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Indien : Gute Muslime, böse Muslime

  • -Aktualisiert am

Rund 130 Millionen Muslime leben in Indien Bild: ap

Ohne die zehntausenden Koranschulen wären Millionen junger Muslime in Indien und Pakistan zum Analphabetentum verurteilt. Vor allem die Amerikaner glauben aber, daß dort militante Islamisten herangezogen werden.

          5 Min.

          „Sie wollen eine Keimzelle des Terrorismus besichtigen, bildungsfeindliche, fundamentalistische Muslime sehen?“ fragt Adil Siddiqui. Der Mann in der abgewetzten Lederjacke ist das öffentliche Gesicht der Koranschule Darul Uloom in Deoband, die man getrost die Mutter der Islamseminare in Südasien nennen kann, ein Hort sunnitischer Bildung seit 1866.

          An die 80.000 Absolventen hat die Darul Uloom seither hervorgebracht, rund 3.500 vorwiegend junge Männer studieren derzeit in dem nordöstlich von Delhi gelegenen Ort, der sich seit dem 11. September 2001 über neugierige westliche Besucher nicht beklagen kann.

          Westliche Länder, vor allem Amerika, glauben, daß in manchen Seminaren, ob sie nun „Madrasah“ (Südasien) heißen oder „pesantren“ (Indonesien), militante Islamisten herangezogen werden. Andererseits berufen sich militante Gruppen wie die Taliban auf Deoband, wo aber afghanische Studenten schon seit vielen Jahren nicht mehr ausgebildet werden. „Wir lesen nur die gleichen Bücher“, heißt es dazu in Deoband an der Darul Uloom.

          Strikt getrennte Erziehung

          Nicht mehr nur die arabische Welt ist führend im Transfer religiösen Wissens, immer stärker werden die Einflüsse aus Südasien, wo dreimal mehr Muslime leben (450 Millionen in Indien, Pakistan und Bangladesh), mehr auch als in Indonesien, dem größten islamischen Land der Welt, und in Malaysia zusammen.

          In Indien gibt es rund 10.000 Koranschulen, möglicherweise aber auch 30.000 oder 60.000, wenn man Institute im Schlafzimmerformat mitrechnet. Überall findet man in kargen Räumen, oft von „Hausmeistern“ überwacht, junge Menschen, die ziemlich weltabgewandt wirken. Unter gefaßten Terroristen, unter bekannten militanten Islamisten oder Kämpfern in Kaschmir findet sich kein Absolvent eines indischen Instituts.

          Eher als die bescheidenen Deobandi, so Siddiqui, neigten „moderne“, akademisch gebildete und dann arbeitslos gewordene Muslime zur Gewalt. Maulanas und Maulvis kommen in den Terrornachrichten nicht vor. Was aber nicht heißt, daß Siddiqui und seine vorgesetzten Dekane und Vizerektoren die afghanischen Taliban in Grund und Boden verdammen würden. Diese „Studenten“ folgten dem auch in Deoband gelehrten Kanon Dars-e-Nizami, den sie freilich in pakistanischen Koranschulen gelernt hatten. Unter den Taliban sei es in Afghanistan besser zugegangen als unter dem heutigen Präsidenten Karzai, lautet die einhellige Meinung an der Darul Uloom, wo man die Verschleierungspflicht für Frauen ebenso gutheißt wie die strikt getrennte Erziehung der Geschlechter und das Verbot von Film und Fernsehen, von Sport und Spielen. In der Bibliothek (1,5 Millionen Exemplare, die meisten in arabisch) macht Siddiqui auf Spezialbände mit Themen wie „Frauen unter Kontrolle halten“ oder „Ein gottesfürchtiges Leben führen“ aufmerksam.

          „Wir wollen leben“

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