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Missbrauch in der Kirche : Ein Kinofilm, der den Tabubruch wagt

Regisseur Wojciech Smarzowski spricht vor der Polen-Premiere seines Spielfilm «Kler» (übersetzt: Klerus). Bild: Stach Leszczynski/PAP/dp

Sexueller Missbrauch durch katholische Priester war in Polen bislang nicht thematisiert. Ein Kinofilm bricht nun das Schweigen und empört viele Geistliche.

          Ein Tabu ist gebrochen, ein Land ist in Aufruhr. Die Debatte über Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche zieht in Polen immer weitere Kreise. Mit seinen fast 90 Prozent Katholiken galt das Land bisher als eine der treuesten Töchter der römisch-katholischen Kirche.

          Diese Institution war – als Polen geteilt war, dann unter deutscher und sowjetischer Besatzung und schließlich in gut vier Jahrzehnten Kommunismus – die oberste Autorität, Wahrer der nationalen Identität und bis 1989 sogar eine Trutzburg, in deren Mauern frei diskutiert werden konnte. Wahrer der Identität: In dieser Rolle sehen viele Geistliche ihre Kirche auch heute.

          Auch die nationalkonservative Regierungspartei PiS sieht die Kirche in dieser Funktion. Umgekehrt kann die PiS auf die wohlwollende Unterstützung eines großen Teils der kirchlichen Hierarchie zählen.

          Ein Regisseur wagt den Tabubruch

          Jetzt aber gibt ein Filmregisseur und bekennender Atheist Interviews, in denen er über die Kirche so spricht, wie man bisher allenfalls über die einst regierende Kommunistische Partei gesprochen hat: Die Kirche sei „allgegenwärtig“, schon im Schulunterricht, die Kinder würden dort einer „Gehirnwäsche“ unterzogen und müssten aus diesem „Teufelskreis“ befreit werden.

          Wojciech Smarzowski, so heißt der Regisseur, der seinen Finger gerne in Wunden legt, hat Ende September einen Spielfilm in die Kinos gebracht, der die ohnehin anschwellende Kritik an den kirchlichen Amtsträgern in Polen noch einmal verstärkt hat. Seine Kritik gelte, so Smarzowski, „allen Sünden der Kirche“, ihrer „Doppelmoral“: den mehr oder weniger verborgenen Sünden vieler Priester, nämlich Arroganz, Besitzstreben, Korruption, Kumpanei mit der Regierungspartei, Alkoholismus, Bruch des Zölibats und sexuellem Missbrauch. Selbst vor dem heiligen Johannes Paul II. macht der Regisseur nicht halt: „Unser Papst ist dafür verantwortlich, dass das Thema Pädophilie in der Kirche unter der Decke gehalten wurde.“

          Der Film, in dem zwei der beliebtesten Schauspieler der letzten Jahrzehnte im Priestergewand zu sehen sind, heißt „Der Klerus“. Schon am ersten Wochenende hat er fast eine Million Zuschauer angezogen, ein Rekord in der Nachwendezeit. Dinnen zwei Wochen waren es dann drei Millionen. So viel Zuspruch hatte nicht einmal der neue „Star Wars“-Film.

          Polens Kirche gerät in Bedrängnis

          Doch viele katholische Geistliche sind empört und sehen in dem Film eine Verunglimpfung der Kirche. Der Verband katholischer Journalisten rief sogar dazu auf, diesen „Film, der die Katholiken demütigt“, zu boykottieren. Nur wenige Priester nahmen den Film in Schutz; nur ein Bischof verteidigte das Werk. Nationalistische Gruppen drohten in mehreren Städten, den Eingang zu Kinos zu blockieren.

          Nie zuvor hat Polens Kirche derart am Pranger gestanden wie jetzt. Zwar hatte sie 2014 im Einklang mit den neuen Richtlinien des Vatikans in jeder Diözese und in jedem Orden einen Beauftragten für den Schutz von Kindern und Jugendlichen ernannt. Jede glaubwürdige Meldung eines Übergriffs sollte Ermittlungen und eine Mitteilung an den Vatikan nach sich ziehen.

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          Doch fast die Hälfte der Diözesen gibt auf ihrer Internetseite bisher nicht einmal die Telefonnummer des Beauftragten an. Der Jesuit Adam Zak, Koordinator der Bischofskonferenz für den Schutz von Kindern und Jugendlichen, kämpft auf einsamem Posten. Er klagt, die Bischöfe hätten ihm trotz mehrfacher Bitten bis heute keine Zahlen über mutmaßliche Täter und Opfer genannt.

          Die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen läuft zäh

          Aus Medienberichten könne man ermitteln, dass in den letzten 15 Jahren etwa 60 Priester von staatlichen Gerichten verurteilt worden seien. Das sei jedoch möglicherweise nur „die Spitze eines Eisbergs“. Zugleich trug eine Stiftung die bekannten Fälle, dazu auch die Meldungen von Opfern solcher Übergriffe, auf einer interaktiven Landkarte zusammen.

          Inzwischen finden Aufklärer wie der Priester Zak auch in einem Teil der kirchennahen Medien Widerhall. Dem liberal-katholischen Krakauer Wochenblatt „Tygodnik Powszechny“ erläuterte der Jesuit, was die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen behindere: Zwar gebe es das kirchenrechtliche Verfahren für solche Fälle.

          Manche Opfer sexuellen Missbrauchs riefen ihn an, sagt Zak. Sie würden es jedoch oft vorziehen, anonym zu bleiben oder ihren Fall ohne Einschaltung der Staatsanwaltschaft zu behandeln. Im Übrigen habe die Kirche keine Zwangsmittel, um bei innerkirchlichen Verfahren etwa Zeugen vorzuladen. Immerhin melde die Kirche heute deutlich mehr Verdachtsfälle als früher den staatlichen Behörden, so Zak.

          Vereinzelt kommt es inzwischen zu Verurteilungen

          Ungeachtet der Kritik zeigte der Film bereits Wirkung. Mehrere Bischöfe haben inzwischen laut ausgesprochen, dass sich in der Kirche schnell etwas ändern müsse, oder über konkrete Fälle von Missbrauch gesprochen. Am weitesten ging der Bischof im schlesischen Oppeln, Andrzej Czaja.

          Den Film über den Klerus kommentierte er mit den Worten: „Er hat mich nicht empört, eher zu tiefgehender Reflexion angeregt.“ Anfang dieses Monats wandte er sich in einem Hirtenbrief an seine Gläubigen, in dem er schrieb: „Wir sind voller Schmerz, beschämt und ratlos angesichts des Unrechts, das bereits geschehen ist und das man nicht heilen kann“. Er bat die Gläubigen seiner Diözese „um Vergebung für unsere schweren Sünden!“

          Dann wurde er konkret: Sechs Priester der Diözese seien in den vergangenen Jahren für schuldig befunden worden, sexuelle Übergriffe auf Minderjährige begangen zu haben. Davon seien drei rechtskräftig von einem staatlichen Gericht verurteilt worden. Einer von diesen verbüße bereits seine Haftstrafe.

          Entschädigungszahlungen aus der Ordenskasse

          Inzwischen seien ihm drei weitere Fälle eines möglichen Missbrauchs gemeldet und provisorisch untersucht worden. Man werde sie der Staatsanwaltschaft und dem Vatikan melden, versprach der Bischof. Zugleich werde jetzt ein Präventionsprogramm für den ganzen Raum Oberschlesien vorbereitet. Mehrere Geistliche würden dafür geschult. Für November sei aus Anlass „des Bösen und des Schmutzes“ in der Kirche ein Bußgottesdienst vorgesehen.

          Das Böse könnte die Kirche auch finanziell teuer zu stehen kommen. Ein Priester der Christusgemeinschaft, eines Ordens für die Seelsorge an Exil-Polen, hatte vor Jahren ein 13 Jahre altes Mädchen „in Pflege genommen“, doch in Wahrheit über lange Zeit vergewaltigt. Jetzt hat ein Gericht in zweiter Instanz ein Urteil bestätigt, wonach der Orden dem inzwischen erwachsenen Opfer umgerechnet etwa 230.000 Euro Entschädigung zahlen muss, dazu bis ans Lebensende knapp 200 Euro Rente.

          Der Orden hat angekündigt, vor das Oberste Gericht in Warschau zu ziehen. Für den Fall, dass das Opfer dort erfolgreich bleibt, wird mit weiteren Klagen dieser Art gerechnet.

          Die überfällige Revolution

          Im Fall dieses Ordens hatten die Vorgesetzten alles getan, um die Tat zu vertuschen. Das wirft die Frage nach der „Konzernkultur“ auf, wie der Jesuit Zak es nennt: „Eine Gruppe von Menschen, die mit Macht und Vertrauen ausgestattet sind, tut alles, damit ihr niemand die Macht und das Vertrauen entzieht. Sie sichert sich ab: durch eine faktische Verschwörung des Schweigens, durch Verstecken.“ Das habe eine „umgekehrte Werteskala“ innerhalb der Kirche geschaffen.

          Zak kritisiert auch den in Polen verbreiteten Klerikalismus. Er beginne dort, wo der Priester sich als „zu Höherem berufen“ empfinde. Waclaw Oszajca, ebenfalls ein bekannter Jesuit und außerdem Dichter und Publizist, verwies auf die verräterische Symbolik der Priesterweihe: Der Kandidat knie vor dem Bischof und lege seine Hände in dessen Hände und übernehme damit „eine Geste aus dem Feudalismus“. Dann gelobe er dem Bischof Gehorsam, was dieser schweigend entgegennehme – anstatt „dass er auch mir Ehre und Gehorsam gelobt“.

          In Polens katholischer Kirche mit ihren gut 30.000 Geistlichen könnten somit, wie es die Zeitung „Tygodnik Powszechny“ ausdrückt, „revolutionäre Veränderungen“ anstehen. Für den Anfang müssten der Paternalismus des Klerus und der Infantilismus vieler Gläubiger überwunden werden, müssten „offene, transparente und auf Gleichheit basierende Beziehungen“ zwischen den Akteuren Einzug halten, fordert die Zeitung.

          Das alles geschieht in einer Situation, in der die selbsternannten „Verteidiger der Kirche“ in der regierungsnahen Publizistik fast schon den Endkampf um Sein oder Nichtsein des christlichen Abendlands erblicken.

          Etwa gleichzeitig mit dem Kinostart des Films teilten die Bischöfe durch den Primas und Erzbischof von Gnesen, Wojciech Polak, mit, bis Ende November werde die Kirche Zahlen zum sexuellen Missbrauch vorlegen.

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