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Sri Lanka : „Da hat ein schmutziger Krieg begonnen“

Leichen im Krankenhaus von Buttala Bild: AFP

Mit ihrem Anschlag auf einen Bus wollten die „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ wohl zeigen, worauf sich das Land fortan einzustellen hat: auf Terror als Instrument eines wieder entflammten Bürgerkriegs. Gerüchte besagen, die LTTE wollten für eine neue Terrorwelle tausend Kämpfer „opfern“.

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          In Sri Lanka ist das eingetreten, was viele vorausgesagt hatten: Am Mittwochmorgen, wenige Stunden vor dem Auslaufen des Waffenstillstandsvertrags, zerfetzte eine Bombe im gewöhnlich friedlichen Süden des Landes einen Bus und riss mindestens 25 Passagiere in den Tod, unter ihnen wohl auch Schüler. Alle Erfahrung spricht dafür, dass die „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ (LTTE) zeigen wollten, worauf sich das Land fortan einzustellen hat: auf Terror als Instrument eines wieder entflammten Bürgerkrieges.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Fast sechs Jahre war der international vermittelte Waffenstillstand zwischen den LTTE und der Regierung in Colombo in Kraft - wenn auch zuletzt nur noch auf dem Papier. Es wirkte wie eine letzte Verhöhnung des Vertrages, als ihn Präsident Rajapakse zum Anfang des Jahres ordnungsgemäß kündigte - mit der vorgeschriebenen Frist von zwei Wochen. Nachdem sich die Regierung jahrelang mit großem Ernst zu dem Abkommen bekannt hatte, machte Verteidigungsminister Rajapakse - ein Bruder des Präsidenten - mit einem Wort klar, wie man es in Wahrheit betrachtete: als „Witz“.

          Offen wird von der „Vernichtung“ gesprochen

          Seit Mittwoch verfolgt die Regierung nun also auch offiziell die Linie, den vor 25 Jahren ausgebrochenen Konflikt kriegerisch zu lösen. In der Regierung und im Militär wird offen von der „Vernichtung“ der LTTE gesprochen. „Hohe Regierungsvertreter sind sich sicher, dass der Krieg innerhalb weniger Monate, jedenfalls vor Ablauf des Jahres, zu Ende sein kann“, sagt Jehan Perera vom „Nationalen Friedensrat“, einer regierungsunabhängigen Organisation in Colombo.

          In diesem Bus wurden zwei Dutzende Menschen getötet

          Ob die Einschätzung des Militärs auf einer soliden Lagebeurteilung beruht, oder als Propaganda betrachtet werden muss, weiß man in der Hauptstadt nicht zu sagen. Unbestritten ist, dass die Armee in den vergangenen Monaten Erfolge errungen hat. Der politische Führer der LTTE, Tamilselvan, wurde getötet; er war die rechte Hand des Militärchefs der Organisation, Prabhakaran. Nach monatelangen Kämpfen stehen die von den Tigerrebellen gehaltenen Enklaven im Osten wieder weitgehend unter Regierungskontrolle.

          Nun konzentriert sich der Kampf auf den Norden, wo die LTTE ein zusammenhängendes Gebiet kontrollieren, mit einer eigenen Verwaltung und einer „Hauptstadt“ (Kilinochchi). Angeblich plant die Regierung dort massive Flächenbombardements.

          Präsident Rajapakse unter Druck

          Armeechef Fonseka behauptete unlängst, die Rebellen seien bereits um die Hälfte dezimiert worden und hielten nur noch 3000 Kämpfer unter Waffen. Aber Beobachter in Colombo misstrauen solchen Zahlen - und auch der Bedeutung einzelner militärischer Erfolge. Jehan Perera erinnert an die Feststimmung in Colombo nach der Einnahme der Tamilenhochburg Jaffna im Jahr 1995. „Danach begann erst der schlimmste Teil des Krieges.“

          Obwohl an der Überlegenheit der Armee nicht gezweifelt werden kann, glauben nur Militärs und Regierungssprecher an einen „Sieg“ über die LTTE. Der Anschlag vom Mittwoch hat nach Ansicht eines westlichen Diplomaten die Botschaft der Rebellen für die nächste Zeit ausgesendet: „Wenn Ihr uns an die Wand drückt, bringen wir die Gewalt zu Euch“. In der Hauptstadt sind Gerüchte im Umlauf, die LTTE wollten tausend Kämpfer „opfern“, um Krieg und Terror in den singhalesischen Süden und in die Hauptstadt zu tragen. „Da hat ein schmutziger Krieg begonnen“, fürchtet der Diplomat.

          Präsident Rajapakse gilt dabei weniger als Antreiber, denn als Getriebener. Die radikale Mönchspartei JHU setzt ihn innerhalb der Regierung unter Druck, die nationalistisch-kommunistische JVP besorgt das gleiche Geschäft aus der Opposition heraus. Wegen seiner dünnen Regierungsmehrheit ist Rajapakse immer wieder auf die Unterstützung der radikalen Singhalesen angewiesen. Die Aufkündigung des Waffenstillstandsabkommens soll der Preis dafür gewesen sein, dass die JVP nicht gegen den Haushalt gestimmt hat.

          Westliche Diplomaten fühlen sich in die Irre geführt

          Während Rajapakse auf diese Weise um den Machterhalt ringt, gerät er in die Kritik der internationalen Gemeinschaft. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Louise Arbour, mahnte Anfang der Woche beide Kriegsparteien zur Einhaltung des internationalen Rechts und erinnerte daran, dass Kriegsverbrecher zur Verantwortung gezogen werden können. Die Reaktion fiel scharf aus: Von einer „kaum verhüllten - wenn auch rührend undurchsetzbaren - Drohung“ sprach der Botschafter Sri Lankas in Genf und forderte, die Entscheidungsprozesse in der Menschenrechtskommission sowie deren Finanzierung einmal international unter die Lupe zu nehmen.

          Tatsächlich gehen immer mehr ausländische Regierungen auf Distanz zu Colombo. Deutschland sowie einige andere EU-Staaten haben ihre Entwicklungshilfe schon seit längerem gestoppt, nun will auch Japan sein Engagement überdenken. Zwar waren es die Terroranschläge der LTTE, die vor gut zwei Jahren das schleichende Ende der Waffenruhe eingeläutet hatten. Aber die Regierung in Colmbo hatte diese Gewalttaten als scheinbar willkommenen Vorwand genommen, um nur noch härter zurückzuschlagen.

          Westliche Diplomaten fühlen sich inzwischen von Präsident Rajapakse in die Irre geführt. „Er hat uns unentwegt versichert, an einer friedlichen Lösung interessiert zu sein, und in Wahrheit von Anfang an die militärische Karte gespielt“, klagt ein Botschafter.

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