlich besucht und 32 Hospitäler telefonisch kontaktiert. Der 53 Jahre alte Mann hatte über Fieber und Atemnot geklagt. Er wurde nach seinem Tod positiv auf das Virus getestet.

          In einem Krankenhaus in Delhi wird einem Mann ein Abstrich genommen, um ihn auf eine Infektion mit dem Coronavirus zu testen.

          In Delhi, das sich zu einem Hotspot in der Corona-Krise entwickelt hatte, hat die Regierung die Kapazitäten für Covid-19-Patienten mittlerweile deutlich erhöht. So wurde ein Notlazarett auf dem Gelände eines Aschrams eröffnet, das Platz für insgesamt 10.000 Patienten bieten soll. Aus Kosten- und Hygienegründen wurden dort extra zu diesem Zweck entwickelte Betten aus Karton aufgestellt. Die Einrichtung ist für Patienten mit milden Symptomen gedacht. Auch Hotels und stillstehende Eisenbahnwaggons werden zu Krankenstationen umgebaut. Auch die vergleichsweise immer noch niedrige Testrate wird langsam erhöht.

          Derzeit kommen in Delhi immer noch mehr als 2000 Neuinfektionen pro Tag hinzu. Das sind hohe Zahlen, wenn auch etwas weniger dramatisch als vor etwa zwei Wochen. Und so teilte auch das größte Covid-19-Krematorium der Hauptstadt mit, dass die Zahl der eingelieferten Leichen dort deutlich zurückgehe. Die Einäscherungsanlage war zwischenzeitlich so überlastet gewesen, dass zusätzliche Krematorien genutzt werden mussten. Die Regierung hält auch trotz der steigenden Zahlen an den Lockerungen fest. Mittlerweile sind nicht nur Fabriken und Geschäfte, sondern auch Friseursalons und Fitness-Center wieder offen. Während der innerindische Flugverkehr wieder läuft, sind internationale Flüge weiter eingeschränkt.

          Auch im Süden steigen die Infektionszahlen stark an

          Die Region mit den meisten Coronavirus-Fällen ist immer noch Maharashtra mit der Megastadt Bombay. Auch nordindische Bundesstaaten verzeichnen weiter hohe Infektionszahlen. In den vergangenen Tagen stiegen aber vor allem auch in den südindischen Bundesstaaten Tamil Nadhu, Telangana, Karnataka und Andhra Pradesh die Infektionszahlen bedenklich an. Diese Regionen tragen mittlerweile mehr als ein Viertel der Fälle bei. Es sind derzeit auch die einzigen Staaten, in denen die Fälle schneller zunehmen als der nationale Durchschnitt. Nur der südindische Staat Kerala ist derzeit noch weniger betroffen. Die dortige Regierung war für ihr entschlossenes Vorgehen gegen die Pandemie vielfach gelobt worden. Mit nur 24 Toten hat Kerala die niedrigste Zahl an Toten aller indischen Bundesstaaten. Aber auch dort zieht das Infektionsgeschehen nun langsam an.

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