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Missbrauch in der Kirche : Ein Kinofilm, der den Tabubruch wagt

Regisseur Wojciech Smarzowski spricht vor der Polen-Premiere seines Spielfilm «Kler» (übersetzt: Klerus). Bild: Stach Leszczynski/PAP/dp

Sexueller Missbrauch durch katholische Priester war in Polen bislang nicht thematisiert. Ein Kinofilm bricht nun das Schweigen und empört viele Geistliche.

          5 Min.

          Ein Tabu ist gebrochen, ein Land ist in Aufruhr. Die Debatte über Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche zieht in Polen immer weitere Kreise. Mit seinen fast 90 Prozent Katholiken galt das Land bisher als eine der treuesten Töchter der römisch-katholischen Kirche.

          Diese Institution war – als Polen geteilt war, dann unter deutscher und sowjetischer Besatzung und schließlich in gut vier Jahrzehnten Kommunismus – die oberste Autorität, Wahrer der nationalen Identität und bis 1989 sogar eine Trutzburg, in deren Mauern frei diskutiert werden konnte. Wahrer der Identität: In dieser Rolle sehen viele Geistliche ihre Kirche auch heute.

          Auch die nationalkonservative Regierungspartei PiS sieht die Kirche in dieser Funktion. Umgekehrt kann die PiS auf die wohlwollende Unterstützung eines großen Teils der kirchlichen Hierarchie zählen.

          Ein Regisseur wagt den Tabubruch

          Jetzt aber gibt ein Filmregisseur und bekennender Atheist Interviews, in denen er über die Kirche so spricht, wie man bisher allenfalls über die einst regierende Kommunistische Partei gesprochen hat: Die Kirche sei „allgegenwärtig“, schon im Schulunterricht, die Kinder würden dort einer „Gehirnwäsche“ unterzogen und müssten aus diesem „Teufelskreis“ befreit werden.

          Wojciech Smarzowski, so heißt der Regisseur, der seinen Finger gerne in Wunden legt, hat Ende September einen Spielfilm in die Kinos gebracht, der die ohnehin anschwellende Kritik an den kirchlichen Amtsträgern in Polen noch einmal verstärkt hat. Seine Kritik gelte, so Smarzowski, „allen Sünden der Kirche“, ihrer „Doppelmoral“: den mehr oder weniger verborgenen Sünden vieler Priester, nämlich Arroganz, Besitzstreben, Korruption, Kumpanei mit der Regierungspartei, Alkoholismus, Bruch des Zölibats und sexuellem Missbrauch. Selbst vor dem heiligen Johannes Paul II. macht der Regisseur nicht halt: „Unser Papst ist dafür verantwortlich, dass das Thema Pädophilie in der Kirche unter der Decke gehalten wurde.“

          Der Film, in dem zwei der beliebtesten Schauspieler der letzten Jahrzehnte im Priestergewand zu sehen sind, heißt „Der Klerus“. Schon am ersten Wochenende hat er fast eine Million Zuschauer angezogen, ein Rekord in der Nachwendezeit. Dinnen zwei Wochen waren es dann drei Millionen. So viel Zuspruch hatte nicht einmal der neue „Star Wars“-Film.

          Polens Kirche gerät in Bedrängnis

          Doch viele katholische Geistliche sind empört und sehen in dem Film eine Verunglimpfung der Kirche. Der Verband katholischer Journalisten rief sogar dazu auf, diesen „Film, der die Katholiken demütigt“, zu boykottieren. Nur wenige Priester nahmen den Film in Schutz; nur ein Bischof verteidigte das Werk. Nationalistische Gruppen drohten in mehreren Städten, den Eingang zu Kinos zu blockieren.

          Nie zuvor hat Polens Kirche derart am Pranger gestanden wie jetzt. Zwar hatte sie 2014 im Einklang mit den neuen Richtlinien des Vatikans in jeder Diözese und in jedem Orden einen Beauftragten für den Schutz von Kindern und Jugendlichen ernannt. Jede glaubwürdige Meldung eines Übergriffs sollte Ermittlungen und eine Mitteilung an den Vatikan nach sich ziehen.

          Doch fast die Hälfte der Diözesen gibt auf ihrer Internetseite bisher nicht einmal die Telefonnummer des Beauftragten an. Der Jesuit Adam Zak, Koordinator der Bischofskonferenz für den Schutz von Kindern und Jugendlichen, kämpft auf einsamem Posten. Er klagt, die Bischöfe hätten ihm trotz mehrfacher Bitten bis heute keine Zahlen über mutmaßliche Täter und Opfer genannt.

          Die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen läuft zäh

          Aus Medienberichten könne man ermitteln, dass in den letzten 15 Jahren etwa 60 Priester von staatlichen Gerichten verurteilt worden seien. Das sei jedoch möglicherweise nur „die Spitze eines Eisbergs“. Zugleich trug eine Stiftung die bekannten Fälle, dazu auch die Meldungen von Opfern solcher Übergriffe, auf einer interaktiven Landkarte zusammen.

          Inzwischen finden Aufklärer wie der Priester Zak auch in einem Teil der kirchennahen Medien Widerhall. Dem liberal-katholischen Krakauer Wochenblatt „Tygodnik Powszechny“ erläuterte der Jesuit, was die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen behindere: Zwar gebe es das kirchenrechtliche Verfahren für solche Fälle.

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