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Blutige Unruhen in Mali : Ein Salafist an der Spitze des Protests

Der 66 Jahre alte Imam Mahmoud Dicko (Mitte), hier im Juni in Bamako bei einer Rede, führt die Protestbewegung in Mali an. Bild: AFP

Nach der Parlamentswahl kommt Mali nicht zur Ruhe. Die Opposition fordert den sofortigen Rücktritt des Präsidenten – und hat selbst einen umstrittenen Anführer.

          4 Min.

          Seit Wochen toben in Mali blutige Unruhen. Demonstranten hatten vor einiger Zeit sogar kurz das Gebäude des staatlichen Fernsehens besetzt und versucht, das Parlament zu stürmen; es gab mindestens 14 Tote und viele Verletzte. Die Gegner des 75 Jahre alten malischen Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta, Spitzname IBK, werfen ihm Wahlfälschung, Korruption und Vetternwirtschaft vor. Außerdem bekomme er die Sicherheitslage in dem 20-Millionen-Einwohner-Staat nicht in den Griff. Auch nach Vermittlungsbemühungen bleiben die Fronten bisher verhärtet.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Mehr als je zuvor fordere man den Rücktritt des Präsidenten, äußerte ein Sprecher von Malis Oppositionsbewegung M5-RFP in dieser Woche. Einen von der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) vorgestellten Lösungsvorschlag lehne man ab, weil er „der Tiefe und dem Ernst der sozioökonomischen Krise“, in der sich das Land befinde, nicht gerecht werde.

          Am Montag hatten sich die Spitzen des 15 Länder vereinenden Staatenbunds auf einer Videokonferenz zusammengeschaltet und anschließend einen Acht-Punkte-Plan vorgestellt, der unter anderem die Bildung einer Einheitsregierung unter Einbeziehung der Opposition und die Neubesetzung des Verfassungsgerichts vorsieht. Er soll die Ordnung in Mali wieder herstellen.

          In der Hauptstadt brennen die Barrikaden

          Begonnen hatten die Unruhen nach der Parlamentswahl, aus der Keïtas Partei, das Rassemblement pour le Mali, als Sieger hervorgegangen war. Sie fand im April statt, hätte jedoch ursprünglich schon 2018 abgehalten werden sollen und war aus Sicherheitsgründen immer wieder verschoben worden. Die Opposition wirft der Regierung vor, den Ausgang der Wahl manipuliert zu haben. Zudem wurde kurz vorher der wichtigste Kandidat der Opposition, Soumaila Cissé, von Unbekannten entführt. Bis heute befindet sich Cissé in Geiselhaft. Doch das Verfassungsgericht erkannte das Ergebnis trotz der Proteste an – seither brennen in der Hauptstadt Bamako die Barrikaden.

          Ein Demonstrant fordert Ibrahim Boubacar Keïta, kurz „IBK“, mit einem Plakat auf, „zu verschwinden“.

          An der Spitze der Protestbewegung, die sich Rassemblement des Forces Patriotiques (M5-RFP) nennt, steht der 66 Jahre alte Imam Mahmoud Dicko. Der Geistliche entstammt einer einflussreichen Familie aus Timbuktu; später studierte er in Saudi-Arabien. Seit seiner Rückkehr schart der Salafist, der immer wieder durch fundamentalistische Positionen auffällt, seine Getreuen in Bamakos Stadtteil Badalabougou um sich. Islamistische Terroranschläge bezeichnete er mal als „Gottes Strafe“ für Trunksucht und Homosexualität. Im Jahr 2008 wurde er gar zum Vorsitzenden des Hohen Islamischen Rats von Mali ernannt. Bis vor einem Jahr hatte er diese Position inne, dann gründete er die „Koordinierungsstelle der Bewegungen, Vereine und Sympathisanten von Imam Dicko“.

          Lange Zeit stand Dicko an der Seite des Präsidenten, vor ungefähr zwei Jahren jedoch begann er, Keïta die Gefolgschaft zu verweigern und seine Anhänger in Bamako zu mobilisieren. Vieles an der aktuellen Krise erinnert an die Lage 2012. Im März jenes Jahres putschten in Bamako Militärs unter der Führung des Hauptmanns Amadou Sanogo und stürzten Malis Präsidenten Amadou Toumani Touré, während im Norden des Landes aufrührerische Tuareg rebellierten. Die Tuareg verbündeten sich mit aus Libyen heimkehrenden Söldnern, überrannten die völlig überforderte Armee und errichteten einen eigenen Staat, den sie Azawad nannten. Schnell übernahmen die Fundamentalisten die Kontrolle über das Gebiet, das historische Städte wie Gao und Timbuktu einschloss.

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