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In Quarantäne in Wilmington : Was macht eigentlich Joe Biden?

  • -Aktualisiert am

Der frühere amerikanische Vizepräsident und demokratische Präsidentschaftsbewerber Joe Biden. Bild: AFP

Der demokratische Präsidentschaftsbewerber hat es in Zeiten der Corona-Pandemie schwer, sich gegen Donald Trump zu profilieren. Der Präsident nutzt das weidlich aus und lästert über „Sleepy Joe“.

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          Trotz vieler Warnungen sind die Bürger des amerikanischen Bundesstaates Wisconsin inmitten der Coronavirus-Krise aufgerufen, am Dienstag an den Vorwahlen teilzunehmen. So war jedenfalls der Stand am Sonntag. Zwölf Bundesstaaten haben angesichts der Pandemie ihre Wahltermine für die parteiinternen „Primaries“ der Demokraten und Republikaner verschoben. In Wisconsin indes will man an dem Termin festhalten, obwohl zuletzt sogar mehrere Bürgermeister signalisiert haben, dass sie fürchten, nicht genügend Wahlhelfer mobilisieren zu können.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Zuletzt sprach sich nur noch die republikanische Mehrheit im Parlament in Madison, der Hauptstadt des Bundesstaates, gegen eine Verlegung aus. Doch es wäre zu einfach, den Republikanern die alleinige Schuld an der Posse zu geben. Bis vor wenigen Tagen verteidigte auch noch der demokratische Gouverneur Tony Evers den Wahltermin; schließlich gebe es parallel Wahlen für einige kommunale Ämter. Und Vakanzen könne man sich nicht erlauben. Sogar Joe Biden, der mutmaßliche Präsidentschaftskandidat der Demokraten, äußerte, es sei Sache der Verantwortlichen in Wisconsin, die Frage zu klären.

          Nach einem Gerichtsurteil, das Briefwählern die Möglichkeit gibt, noch bis zum 13. April abzustimmen, änderte Evers seine Meinung. Dies wiederum veranlasste Donald Trump, dem Gouverneur zu unterstellen, er sei nur deshalb plötzlich für eine Verlegung, weil ein konservativer Richterkandidat zuletzt in den Umfragen habe zulegen können. So viel also zu den Aufrufen, angesichts der Pandemie dürfe es nicht um parteipolitisches Kleinklein gehen.

          Ein seniler Not-Kandidat?

          Am Samstag widmete sich der Präsident während seines Corona-Briefings auch seinem mutmaßlichen Herausforderer. Trump hat seine täglichen Pressekonferenzen im Weißen Haus schon mehrfach dazu genutzt, kleine Gehässigkeiten gegen Biden zu verbreiten. „Sleepy Joe“, wie er ihn nennt, sitze in seinem „Bunker in Wilmington“. Tatsächlich hat sich der 77 Jahre alte frühere Vizepräsident in sein Haus nach Delaware zurückgezogen. Auch Biden muss sich an den „Stay at home“-Erlass seines Gouverneurs halten. Trumps Lästerei über den „Bunker“ in Wilmington soll den Amerikanern den Eindruck vermitteln, vor welcher Wahl sie im November stehen: Hier ein unerschrockener Krisenmanager, der sich selbst nicht an die soeben ausgesprochene Empfehlung hält, in der Öffentlichkeit eine Atemschutzmaske zu tragen. Dort ein ängstlicher alter Mann, der sich nicht aus dem Haus traut.

          Als Trump am Samstag auf einen Twitter-Eintrag Bidens angesprochen wurde, hatte er nur Spott für ihn übrig. Biden hatte geäußert, der Präsident sei zwar nicht für die Pandemie verantwortlich, wohl aber für das Scheitern, darauf angemessen zu reagieren. Trump ging gar nicht auf den Vorwurf ein, sondern entgegnete schlicht: Biden habe diesen Tweet doch gar nicht verfasst, sondern irgendein Berater. Der Demokrat sei zu so etwas doch gar nicht in der Lage. Und: Sollte Biden die Pressekonferenz aus dem Weißen Haus verfolgen, würde er auch nicht verstehen, worum es gehe. Die Botschaft ist klar: Trump suggeriert, Biden sei ein seniler Mann, auf den sich das Establishment der Partei in ihrer Verzweiflung als Kandidaten verständigt habe. Die Parteiführer steuerten ihn. Biden sitze nur in seinem Ohrensessel in Wilmington und lächele freundlich.

          Nun werden viele Amerikaner Trumps Angriffe gewiss für niederträchtig halten. Der Präsident aber setzt darauf, dass einige Wähler der politischen Mitte, die Biden an sich für einen anständigen Kerl mit vernünftigen Ansichten halten, vielleicht doch ein ungutes Gefühl beschleicht, für jemanden zu stimmen, der seinen Zenit erkennbar überschritten hat. Wenn der Demokrat sich von Wilmington aus in die Nachrichtensendungen diverser Networks schalten lässt, wirkt das Setting tatsächlich nicht sehr präsidial: Biden, ohnehin ein Typ, der eher im persönlichen Gespräch seine Stärken entfaltet, blickt in einem schlecht ausgeleuchteten Raum ein wenig verloren in die Kamera und verhaspelt sich mitunter.

          Wie lange wird Sanders noch im Rennen sein?

          Erst vor wenigen Tagen hatten die Demokraten beschlossen, ihren für Juli in Milwaukee geplanten Nominierungsparteitag zu verschieben.  Mitte August will man sich nun versammeln – eine Woche vor dem Parteitag der Republikaner in Charlotte. Spricht man mit Verantwortlichen, heißt es: Alles sei im Fluss. Denn auch die August-Termine hängen davon ab, dass bis dahin die Bestimmungen zum „Social Distancing“ aufgehoben sind. Biden sagte denn auch am Sonntag, man sei womöglich gezwungen, den Parteitag virtuell abzuhalten.

          Und dann ist da noch Bernie Sanders, der immer noch überlegt, wie es mit seiner Kampagne weitergehen soll. Nach seinen Niederlagen Anfang März hatte er sich einige Wochen Bedenkzeit erbeten. Schon damals hieß es, dem Linksaußen-Kandidaten gehe es nur noch darum, Biden zu programmatischen Zugeständnissen zu bewegen. Inzwischen sollen dem Senator aus Vermont auch eigene Berater nahegelegt haben, aus dem Rennen auszusteigen.

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