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Indien : Junge Inder protestieren mit Gewalt gegen Militärreform

Es geht um den Armeedienst: Indische Aktivisten stoßen am 20. Juni mit Polizisten in Chennai zusammen. Bild: EPA

In Indien war eine Armeelaufbahn das Ticket in eine stabilere Zukunft. Eine Beschränkung des Militärdienstes auf vier Jahre sorgt für Wut und Enttäuschung.

          2 Min.

          Flammen und Rauch schlagen aus den Fenstern eines Passagierwaggons. Auf den Schienen brennen Reifen und ein Motorroller. Junge Männer recken ihre Fäuste in die Höhe und skandieren Parolen. Es sind Bilder, die seit Tagen in der indischen Presse erscheinen. Man könnte vermuten, dass der emotionalen Erregung eine tiefe Beleidigung nationaler Gefühle vorausgegangenen sein müsste. Doch der Grund für die gewaltsamen Proteste hat viel praktischere Hintergründe. Es geht um ein neues Rekrutierungsmodell für das Militär, das die Regierung vor einer Woche vorgestellt hat. Es sieht vor, dass junge Rekruten zunächst nur noch für vier Jahre einen Vertrag bekommen. Viele Menschen verlieren damit die Aussicht auf lebenslange Karrieren, kostenlose Krankenversicherung und anständige Pensionen, die den Militärdienst für sie so attraktiv gemacht hatte.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Eine Zeitung bezeichnete die heftigen Proteste als „Feuersturm“. Sie spielte damit auf den offiziellen Namen der Reform an. „Agnipath“, wie das neue Modell genannt wird, bedeutet wörtlich „Feuerpfad“. Der Begriff beschreibt den Weg der Aufopferung, mit dem sich die Soldaten dem Staat unterordnen. Aber auch in Indien entscheiden sich die jungen Männer nicht nur aus Berufung für einen Eintritt in den Militärdienst. Eine Armeelaufbahn galt bisher bei vielen als sicheres Ticket in eine stabilere Zukunft. In den Dörfern und Kleinstädten des Landes bereiten sich junge Leute jahrelang auf den Militärdienst vor.

          Nun haben junge Demonstranten Züge in Brand gesetzt, mit Steinen auf Sicherheitskräfte geworfen und Scheiben zerschmettert. Ein Mensch ist bereits bei den Unruhen ums Leben gekommen. Hunderte Protestteilnehmer wurden festgenommen. Die Reaktionen fallen insbesondere in den Regionen heftig aus, aus denen traditionell viele Soldaten kommen. Dazu gehören die Bundesstaaten Bihar, Haryana, Uttar Pradesh und Telangana.

          Für Montag waren zuvor weitere Proteste und Streikmaßnahmen angekündigt worden. Die Behörden hatten 500 Zugverbindungen gestrichen und den Internetzugang eingeschränkt. Auffällig ist das hohe Gewaltpotential der Demonstranten. Eine Zeitung bezeichnete die gewaltbereite Jugend als „größtes nationales Sicherheitsproblem“. Indiens Arbeitslosenrate liegt offiziell derzeit bei etwa sieben Prozent. Der Großteil der Erwerbstätigen ist im informellen Sektor beschäftigt. Das führt zu Wut und Enttäuschung unter jungen Leuten. Mit einem Durchschnittsalter von rund 28 Jahren ist Indiens Bevölkerung besonders jung. Zwischen sechs und zehn Millionen Menschen drängen pro Jahr auf den Arbeitsmarkt. „Was für ein Job ist das, der nur vier Jahre dauert? Danach sind wir wieder arbeitslos“, schimpfte ein junger Mann im Sender BBC.

          Kritisiert wird das Programm auch von der Opposition, die dadurch eine Schwächung Indiens gegenüber China und Pakistan befürchtet. Indien ist laut dem Internationalen Stockholmer Friedensforschungsinstitut das Land mit den dritthöchsten Militärausgaben. In militärischer Stärke und Effizienz hinkt es den anderen Ländern aber hinterher. Mit der Reform will Neu Delhi Geld, das bisher für Löhne und Pensionen ausgegeben wurde, für die Modernisierung der Streitkräfte bereitstellen. Mit mehr als 1,45 Millionen aktiv im Dienst stehenden Soldaten hat Indien auch die zweitgrößte Armee der Welt nach China. Nach Berechnungen indischer Medien gibt es anteilig aber viel mehr für Personal aus. Die Löhne, Zulagen und Pensionen machten mehr als die Hälfte der Ausgaben für das Militär aus.

          Außerdem sollen die Streitkräfte durch die Maßnahme verjüngt werden. Der neue Plan sieht vor, dass von jedem Jahrgang in Zukunft nur noch 25 Prozent länger als vier Jahre im Militärdienst bleiben. Angesprochen werden Rekruten im Alter von 17,5 bis 21 Jahren. Um den Protestierenden etwas entgegenzukommen, hat die Regierung die Altersgrenze für die erste Ausschreibung einmalig auf 23 Jahre angehoben. Es sollen auch nur noch 50 Prozent der Truppen über das Programm angeheuert werden. Ministerpräsident Narendra Modi äußerte sich am Montag nur indirekt zu den Unruhen. „Einige Entscheidungen mögen zuerst unfair erscheinen“, sagte er bei einer Rede in Bangalore. „Aber mit der Zeit werden sie beim Aufbau der Nation helfen.“

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