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Indien : Ein dunkler Fleck auf der Terror-Landkarte

Bei der Serie von Bombenanschlägen in Assam starben 77 Menschen Bild: dpa

Die jüngsten Anschläge in Indien lenken den Blick auf ein Land, das sich gerne als regionaler Stabilitätsfaktor präsentiert. Doch sieht es sich militanten Bedrohungen von sehr unterschiedlichen Gruppen ausgesetzt. Eine weitere Gewaltquelle: der „Hindunationalismus“.

          Die Serie von Bombenanschlägen in Assam, deren Opferzahl am Freitag auf 77 gestiegen ist, lenkt den Blick auf ein Land, das sich international gerne als regionaler Stabilitätsfaktor präsentiert. Tatsächlich füllt Indien – verglichen mit Afghanistan, Pakistan oder Sri Lanka – die Nachrichtenspalten seltener mit Terroranschlägen, aber dies liegt überwiegend daran, dass das große Land auch mit anderen Ereignissen in Erscheinung tritt. Beleuchtet man Indien als Ort der Gewalt, verdunkelt sich das Bild: Allein durch Bomben wurden in den vergangenen drei Jahren mehr als 500 Menschen getötet. Noch alarmierender ist der Trend, denn jeder zweite von ihnen starb in den vergangenen fünf Monaten.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Anders als die Nachbarstaaten sieht sich Indien militanten Bedrohungen von sehr unterschiedlichen Gruppen ausgesetzt, die untereinander zum Teil verfeindet, zum Teil vernetzt sind. Eine lange Tradition haben separatistische Gruppierungen, die sich oft maoistisch oder naxalitisch nennen. Von ihren Aktivitäten, die auch vor Terror nicht halt machen, ist fast der gesamte Osten des Landes erfasst, vom nördlichen Assam bis hinab ins südliche Andhra Pradesh. Noch im vergangenen Jahr erklärte Ministerpräsident Manmohan Singh die Naxaliten, die jährlich viele Hunderte Menschen töten, zur „größten Bedrohung“ Indiens.

          Kaum ein Landesteil wurde bislang verschont

          Eine weitere Gewaltquelle ist der „Hindunationalismus“. Was nicht erst mit der Ermordung Mahatma Gandhis begann, übersetzte sich spätestens in den frühen neunziger Jahren in eine breite Bewegung, die keine Mittel scheut. Die anti-muslimischen Gewaltausbrüche in der Tempelstadt Ayodhya und zehn Jahre später im Bundesstaat Gujarat haben den Indern das Aggressionspotential der Bewegung vor Augen geführt. In jüngster Zeit beobachten Fachleute die Herausbildung eines „Hindu-Terrorismus“, der nach dem Vorbild muslimischer Dschihadis auf Bombenanschläge setzt und sich bislang auf den Westen Indiens konzentriert. Im September zündeten Hindu-Fanatiker während des Ramadan tödliche Sprengsätze in Malegaon (Maharashtra) und Modasa (Gujarat).

          Ein Zentrum ist Maharashtras Provinzhauptstadt, die nationale Finanzmetropole Bombay (Mumbai), wo mit Raj Thackerey einer der schlimmsten Scharfmacher der Bewegung wirkt. Aber hindunationalistische Organisationen wie der RSS und vor allem der VHP sind über ganz Indien verteilt und stacheln zum Teil auch in entfernten Gegenden zu Angriffen gegen nicht-hinduistische Minderheiten auf. Seit einigen Monaten schockieren vor allem Christenverfolgungen in Orissa und Karnataka das Land.

          Die meisten – und weitaus professionellsten – Anschläge werden in Indien aber noch immer von Islamisten verübt. Lange Zeit betrachtete Delhi deren Angriffe als „Terror von außen“, weil die Täter aus Pakistan, später auch aus Bangladesch ins Land sickerten. Die Anschläge der jüngeren Zeit haben aber gezeigt, dass Indien mit seinen 150 Millionen Muslimen ein eigenes Dschihadi-Milieu entwickelt hat. Längst ist das mehrheitlich muslimische Kaschmir nicht mehr der einzige Austragungsort islamistischer Gewalt. Kaum ein Landesteil wurde in den vergangenen Jahren verschont, und nun scheinen erste Ermittlungsergebnisse anzudeuten, dass auch im nordostindischen Assam eine islamische Terrorgruppe hinter der Anschlagsserie steckt.

          Nicht nur Assam ist betroffen

          Wegen massiver Einwanderungen aus dem benachbarten Bangladesch ist das sozial schwache Assam in den vergangenen Jahren nach Jammu-Kaschmir zum Bundesstaat mit dem höchsten Anteil von Muslimen geworden. Jeder Dritte der 27 Millionen Assamesen hängt Schätzungen zufolge dem Islam an. Auseinandersetzungen zwischen Bangladeschis, Zuwanderern aus westlichen Landesteilen und den angestammten Assamesen haben deutlich zugenommen. Sicherheitsfachleute beobachten vor allem verstärkte Aktivitäten von Islamisten; schon 1999 wurden in Assam erste Bangladeschis und Pakistaner unter Terrorverdacht festgenommen.

          Die Gruppen, unter ihnen die aus Bangladesch stammende „Harkat-ul-Jehadi-e-Islami“ (Huji), sollen seit acht Jahren Kontakte mit der indigenen Separatistenbewegung der „Vereinigten Befreiungsfront von Assam“ (Ulfa) unterhalten. Auch wenn sie unterschiedliche Ziele verfolgen, vereint sie der Feind in Delhi. Ein Geheimdienstmitarbeiter, den die „Times of India“ zitierte, berichtet, dass die Huji seit längerem Untergrundlager nordostindischer Rebellengruppen in Bangladesch nutze, um Bombenanschläge in Indien vorzubereiten. Nicht nur Assam ist betroffen. In diesem Oktober erschütterten zwei tödliche Bombenserien Agartala in Tripura und Imphal in Manipur.

          Derartige Verbindungen wären nicht neu. Sicherheitsfachleute berichten seit geraumer Zeit von militärischen Ausbildungshilfen, die die Ulfa von der pakistanischen „Lashkar-e-Taiba“ (Let) erhält. Die Let fördert den Widerstand in Kaschmir und wird für zahlreiche große Bombenanschläge in Indien verantwortlich gemacht. Sie wiederum gilt – wie auch die Huji – als vernetzt mit den „Indischen Mudschaheddin“, die seit einigen Monaten als neueste – und fast rein indische – Terrorgruppe mit Bombenanschlägen auf dem Subkontinent hervortritt.

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