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Es begann in Qom : Wo Chomeini die Revolution ins Rollen brachte

Schiitisches Heiligtum: Das Grab der „reinen Fatima“ in Qom zieht Pilger aus vielen Ländern an. Bild: Helmut Fricke

Aus einem Fenster in der Stadt Qom hielt der iranische Revolutionführer Ajatollah Chomeini seine ersten politischen Reden. Viele junge Studenten eifern ihm in dem schiitischen Pilgerort nach.

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          Kein Ort ist so sehr mit der iranischen Revolution von 1979 verwoben wie diese zwanzig Quadratmeter. Ajatollah Chomeini hatte in dem kleinen Studierzimmer über Jahre seine besten Schüler und engsten Vertrauten um sich geschart. Sie waren es, die zunächst die Revolution vorangetrieben haben und später die Islamische Republik Iran prägen sollten. Am großen Fenster des Zimmers sitzend, mit Blick in den Innenhof seines unauffälligen Hauses in Qom, hatte Chomeini auch die Reden gehalten, die im Rückblick als der Auftakt seiner Revolution gelten. Der schmucklose Raum ist mit nichts anderem als einem Teppich ausgelegt. In der Wandnische stehen einige Bücher, Dekorationen sucht man vergebens.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          „Chomeini saß stets in der Mitte der Längswand, seine Schüler nahmen im Halbkreis um ihn Platz, wie er im Schneidersitz“, erinnert sich Mohammad Reza Irawani. Er leitet heute das zu einem Museum umgewandelte Wohnhaus des Revolutionsführers, das Bait-e Emam. Chomeini hatte sich meistens in diesem Raum aufgehalten, als er von 1945 bis 1964 in Qom gelebt hatte. Er lehrte am theologischen Seminar der Stadt, der Feyziyeh, islamisches Recht. Zu Hause aber unterwies er einen kleinen Zirkel seiner wichtigsten Schüler. Zu ihnen gehörten etwa sein Nachfolger Ali Chamenei, der spätere Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani sowie Morteza Motahhari, der 1979 bei einem Anschlag getötet wurde, und Mohammad Beheschti, der gefürchtete Oberste Richter, der 1981 ein Attentat nicht überlebte.

          Aus dem Fenster gegen den Schah

          „An diesem Fenster brachte Chomeini mit zwei Reden die Revolution ins Rollen“, sagt Irawani. Zum ersten Mal rief Chomeini am 22. März 1963, damals war er 61 Jahre alt, seine im Innenhof versammelten Anhänger auf, sich gegen den Schah und „die Herrschaft der Verbrecher“ zu erheben. Seine Ansprache wurde über Lautsprecher in die umliegenden Gassen übertragen. Danach wurde er zum ersten Mal verhaftet. Nach Protesten wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt. Am 28. Oktober 1964 wandte sich Chomeini am selben Fenster wieder an seine Anhänger. Er rief: „Amerika ist die Quelle unserer Probleme, Israel ist die Quelle unserer Probleme.“ Er nannte den Schah und dessen Regierung amerikanische Lakaien und wünschte die „Vernichtung aller, die dieses Land, den Islam und den Koran verraten“.

          Wo alles begann: In diesen Gebäude rief Ajatollah Chomeini zum Widerstand gegen die Landreform des Schahs auf. Bilderstrecke

          Chomeini wurde danach verhaftet und abgeschoben, erst in die Türkei, dann nach Nadschaf im Irak. Irawani sagt, das Haus sei zu Lebzeiten sein einziger Besitz gewesen. Später übernahm es eine seiner Töchter. Nach Qom war Chomeini bereits 1922 gekommen, als Student. Er schrieb sich im führenden theologischen Seminar Irans ein. Auch in der Feyziyeh wird an ihn erinnert. Auf zwei Stockwerken gruppieren sich die Seminarräume und Wohnzimmer der Studenten um den weiten Innenhof. Bis heute wird das „Zimmer 30“ nicht mehr vergeben. In ihm hatte Chomeini als Student gelebt. Als Dozent agitierte er auch hier gegen den Schah. Am 3. Juni 1963 stieg er im Innenhof die Stufen zum Liwan hoch, dem zum Hof hin offenen Raum, und hielt eine Brandrede gegen den „Tyrannen unserer Zeit“. Als Sprachrohr der Großgrundbesitzer, zu denen die religiösen Stiftungen zählten, kritisierte Chomeini auch die Landreform des Schahs. Er wurde verhaftet und kam erst zehn Monate später nach Qom zurück.

          In keiner anderen Stadt Irans ist die Revolution von 1979 so präsent wie in Qom, einer den schiitischen Muslimen heiligen Stadt. Denn in Qom wird das Grabmal Fatimas verehrt, der Schwester Rezas, des achten Imams der Schiiten, der in Maschhad begraben liegt. Eine weithin sichtbare vergoldete Kuppel erhebt sich über dem Grab der „Fatima masumeh“, der „reinen Fatima“. Aus ganz Iran, aus dem schiitischen Südirak und aus Zentralasien pilgern schiitische Gläubige nach Qom. Ganze Straßenzüge sind voll mit Devotionalien, religiöser Erbauungsliteratur und Erinnerungskitsch. Die Händler von Qom verdienen gut am heiligen Ruf der Stadt. In den Parks warten die Pilger mit großen Warenballen auf die Fernbusse, die sie in ihre Heimat zurückbringen.

          Mohsen Alviri ist Religionsgelehrter und Professor für die Geschichte der Zivilisationen an der Bagher-al-Ulum-Universität in Qom. Er sieht drei Gründe dafür, warum die Stadt so bedeutend ist. So sei die Stadt in Iran die erste gewesen, in der sich der schiitische Glauben durchgesetzt habe. Zudem sei Qom theologisch wichtig, weil sich hier das Zentrum der Lehre und Forschung des schiitischen Islams befinde. Der Umkreis von fünfhundert Metern um das Seminar der Feyziyeh sei „das Herz des Schiismus“, sagt Alviri. Die politische Bedeutung von Qom sieht er darin, dass die Gründer der Islamischen Republik ihre Bildung in der Stadt erhalten hätten. Zudem seien alle führenden Mitglieder der mächtigsten Institutionen der Islamischen Republik, wie des Wächterrats oder des Expertenrats, in Qom ausgebildet worden.

          Mohammad Ali will hoch hinaus

          Mohammad Ali hat es sich zum Ziel gesetzt, eines Tages in diesen Kreis der mächtigsten Religionsgelehrten aufzusteigen. Er stammt aus Qom, ist 28 Jahre alt und hat bereits neun Jahre des zehn Jahre dauernden Grundstudiums der Theologie absolviert. Dabei wird er in den Islamwissenschaften ebenso ausgebildet wie in Rhetorik, Philosophie und Logik. Immer mehr konzentriert er sich auf „Fiqh“, das islamische Recht, das viele im Westen mit der Scharia verwechseln. Bis zwölf Uhr finden morgens in den ebenerdigen Seminarräumen die Vorlesungen statt. Einer der Professoren ist der gefürchtete und wortgewaltige Freitagsprediger für Teheran, Ajatollah Ahmad Chatami. Danach beginnt das Selbststudium.

          Demut ist keine Eigenschaft, die jene auszeichnet, die sich hier auf ein Leben im Dienst der Islamischen Republik vorbereiten. „Hier werden die künftigen Führungskräfte vorbereitet, für eine Tätigkeit innerhalb Irans oder außerhalb“, sagt Mohammad Ali stolz. „Und hier ist das Herz der Revolution.“ An vielen Orten Irans mag das Feuer der Revolution erloschen sein, auch in nicht wenigen Stadtteilen Qoms. Nicht aber hier. Er wundere sich, weshalb so viele Angst vor Iran hätten und weshalb der Nahe und Mittlere Osten keinen Frieden finde, sagt Seminarist Mohammad Ali. An Iran könne das natürlich nicht liegen. Er ist davon überzeugt, dass Iran die natürliche Führungsrolle in der Region zufalle. „Unsere Stärke liegt darin, dass wir eine Ideologie haben, für die die Menschen sterben.“ Saudi-Arabien habe solch eine Ideologie nicht, sagt er mit Verachtung.

          Die Feyziyeh, ist Professor Alviri überzeugt, könne mit den besten Universitäten der Welt mithalten, etwa mit Harvard oder Princeton. In der schiitischen Welt läuft ihr kein anderer Ort mehr den Rang ab, seit der irakische Diktator Saddam Hussein den schiitischen Gelehrten in Nadschaf, dem heiligsten Ort der Schiiten, den Garaus gemacht hat. Nadschaf hole zwar wieder auf, Qom bleibe aber Nummer eins, sagt Alviri. Zwar ist die Feyziyeh das Herz der Revolution, doch an die Elitehochschule schließen sich viele kleinere theologische Seminare an.

          Der Hüter von Chomeinis Erbe

          Nebenan, im Bait al Shifa mit seinen schattenspendenden Bäumen im Innenhof, lehrt etwa Hassan Chomeini, ein Enkel des Revolutionsführers. Der 1972 geborene Hassan Chomeini ist einer der prominentesten Religionsgelehrten des moderaten Lagers in der Islamischen Republik. Er steht dem Wohnhaus und Museum seines Großvaters als Direktor vor. Das Wort führt dort jedoch ein Hardliner, der betagte Ajatollah Mohammad Yazdi. Er sitzt auf einem Stuhl in einem Nebenraum des Revolutionszimmers, in das sich Chomeini tagsüber zurückgezogen hatte, um sich zu erholen. Seine Aufgabe ist es, Chomeinis Erbe zu hüten. Er liest und antwortet auf die ihm zugesendeten Fragen. Er kennt den gesamten Korpus der Schriften Chomeinis, doch greift gelegentlich nach einem Buch im Regal, das bis zur Decke reicht.

          „Nein, wirkliche Sunniten haben nie Probleme mit Schiiten gehabt“, sagt der Ajatollah. Von Problemen würden nur jene sprechen, die wie Saudi-Arabien und Israel die Spaltung der islamischen Welt betrieben. Als das eigentliche Problem macht er den Wahhabismus Saudi-Arabiens aus. Der sei Politik und keine Religion, sagt er mit leiser Stimme. Es gebe keinen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, wohl aber einen zwischen den Muslimen im Allgemeinen und den saudischen Wahhabiten im Besonderen. „Wir können sie auch gar nicht als Muslime akzeptieren“, stellt er klar.

          Dann wird der Ajatollah noch schärfer. Der saudische König halte die beiden heiligen Stätten des Islams, Mekka und Medina, besetzt und oktroyiere seine Herrschaft. „Diese Leute haben nicht das Recht auf die heiligen Stätten“, schimpft er, um sogleich die politische Ordnung zu loben, die Ajatollah Chomeini entworfen hat, die Herrschaft des bestqualifizierten Religionsgelehrten, das „Velayat-e faqih“. Der werde von Allah dazu berufen, handle also umfassend gerecht. Dann entschuldigt sich der Ajatollah. Der Muezzin hat gerufen, die Zeit des Gebets naht. Wegen seines hohen Alters wird er es in einem Stuhl verrichten. Mit dem Blick aus dem Fenster, den auch Chomeini hatte, als er die Reden hielt, die die Revolution ins Rollen brachten.

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