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Indien : Duell mit der Unberührbaren

Bei Hofe: Die „Königin der Unberührbaren“ (rechts) empfängt Anhänger. Bild: dapd

Im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh wird gewählt. Für Rahul Gandhi hängt viel von einem Erfolg ab. Doch die Zeiten, in denen seine Kongresspartei dort die Macht hatte, sind lange vorbei.

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          Zu den Herausforderungen, die Rahul Gandhi in diesem Wahlkampf bestehen muss, gehört auch die Feindschaft des Gurus Baba Ramdev. Der national bekannte "Swami", der mit Ehrendoktortiteln geschmückt ist, setzt eigentlich auf Meditation und ayurvedische Anwendungen, durch die er unter anderem Homosexualität zu "heilen" verspricht, aber im Wahlkampf greift er zu weniger yogischen Mitteln. Im Januar erwischte Rahul Gandhi beinahe ein Schuh am Kopf, und am Montag, auf seiner Abschlusskundgebung in Varanasi, wurde er von Hunderten Anhängern des Gurus am Reden gehindert.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          In Uttar Pradesh gehen die Uhren anders - und schon seit langem nicht mehr so, wie sich die Kongresspartei das wünscht. Früher war der mit 200 Millionen Einwohnern größte Bundesstaat Indiens eine Hochburg der Partei. Alle Dynasten, von Nehru über Indira Gandhi bis zu Rajiv Gandhi - Rahuls Vater -, erreichten das Premierministeramt über Uttar Pradesh. Doch dann begann der Kongress "UP" zu vernachlässigen, und in den neunziger Jahren tauchte Frau Mayawati auf, eine "Unberührbare", die den Bundesstaat seither im Wechsel mit Mulayam Singh Yadev von der Samajwadi Party (SP) regiert.

          Der "Königin der Unberührbaren" gelang es mit ihrer Bahujan Samaj Party (BSP), vor allem die Ärmsten unter den Hindus an sich zu binden. Die fast zwanzig Prozent Muslime in UP fühlen sich hingegen bei der inzwischen konkurrierenden SP wohler. Das lässt der größten Oppositionspartei Indiens, der hindunationalistischen BJP, den Zugriff auf die arrivierteren Hindus. Nur die Kongresspartei hat keine angestammte Wählerschaft mehr und versucht, zum Teil verzweifelt, in allen Lagern Sympathien zu sammeln.

          "In UP geht es in erster Linie um Kasten und erst in zweiter um politische Inhalte", heißt es in Delhi. Dabei hätten die Einwohner von Uttar Pradesh eine Menge, worüber sich zu streiten lohnte. Im östlichen Nachbarstaat Bihar, dem traditionellen Armenhaus Indiens, hat ein neuer Ministerpräsident - Nitish Kumar - in nicht einmal sieben Jahren die Lebensbedingungen spürbar verbessert. Das lässt sich von UP nicht in gleicher Weise behaupten.

          Die Ministerpräsidentin hat sich selbst in Stein meißeln lassen

          Für viele Unberührbare (Dalits) hat sich etwas getan. Die Förderprogramme wurden ausgeweitet, 200.000 Sozialbehausungen sind entstanden. Mayawatis Regierung hat die Stromversorgung verbessert und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum fast auf die nationale Durchschnittsrate gehoben: sieben Prozent. Selbst ein kleines Vorzeigeprojekt gelang der Ministerpräsidentin: Im vergangenen Jahr fand in Noida - einem Vorort von Delhi, der in UP liegt - das erste Formel-1-Rennen auf indischem Boden statt. Aber insgesamt haben sich die Sozialdaten des Bundesstaates nur wenig verändert. Die Mehrheit der Frauen auf dem Land sind Analphabeten geblieben. Etwa ein Drittel lebt unterhalb der Armutsgrenze.

          Furore macht die herrisch auftretende Ministerpräsidentin vor allem mit ihren Skandalen. Ihr teurer Versuch, das vernachlässigte Areal um das Taj Mahal für Touristen aufzuwerten, wurde unter Korruptionsbeschuldigungen begraben. Seither kamen die Amtsmissbrauchsvorwürfe nicht mehr zur Ruhe. Sie umgibt sich mit der Aura einer Herrscherin, der Hofstaat hat stets Abstand zu halten; das Volk sowieso. Dafür ist ihr Geburtstag zu einem öffentlichen Feiertag geworden, dem der "Volkswohlfahrt".

          Der Bundesstaat Uttar Pradesh im Nordosten Indiens

          Insignien der neuen Dalit-Macht sind die Statuen, die Frau Mayawati errichten ließ. Manche bilden den Elefanten ab, das Parteisymbol der BSP, andere zeigen historische Vertreter der Unberührbaren. Zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil hat sie aber auch sich selbst in Stein meißeln lassen; allein in Noida und der Landeshauptstadt Lucknow kann man die Ministerpräsidentin zwölf Mal bewundern. Die brahmanisch geprägte Elite in Delhi zerreißt sich darüber das Maul, aber viele Anhänger der Regierung in Lucknow betrachten das Sichtbarmachen der Unberührbaren als Gewinn.

          Am 6. März werden die Ergebnisse der nun beginnenden sieben Wahlrunden bekanntgegeben. Sollte es Frau Mayawati gelingen, ihre absolute Mehrheit zu verteidigen, würde dies auch ihr Gewicht auf der nationalen Bühne erhöhen. Im nicht auszuschließenden Fall, dass die nächste Regierung in Delhi nicht von einer der beiden großen nationalen Parteien - dem Kongress oder der BJP - gebildet würde, könnte Frau Mayawati zu den Kompromisskandidaten einer Koalition aus Regionalparteien zählen.

          Mehr noch steht für Rahul Gandhi auf dem Spiel. Er hat sich ungewöhnlich stark in Uttar Pradesh eingesetzt. Mit einem Sieg rechnet niemand, aber 80 der 403 Sitze müsste er schon für den Kongress holen, um erhobenen Hauptes vom Feld zu gehen; so die internen Maßstäbe der Partei. Wochenlang ließ er sich dabei beobachten, wie er mit den Ausgegrenzten und Armen auf Lehmfußböden Dal aß. Zugleich umwarb er die Muslime mit dem Versprechen, sie stärker an den Förderprogrammen teilhaben zu lassen.

          Seit Jahren spekuliert das politische Delhi über den Zeitpunkt, an dem Rahul das Zepter von Ministerpräsident Manmohan Singh übernehmen wird. Bislang hat der Gandhi-Spross, der die 40-Jahres-Grenze auch schon überschritten hat, außer seiner Familiengeschichte, einem sympathisch-bescheidenen Auftreten und allgemeinen Freundlichkeiten nicht viel vorzuweisen. In seinem heroischen Kampf um ein paar UP-Stimmen mehr könnte sich nun sein politisches Schicksal entscheiden. Gelingt es ihm, den ungünstigen Trend für den Kongress umzukehren, wäre dies seine Feuertaufe. Schafft er es nicht, könnte es das Ende seiner Karriere markieren und seine - von vielen bevorzugte - Schwester Priyanka ins Spiel bringen.

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