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Indira Gandhi: Mutter Indiens

Von TILL FÄHNDERS
Foto: Barbara Klemm

19.11.2017 · Indira Gandhi ist in Indien eine nationale Ikone. Doch das Leben der ersten und einzigen Ministerpräsidentin des Landes hatte auch Schattenseiten. Heute wäre sie 100 Jahre alt geworden.

D as moderne Indien wäre undenkbar ohne die Helden der Unabhängigkeit, Jawaharlal Nehru und Mahatma Gandhi. Fast ebenso geprägt wurde das Indien des 20. Jahrhunderts aber von Indira Gandhi, der langjährigen Ministerpräsidentin und Tochter Nehrus. Für viele war sie die „Mutter der Nation“. Immerhin übte sie das Amt als erste und bisher einzige Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft aus. Nur ihr Vater hat Indien noch länger angeführt als sie. Doch ihr mangelndes Vertrauen in die demokratischen Institutionen brachte auch Schatten über Indien. Heute wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Der spätere indische Premierminister Jawaharlal Nehru mit seiner Frau Kamala und der einzigen Tochter Indira Foto: Picture-Alliance
Indira Gandhi als junges Mädchen zwischen den Eltern Foto: F.A.Z: Bildarchiv

Über Indira Gandhis politisches Erbe wird auch anlässlich dieses Datums wieder gestritten. Manche beklagen, dass es heute nur noch anhand des von ihr verhängten Ausnahmezustands (1975-1977) bewertet wird, der zur Einschränkung der Presse- und Redefreiheit und der Festnahme Hunderter politischer Gegner geführt hatte. Andere finden, dass sie Indien nicht früh genug von dem sozialistischen Irrweg führte, den ihr Vater in Anlehnung an das sowjetische Wirtschaftssystem eingeschlagen hatte. Wieder andere werten ihre Hilfe für die Bauern, die Erfolge im Konflikt mit Pakistan und dem Bau der Atombombe als ihre Errungenschaften.

Auf einer undatierten Aufnahme ist Indira Gandhi mit Mahatma Gandhi zu sehen. Die beiden hatten nach Indiras Heirat zwar den selben Nachnamen, waren aber nicht verwandt. Foto: Picture-Alliance

Keine Frage ist es, dass sie einen der obersten Plätze in der politischen Ahnengalerie Indiens verdient hat. Geboren wurde Indira Priyadarshini Nehru in den gebirgigen Höhen der Kaschmir-Region. Ihre Kindheit war vom frühen Tod der an Tuberkulose erkrankten Mutter und den Gefängnisaufenthalten ihres Vaters geprägt. Ihren berühmten Nachnamen legte sie für einen anderen berühmten Namen ab, als sie im Jahr 1942 einen Familienfreund mit dem Namen Feroze Gandhi heiratete. Eine Verwandtschaft zu dem Meister des gewaltlosen Widerstands bestand aber nicht.

Das Paar bekam zwei Söhne, Sanjay und den späteren Ministerpräsidenten Rajiv Gandhi. Doch die Ehe verlief unglücklich. Ohne ihren Ehemann zog Indira Gandhi zu ihrem Vater nach Delhi, um ihn als Assistentin und bei Empfängen hoher Staatsgäste zu unterstützen. Die Arbeit ihres Vaters sei wichtiger als die ihres Mannes, begründete sie den Schritt später. Erst im Alter von mehr als 40 Jahren begann auch ihr politischer Aufstieg, der 1966 zunächst in der Wahl zur Ministerpräsidentin gipfelte.

Als es im Jahr 1971 zum Konflikt um die Abspaltung des damaligen Ostpakistans (dem heutigen Bangladesch) kam, saß sie schon fest im Sattel. Mit dem militärischen Sieg über Pakistan erreichte sie den vorläufigen Höhepunkt ihrer Beliebtheit. Doch die Zeit nach dem Krieg war auch wegen der weltweiten Ölkrise eine der Hungersnöte, der Armut und der politischen Unruhen. Nicht zuletzt aufgrund ihrer schwindenden Macht veranlasste sie im Jahr 1974 Indiens ersten Atombombentest.

  • Im Jahr 1949 besucht Indira Gandhi an der Seite ihres Vaters die Vereinigten Staaten und wurde auf dem Rollfeld vom amerikanischen Präsidenten Harry Truman in Empfang genommen. Foto: Picture-Alliance
  • 1956 fährt Jawaharlala Nehru mit seiner Tochter Indira durch London, nachdem ihm die höchste Ehrung der Stadt „Freedom of the City of London“ verliehen wurde. Foto: Picture-Alliance
  • Im Dezember 1956 war Indira Gandhi mit ihrem Vater wieder in den Vereinigten Staaten. Diesmal wurden sie vom Vize-Präsidenten Richard Nixon empfangen. Foto: Picture-Alliance
  • Bundeskanzler Adenauer zeigte Indira Gandhi und ihrem Vater im Juli 1957 seine Heimat. Foto: AP
  • Indira Gandhi begleitete ihren Vater auch 1961 in die Vereinigten Staaten. Im Weißen Haus gab Präsident Kennedy ein Dinner für die Staatsgäste. Foto: Picture-Alliance

Die Angst vor Widersachern verleitete sie dazu, am 26. Juni 1975 den nationalen Ausnahmezustand zu erklären. Schon in der Nacht zuvor waren Hunderte politische Gegner festgenommen worden. Zwar wurde die stabilisierende Wirkung der Maßnahme in der Bevölkerung anfänglich begrüßt. Aber die Einschränkungen der Meinungsfreiheit und die willkürlichen Verhaftungen wirkten wie die Methoden eines Autokraten. Sie waren Ausdruck einer fehlenden Achtung für die Prinzipien, unter denen das demokratische Indien gegründet worden war.

Bei der Parlamentswahl zwei Jahre später erlebte sie dann auch eine Niederlage. Doch Indira Gandhi war „größer als ihr Amt“, wie ihre Anhänger sagten. Und so dauerte es nicht lang, bis sie im Jahr 1980 wieder zur Ministerpräsidentin gewählt wurde. Ihre letzte Amtsperiode war von religiösen Auseinandersetzungen zwischen der Hindu-Mehrheit und der im Nordwesten lebenden Sikhs geprägt. Die Separatisten wollten einen eigenen Staat „Khalistan“ schaffen. Die Besetzung des Tempelgeländes in Amritsar ließ die Ministerpräsidentin in einer blutigen „Operation Blue Star“ niederschlagen. Dabei kam eine hohe Zahl Sikhs ums Leben.

  • Als erster weiblicher Regierungschef Indiens wird Indira Gandhi von Präsident Radhakrischnan am 24. Januar 1966 vereidigt. Foto: Picture-Alliance
  • Bei seinem ersten Besuch in Neu Delhi nach seiner Flucht lernte der Dalai Lama, das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, auch Indira Gandhi kennen. Foto: Picture-Alliance
  • Indira Gandhi besucht im März 1966 Präsident Lyndon B. Johnson im Oval Office, Washington DC. Foto: Picture-Alliance
  • Indira Gandhi sprach und die Menschen hörten zu: Die Ministerpräsidentin bei einer Wahlkampfveranstaltung in Neu Delhi im März 1971. Foto: Picture-Alliance
  • Indira Gandhi im Jahr 1984 bei einem Spaziergang mit ihrem Sohn Rajiv, der versuchte, nach ihrem Tod in ihre Fußstapfen zu treten. Foto: Picture-Alliance

Trotz der Spannungen zwischen den Religionen insistierte Gandhi, dass die für ihren Schutz zuständigen Sikh-Leibwächter weiter auf sie aufpassen sollten. Indien sei schließlich ein säkularer Staat, argumentierte sie. Als am 31. Oktober 1984 der britische Schauspieler Peter Ustinov im Garten ihres Hauses ein Interview mit ihr machen wollte, hörte er plötzlich Schüsse. Zwei ihrer Leibwächter hatten auf dem Weg zum Interview das Feuer auf Indira Gandhi eröffnet. Sie erlag im Krankenhaus ihren zahlreichen Verletzungen.

In einer Reihe mit den Großen: Ein Porträt Indira Gandhis hängt zwischen den Bildern anderer bekannter Politiker Indiens (v.l.n.r.: Subash Chandra Bose, Mahatma Gandhi,Rajiv Gandhi, Indira Gandhi, Lal Bahadur Shastri, Jawaharlal Nehru und Chandra Shekhar Azad) über einem Durchgang in Neu Delhi Foto: Picture-Alliance

Am Ende lebte die Dynastie des Nehru-Gandhi-Clans noch einige Jahre weiter. Indiras Sohn und Amtsnachfolger Rajiv Gandhi wurde im Jahr 1991 ebenfalls Opfer eines Attentats. Sonia Gandhi, die italienischstämmige Witwe, wacht heute noch über die von Nehru gegründete Kongresspartei. Ihr Sohn Rahul verfolgt wenig erfolgreich seine Ambitionen, der Großmutter einst an die Spitze der Regierung nachzufolgen. Die etwas beliebtere Tochter Priyanka Vadra traut sich den endgültigen Schritt in die Politik nicht. Und so verblasst der Glanz der Familie allmählich, der von Nehru begründet und von seiner Tochter fortgeführt worden war.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 19.11.2017 13:57 Uhr