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Indien nach den Stromausfällen : Peinlich berührt

„Katastrophe mit Ansage“: Stromleitungen in Delhi Bild: dapd

Indiens Regierung schimpft auf die Opposition – und umgekehrt. Derweil müssen Millionen damit leben, dass immer wieder der Strom ausfällt. Ein Ausweg ist nicht zu sehen.

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          Im Englischen, auch im Indisch-Englischen, hat das Wort „power failure“ zwei Bedeutungen: Stromausfall und Machtversagen. Das muss man wissen, um den Witz zu verstehen, der derzeit in Delhi zirkuliert: „Wie nennt man ,power failure‘ in Delhi? – Manmohan Singh“. Schon länger ist der indische Regierungschef zum Symbol für die Unfähigkeit des Staates geworden, die Bürger mit dem Nötigsten zu versorgen. Mit dem mehrstündigen Stromausfall, der Anfang der Woche mehr als 600 Millionen Inder in Mitleidenschaft zog, hat Singh seine unrühmliche Rolle gefestigt.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Natürlich macht niemand den Ministerpräsidenten persönlich dafür verantwortlich, dass das Versorgungsnetz für mehr als zwanzig Bundesstaaten im Norden Indiens zusammengebrochen ist, zehntausende Menschen an Bahnhöfen festsaßen und sogar die U-Bahnen in der Hauptstadt Delhi lahmgelegt wurden. Aber typisch finden viele die Reaktion der Regierung. Anstatt den „schlimmsten Stromausfall in der Weltgeschichte“ – so das indische Magazin „Outlook“ – für die Bürger nachvollziehbar zu erklären, Konsequenzen zu ziehen und sich bei der Bevölkerung zu entschuldigen, sucht die Regierung Singh nach Schuldigen, die sie zunächst in (überwiegend von der Opposition regierten) Bundesstaaten fand. Diese hätten, hieß es, ihre Kontingente überzogen.

          Als schlechte Pointe konnte nur verstanden werden, dass Singh inmitten des Malheurs seinen formal zuständigen Energieminister Sushil Kumar Sindhe zum Innenminister beförderte. Dass dies keine Belohnung für ein Versagen, sondern Teil einer länger geplanten Kabinettsumbildung gewesen ist – Grund war der Wechsel des früheren Finanzministers Mukherjee ins Präsidentenamt -, fiel bei den Kommentatoren nicht ins Gewicht. Die Maßnahme zeige nicht gerade Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Krise an, hieß es in einer Zeitung. Wieder einmal wird der Regierung vorgeworfen, sich arrogant und machtvergessen über die Bedürfnisse der Bürger zu erheben.

          Das Ende des wirtschaftlichen Höhenfluges

          Viele betrachten es nicht als Zufall, dass das Ende des wirtschaftlichen Höhenfluges mit einer Reihe von Korruptionsskandalen in der Regierung einherging. Singh, in den neunziger Jahren der „Vater des Aufstiegs“, hat sich in den Augen der meisten Inder zu einem Abstiegsverwalter gewandelt. Allgemein wird beklagt, dass in seiner zweiten Legislaturperiode, die im Jahr 2009 begann, keine nennenswerten Reformen mehr in Angriff genommen wurden.

          Zwar investierte Delhi in den Energiesektor, aber die meisten der neuen Atommeiler werden erst in einigen Jahren ans Netz gehen, während es vielen der schon betriebsbereiten neuen Kraftwerke schlicht an Brennstoff fehlt. Als größte Bürde machen Fachleute die korruptionsanfällige und ineffiziente Staatswirtschaft der Branche aus. Ein Wirtschaftsverband bezeichnete den „schrecklichen Dienstag“ als „Katastrophe mit Ansage“.

          Der abermalige Beleg für Misswirtschaft und Unvermögen schlägt aufs nationale Selbstbewusstsein durch. Noch vor einigen Jahren war man sich in Delhi und Bombay einig, dass die Zukunft Indien gehört und der Wettlauf mit China gewonnen werden kann. Inzwischen sind diese Stimmen weitgehend verstummt, auch ohne Blick auf den Medaillenspiegel von London. Man sei zum „Gespött der Welt“ geworden, schäumte die hindi-sprachige Zeitung „Dainik Jagran“ am Mittwoch. Die Wirtschaftszeitung „Economic Times“ aus Delhi titelte in Form einer Grabinschrift: „Superpower India, RIP“ – das Akronym steht für „rest in peace“, ruhe in Frieden.

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