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Andreas Ross (anr.)

Kommentar : Klartext mit Kontext

  • -Aktualisiert am

Machte „Fake News“ zum Kampfbegriff: Donald Trump Bild: AP

In Zeiten von „Fake News“ müssen Politiker anders kommunizieren. Heikle Punkte zu benennen, widerspricht zwar dem Einmaleins des Marketings – aber politische Kommunikation ist keine Waschmittelwerbung.

          Das Hauptproblem am Phänomen „Fake News“ ist nicht der Begriff, sondern die Sache selbst. Doch was ist diese Sache? Lügen von Politikern? Schlampig recherchierte Nachrichten? Die selektive Wahrnehmung von Wutbürgern? Feindliche Propaganda? Automatisch generierte Botschaften von „Bots“ im Internet? Frei erfundene Knallergeschichten, mit denen kreative Köpfe Werbeeinnahmen erzielen, weil die Leute im Netz auf jeden Unfug klicken? Oder ist „Fake News“ einfach alles, was man selbst nicht gelten lassen mag?

          Die Vertrauenskrise, um die es im Kern geht, wäre schon ohne das analytische Durcheinander denkbar schwer zu bewältigen. Denn im Erdrutsch der Digitalisierung haben viele Akteure Halt verloren. Doch es wäre ein erster Schritt, das Knäuel zu entwirren. Die Verwirrung nützt nämlich denen, die sich gerade nicht der Wahrheit verpflichtet fühlen. Das erkennt man, wenn man sich die Geschichte des Etiketts „Fake News“ vor Augen führt. Es verdankt seine Karriere dem amerikanischen Präsidentenwahlkampf von 2016 – und seine Verunklarung zum Kampfbegriff dem Sieger Donald Trump.

          In der Spätphase des Wahlkampfs war bekannt geworden, dass in Mazedonien serienweise Facebook-Nachrichten generiert wurden, in denen Unglaubliches behauptet wurde: Papst Franziskus habe zur Wahl Trumps aufgerufen, oder ein mit Hillary Clinton verbündeter FBI-Agent sei ermordet aufgefunden worden. Mit Politik hatte das kaum zu tun: Trump war die Story des Jahres, und deshalb ließ sich mit solchen Räuberpistolen Geld machen – dank „sozialer Netzwerke“ auch ohne Verlag oder Sender im Rücken. Erst am Ende des Wahljahres dämmerte es vielen Amerikanern, dass sich auch Moskau eingemischt hatte.

          Lug, Trug und Misstrauen

          Kommentatoren warfen Trump vor, durch seine ungenierten Tatsachenverdrehungen das Feld für „Fake News“ bestellt zu haben. Die meisten Medien aber hatten sich in der falschen Gewissheit gewiegt, Clinton werde die Wahl gewinnen. Diese Blöße nutzte Trump aus und erklärte „die Medien“ zu den eigentlichen Lügnern. Seither wirft jeder jedem vor, „Fake News“ zu verbreiten. Für den Diskurs ist das toxisch. Nicht nur in Amerika.

          Lug, Trug und Misstrauen sind natürlich nichts Neues in der Politik. Neu ist die digitale Zuspitzung. Mit ein bisschen Geschick kann jedermann ein großes Publikum erreichen. Das machen sich auch böswillige Akteure zunutze, etwa Russland, das mit Desinformationskampagnen aus bequemer Ferne Sand ins Getriebe westlicher Demokratien streut. Programmierte Bots sind Teil dieser Entwicklung, aber bestimmt nicht deren Ende. Je lernfähiger die Software wird, desto schwerer wird der Kampf gegen „Fake-Bürger“, die Online-Diskussionen in die eine oder andere Richtung lenken.

          Zugleich haben traditionelle Medien Mühe, auf die Digitalisierung auch unternehmerisch schlüssige Antworten zu geben. Je stärker sie mit sich und der digitalen Transformation beschäftigt sind, desto schwerer tun sich viele Redaktionen: Einerseits gilt es, die neuen partizipatorischen Möglichkeiten im Internet so zu nutzen, dass auch Journalisten ihr Ohr noch näher an den Bürgern haben. Andererseits müssen die Medien ihre Rolle als Schleusenwärter verteidigen, die die Informationsflut bändigen. Anderes wäre in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht sinnvoll.

          Doch Arbeitsteilung beruht auf Vertrauen, und das wollen viele Bürger weder den Medien noch der Politik mehr schenken. Die Krise der politischen Kommunikation ist denn auch viel umfassender, als Rufe nach einer Kennzeichnung von Bot-Nachrichten, einer verstärkten Regulierung „sozialer Netzwerke“ oder einer besseren Cyberabwehr nahelegen. Sie ist in erster Linie hausgemacht. Das Verlangen nach „Klartext“ ist unüberhörbar. Schon immer gilt politische Kommunikation als die Kunst, komplexe Sachverhalte in einfache Botschaften zu kleiden. Doch diese Methode kommt schnell an ihre Grenzen, wenn es gilt, eine Regierungspolitik zu vertreten, die notgedrungen auf Kompromissen beruht.

          Politiker haben in den vergangenen Jahren neue Erfahrungen gemacht. Sie wurden von „einfachen“ Bürgern in Debatten über den Freihandel auf Details der Schiedsgerichtsbarkeit oder in Diskussionen über den UN-Migrationspakt auf ein abstraktes Konzept wie das Völkergewohnheitsrecht angesprochen. Da auch Parteien und Parlamente arbeitsteilig organisiert sind, weiß nicht jeder Politiker auf alles eine klare Antwort. Umgekehrt wiederholen auch viele Wähler eher Argumenthäppchen aus dem Netz, als dass sie sich ausführlich mit Chancen und Risiken der jeweiligen Vertragswerke auseinandersetzen würden. Wenn dann beide Seiten einander Desinformation unterstellen („Fake News!“), ist das Kind in den Brunnen gefallen.

          Die Politik hat weniger zu verbergen, als viele Leute meinen. Sie muss die Bürger ernster nehmen und mehr Kontext liefern, nach dem Motto: Wir haben dieses durchgesetzt, jenes aber nicht. Heikle Punkte zu benennen, widerspricht zwar dem Einmaleins des Marketings – aber politische Kommunikation ist keine Waschmittelwerbung. Solcher Klartext mit Kontext braucht allerdings Bürger, die es wirklich wissen wollen. So viel Ernst muss sein.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

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