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Indiens Atomprogramm : Raketenhafter Aufstieg

Die am Donnerstag abgefeuerte Langstreckenrakete vom Typ „Agni-V“ Bild: dpa

Indien sieht sich seit jeher als Großmacht. Es hat nie den Vertrag zur Nichtverbreitung von Kernwaffen unterzeichnet, sondern sein Programm stetig ausgebaut. Amerika half mit.

          Indien lebt seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1947, nicht nur durch Verschulden anderer, in einer unfriedlichen Umgebung. An Selbstbewusstsein mangelte es den Führern des Landes nie. Deshalb haben sie Indien immer als Großmacht verstanden, die es in Wirklichkeit und in der Wahrnehmung der internationalen Gemeinschaft aber erst in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten wurde. Zu einer Großmacht gehört nach allgemeiner Auffassung auch eine große und gut ausgestattete Armee. Indien war - und ist in weiten Teilen immer noch - ein armes Land. Deshalb waren seine machtpolitischen Möglichkeiten immer eingeschränkt. Nicht einmal in seiner unmittelbaren Umgebung ist es der „Großmacht“ gelungen, eigenen Einfluss dauerhaft zu sichern. So richtet sich zum Beispiel Sri Lanka heute mehr nach China als nach Indien aus.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Materiell, politisch, aber auch emotional am stärksten in Anspruch genommen wurde Indien von Anfang an durch den Konflikt mit Pakistan, das erst durch die Teilung Britisch-Indiens ein separater Staat geworden war. Drei Kriege wurden seitdem zwischen den Nachbarstaaten geführt.

          Indien ist in weiten Teilen ein armes Land, und versteht sich doch seit langem als Großmacht

          Ein anderer militärischer Konflikt, der mit China um den Grenzverlauf im Himalaja im Jahre 1962, gilt hingegen als Anstoß zu einer forcierten Aufrüstung in Indien. Zu größerer internationaler Aufregung führte das im Mai 1974, als Indien einen Atomtest durchführte. Zwar betonte die Regierung, sein Atomprogramm diene ausschließlich friedlichen Zwecken. Aber abgesehen davon, dass das international mit großer Skepsis zur Kenntnis genommen wurde, gab es schon damals Forderungen aus der indischen Opposition, das Land solle eine eigene nukleare Abschreckungskapazität aufbauen.

          Diesen Schritt ging Indien aber erst im Jahre 1998. Wieder erntete Delhi viel Kritik. Die Vereinigten Staaten verhängten Wirtschaftssanktionen gegen Indien, weil das Land weiterhin weder den Nichtverbreitungsvertrag für Atomwaffen unterzeichnet hatte noch dem Teststoppabkommen beigetreten war. Die Atomtests entsprachen aber durchaus militärischer Logik. Schon im März 1988 hatte - unter großem Jubel der stolzen Nation - ein erster Test mit einer ausschließlich im Lande entwickelten Boden-Boden-Rakete stattgefunden. Die „Prithvi“ hatte zwar nur eine Reichweite von etwa 250 Kilometern. Aber die Beherrschung der Raketentechnik in Indien schritt seitdem stetig voran. Schon im Mai 1989 bestand eine „Agni“-Mittelstreckenrakete ihren ersten Test.

          1994 gesteht Pakistan, über Atomwaffen zu verfügen

          Wie weit die Aufrüstung auf dem indischen Subkontinent mittlerweile gediehen war, verdeutlichte das „Geständnis“ der pakistanischen Regierung vom August 1994, man verfüge über eigene Atomwaffen. Indien äußerte sich zwar empört über den Nachbarn, verfolgte aber sein eigenes Atomwaffenprogramm unbeirrt weiter. Im August 1999 veröffentlichte die indische Regierung einen Entwurf für eine Nukleardoktrin. Darin sicherte Delhi zu, in einem Konflikt nicht als erstes Land Atomwaffen einzusetzen. Nichtkernwaffenstaaten sollten ebenso wenig mit dem Einsatz nuklearer Waffen bedroht werden wie solche Länder, die nicht mit einer anderen Atommacht verbündet waren.

          Diese Regelung wurde 2003 in der endgültigen Fassung der Nukleardoktrin aufgeweicht. Nunmehr hieß es, der Einsatz nuklearer Waffen sei auch als Reaktion auf einen Angriff mit biologischen oder chemischen Waffen erlaubt. Die Entscheidung über einen etwaigen Einsatz der Waffen wird einem Gremium unter Leitung des jeweiligen Ministerpräsidenten übertragen. In der endgültigen Fassung bekräftigte Indien sein allgemeines Bekenntnis zu nuklearer Abrüstung. Diese müsse allerdings auf strikter Gegenseitigkeit basieren, alle anderen Atommächte müssten also auf ihre Kernwaffen verzichten.

          Obwohl Indien weiterhin nicht Mitglied des Nichtverbreitungsvertrages ist, erzielte das Land 2006 einen großen diplomatischen und politischen Erfolg. Anlässlich eines Besuchs des amerikanischen Präsidenten Bush in Delhi im März vereinbarten beide Länder die Grundzüge eines Abkommens, das de facto die Anerkennung Indiens als Atommacht durch die Vereinigten Staaten bedeutet. Indien erhielt vollen Zugang zu amerikanischer Nukleartechnologie und Brennstoffversorgung. Im Gegenzug sicherte Delhi zu, Inspekteuren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) Zugang zu zivilen Atomanlagen im Land zu gewähren.

          Während Präsident Bush dafür kritisiert wurde, dass er das Vorgehen eines Staates legitimiere, der sich nicht an internationale Abkommen halte, sah sich auch die indische Regierung schweren Vorwürfen ausgesetzt. Ihr warf man den „Ausverkauf“ nationaler Interessen vor. Bis zur Unterschrift unter das Abkommen dauerte es noch mehr als zwei Jahre. Erst am 3. Oktober 2008, kurz vor dem Ende der Amtszeit Bushs, wurde der Vertrag unterzeichnet. Kurz zuvor hatte die IAEA einen Kontrollplan für 14 indische Reaktoren genehmigt und damit erlaubt, dass Indien offiziell Strom aus Atomkraft gewinnen darf.

          Als wichtiges Motiv des amerikanischen Vorgehens galt von vornherein die Sorge Washingtons vor der wachsenden Macht Chinas. Indien weist zwar jeden Gedanken an eine „Komplizenschaft“ mit den Vereinigten Staaten gegen China zurück. Den Kollateralnutzen, den es aus den amerikanischen Ängsten ziehen konnte, hat es aber auch nicht ausgeschlagen.

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