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Indien : Massaker in Mecklenburg

Kaschmir: Früh an Militärpräsenz gewöhnt Bild: EPA

Wenn Deutschland Indien gewesen wäre: Ein besonderer Rückblick auf das Jahr 2003 auf dem Subkontinent vom F.A.Z.-Korrespondenten in Delhi.

          4 Min.

          Das Jahr begann kühl. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt starben Hunderte Obdachlose in den Bergregionen des Schwarzwaldes, des Allgäus und der deutschen Alpen. Das Säbelrasseln zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seinem österreichischen Amtskollegen Wolfgang Schüssel um Tirol wurde derweil lauter. Die verfeindeten Bruderstaaten testeten Raketen, die mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden können. Beide Regierungschefs ließen durchblicken, daß der Ersteinsatz von Atomwaffen die Vernichtung von Berlin oder Wien nach sich zöge.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Seit Terroristen im Advent 2001 die Bombe vor dem Deutschen Bundestag zündeten - Berlin bezichtigte umgehend Wien -, ist das Verhältnis der früher vereinten Staaten mehr als angespannt. Im Sommer vergangenen Jahres blickten sich eine Million deutsche und österreichische Soldaten an der Tiroler Demarkationslinie in die Augen; ein Krieg stand bevor und war nur durch den diplomatischen Einsatz Washingtons abgewendet worden.

          Protestantisch-katholische Konflikt

          Auch innenpolitisch klemmte es. Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Protestanten (AsP) verstärkte den Druck auf den Bundeskanzler, einen Martin-Luther-Dom in Eisleben zu errichten. Vor elf Jahren hatten fanatische AsP-Anhänger die einzige katholische Kirche des Ortes zerstört, weil sie unter dem Gebäude den wahren Geburtsort des Reformators vermuteten. Schröder, der vor fünf Jahren nicht zuletzt von der Luther-Bewegung und der Reprotestantisierungswelle ins Amt getragen wurde, befindet sich im Dilemma. Einerseits muß er seine Gefolgschaft bei der Stange halten, andererseits fürchtet er als Staatsmann, der er sein will und auch ein bißchen geworden ist, daß der protestantisch-katholische Konflikt wiederaufflackern könnte, der in den vergangenen zehn Jahren mindestens 2.000 Menschenleben forderte. Um Zeit zu schinden, verweist er auf das schwebende Verfahren vor dem Landesgerichtshof in Magdeburg.

          Im April wendet sich das Blatt zum Besseren. Schröder besucht eine SPD-Kundgebung im deutsch regierten Teil Tirols und streckt die „Hand der Freundschaft" nach Wien aus. Schüssel reagiert positiv, der „Friedensprozeß" beginnt. Berlin und Wien entsenden Botschafter, ein Bus pendelt zwischen Regensburg und Linz; 90 Bürger beider Staaten können jetzt jede Woche die Grenze passieren. Auch Verhandlungen über die Wiederaufnahme des Flugverkehrs werden aufgenommen. Die Serie der Anschläge in Tirol reißt gleichwohl nicht ab. Täglich sterben im deutsch regierten Teil Menschen bei Anschlägen. Schröder, vor allem aber sein Stellvertreter Joschka Fischer, werfen Schüssel vor, das Einsickern österreichischer Terroristen über die Kontrollinie weiterhin zu dulden.

          Kabinettskrise und Machtkampf

          In Berlin schwelt derweil eine Kabinettskrise. Während Schröder im Ausland ist, macht Franz Müntefering mißverständliche Äußerungen darüber, wer bei der Bundestagswahl als Spitzenkandidat der Koalition antreten werde. Eine Debatte über das Verhältnis zwischen Schröder und Fischer beginnt. Auch Otto Schily werden Ambitionen nachgesagt. Wenig später stellt die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Fischer ein, das wegen seiner Verwicklung in den Eislebener Vandalismus eröffnet worden war. Gegen Schily wird weiter ermittelt. Erst nach einer Petition Schilys gerät er aus der Schußlinie. Von Manipulation ist die Rede, der Machtkampf geht weiter.

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