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Syrische Region Idlib : Der Geist der Dschihadisten geht um

Unwetter und Machtkämpfe setzen den Menschen zu: Ein Flüchtlingslager nahe dem Ort Atme in der syrischen Provinz Idlib Bild: AFP

Eine Islamistenallianz hat die syrische Provinz Idlib unter ihre Kontrolle gebracht. Für die Bewohner bedeutet das weniger Hilfe – und womöglich neue Luftangriffe Assads.

          Es ist ein schlichtes, handgeschriebenes Dokument mit großer Sprengkraft. Die großen bewaffneten Gruppen in der syrischen Provinz Idlib haben ein Abkommen geschlossen, welches die Herrschaft der Islamistenallianz Hayat Tahrir al Scham (HTS) zementiert, die aus einem syrischen Al-Qaida-Ableger hervorgegangen ist. Die Übereinkunft hat eine erfolgreiche HTS-Militäroffensive zum Stehen gebracht. Der Preis, den ihre Rivalen dafür zahlen mussten, ist hoch: Künftig, so heißt es in dem Abkommen vom Donnerstag, werde die von Aufständischen kontrollierte Region im Nordwesten Syriens der „Regierung der Errettung“ unterstellt – und diese wird von den radikalen HTS-Islamisten kontrolliert.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Es ist eine Machtergreifung, die vor allem für die Zivilisten in Idlib verheerende Folgen hat. In der Provinz darben Abertausende Binnenflüchtlinge in Lagern und Notunterkünften unter erbärmlichen Umständen. Zuletzt haben Unwetter den Menschen weiter zugesetzt, die Lager wurden überschwemmt, Vorräte weggespült. Zudem mussten Hilfsmaßnahmen wegen der Kämpfe unter den Aufständischen ausgesetzt werden. Den Leuten stehen harte, kalte Wintermonate bevor.

          Aber in Regionen, die von der sogenannten Errettungsregierung kontrolliert werden, dürfte weniger Hilfe ankommen. Die westlichen Stabilisierungsprogramme können unter den derzeitigen Umständen unmöglich fortgeführt werden, heißt es von Diplomaten und Aufbauhelfern. Aus dem Auswärtigen Amt ist zu hören, dass entsprechende Programme, die zur Unterstützung der örtlichen Selbstverwaltung vorgesehen waren, umgehend ausgesetzt worden sind. Allenfalls humanitäre Hilfe scheint noch möglich, wenn es die Sicherheitslage denn erlaubt.

          In Orten, die sich den mächtigen Dschihadisten bislang widersetzt haben und deren Schicksal jetzt ungewiss ist, herrscht nun nicht mehr nur die übliche Not, sondern neue Sorge und Angst. In der Kleinstadt Kafr Nabl zum Beispiel, deren Einwohner sich den Geist aus den Tagen des friedlichen Aufstands gegen Baschar al Assad bewahren konnten und für schlagfertige Transparente bekannt sind.

          Akute Bedrohungslage

          Mehrere Einwohner teilten am Donnerstag in Textnachrichten mit, sie wollten sich lieber nicht zur Lage äußern, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Oder die Stadt Maarrat al Numan, wo Einwohner von einem „Schock“ sprachen und vom „Geist“ der Dschihadisten, der jetzt umgehe. „Viele Menschen haben unter den Extremisten gelitten, haben Kinder verloren oder wurden von ihnen verschleppt“, erklärt Bayan Rihan, die dort für eine Nichtregierungsorganisation gearbeitet hatte, bevor sie sich vor etwa zwei Wochen zur Flucht in die Türkei entschied. „Die Leute, die sich HTS entgegengestellt haben, stehen vor einer harten Wahl.“ Erst vor kurzem war der an der Grenze zur Provinz Aleppo gelegene Ort Atarib in die Hände der HTS gefallen. Auch hier hatten sich die örtliche Selbstverwaltung und die Einwohner lange gegen die Islamistenallianz behauptet.

          Dorf für Dorf hatten die HTS-Kämpfer zuletzt erobert und dabei unter anderem von einer erfolgreichen, aggressiven Rekrutierungskampagne profitiert. „HTS hat in den vergangenen Monaten großen Erfolg gehabt, junge Männer im Alter von fünfzehn und zwanzig Jahren anzuwerben“, sagt ein syrischer Beobachter, der unter den Rebellenbrigaden in Nordsyrien gut vernetzt ist. „Sie haben sich außerdem darauf konzentriert, die großen, strategisch wichtigen Gegner auszuschalten, und kleinere Brigaden eingebunden.“ Der von der Türkei gesponserten Rebellenallianz „Nationale Befreiungsfront“ haben sie eine empfindliche Niederlage beigebracht. Zwei der größten Gruppen haben in deren Namen die Übereinkunft vom Donnerstag unterzeichnet.

          Die türkische Regierung hatte nicht viel unternommen, um den Feldzug der Dschihadisten gegen ihre Schützlinge zu behindern oder gar zu stoppen. Dabei hatte sich Präsident Recep Tayyip Erdogan erst zu Beginn der Woche in einem Gastbeitrag in der „New York Times“ als Chef-Terroristenbekämpfer beworben und versichert, Ankara könne diese Arbeit erledigen. Im September hatte sich Erdogan gegenüber dem russischen Machthaber Wladimir Putin verpflichtet, gegen HTS vorzugehen. Ankara und Moskau hatten eine Vereinbarung geschlossen, um eine Offensive des Assad-Regimes in Idlib abzuwenden. Eine entmilitarisierte Pufferzone sollte eingerichtet, HTS sollte isoliert, wirtschaftlich ausgetrocknet und aufgelöst werden.

          Türkische Tauschgeschäfte auf Kosten des Widerstandes

          Von mit Syrien befassten Diplomaten hatte es allerdings in der Folge immer wieder geheißen, die Türkei tue sich schwer damit, die radikalen Islamisten kompromisslos zu bekämpfen. Russland sei ungeduldig, Ankara habe keine Strategie und laviere, hieß es.

          Nun steht der Verdacht im Raum, Erdogan habe den Dschihadisten das Feld überlassen. Unter nichtdschihadistischen Rebellen in Idlib ist die Rede davon, von ihren türkischen Förderern an die radikalen Islamisten „verkauft“ worden zu sein. Nach der Einschätzung sowohl westlicher als auch syrischer Beobachter ist Ankara schon früher Deals auf Kosten der Rebellen in Idlib eingegangen – etwa um im benachbarten syrischen Kurdenkanton Afrin freie Hand für eine Offensive zu haben.

          Am Donnerstag wurde über einen möglichen weiteren Deal Ankaras mit Moskau spekuliert. Die Verteidigungsminister beider Länder hatten am Mittwoch am Telefon über die Lage in Idlib beraten. Das Schicksal der Provinz könnte jedenfalls besiegelt sein, denn für Assad ist die HTS-Machtergreifung ein idealer Vorwand, um die Provinz zu attackieren. Bahr Nahas, eine führende Persönlichkeit der Zivilgesellschaft in Maarrat al Numan, fürchtet nicht nur die Rache der Islamisten an ihren Kritikern. Der Nachrichtenseite „Middle East Eye“ sagte er: „Wir haben jetzt Angst, dass es – selbst wenn HTS nicht einrückt – eine weitere Welle von Luftangriffen gibt.“

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