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Toter Russe in London : Der Pate, sein Kompagnon – und der Geheimagent

Aus besseren Zeiten: Nikolaj Gluschkow (links) und Boris Beresowskij im Oktober 1994 im Kreml. Sie machten wilde Geschäfte in der Automobilindustrie und lebten gefährlich. Wenige Monate vor dieser Aufnahme war Beresowskij knapp einem Bombenanschlag entgangen. Bild: AFP

In London wird ein weiterer Russe tot aufgefunden – die Umstände sind mysteriös. Auch seine Geschichte reicht zurück in Russlands wilde Neunziger.

          Noch ein mysteriöser Tod eines Russen in Großbritannien: Während Moskau und London Anschuldigungen und Drohungen wegen des Giftanschlags auf den ehemaligen russisch-britischen Doppelagenten Sergej Skripal austauschten, wurde am Dienstagabend bekannt, dass die Antiterroreinheit der britischen Polizei den Tod eines russischen Emigranten in London untersucht. Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem Fall Skripal gebe es zwar nicht, teilte die Polizei mit, dennoch werde dieser Tod von den Spezialisten untersucht – „als Vorsichtsmaßnahme wegen der Verbindungen, die dieser Mann vermutlich hatte“.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Diese Verbindungen haben es in sich: Sie führen zu einem der wichtigsten Männer Russlands in den neunziger Jahren, zu Wirtschaftskriminalität im ganz großen Stil, zu wüsten politischen Intrigen, zu undurchsichtigen Episoden des Aufstiegs von Wladimir Putin – und damit indirekt auch zu einem Fall, über den nun wieder viel gesprochen wird: die Vergiftung des ehemaligen russischen Agenten Alexander Litwinenko mit Polonium in London im November 2006.

          15 ungeklärte Todesfälle mit möglichem Russland-Bezug

          Zu den 14 ungeklärten Todesfälle mit möglichem Russland-Bezug in den vergangenen Jahren, die Großbritanniens Innenministerin Amber Rudd nun nochmals untersuchen lassen will, ist damit am Dienstag ein weiterer hinzugekommen. Die Geschichte des Toten wirft zudem ein Licht auf ein bestimmtes Milieu russischer Emigranten, in dem die Gefahr besonders groß zu sein scheint.

          Der 69 Jahre alte Nikolaj Gluschkow wurde, so berichtete die russische Zeitung „Kommersant“ unter Berufung auf dessen Familie, in der Nacht zum Dienstag mit Strangulationsspuren am Hals tot in seiner Wohnung gefunden. Das erinnerte an einen fast genau fünf Jahre zurückliegenden Fall: Am 23. März 2013 endete in London durch Strangulation mit einem Schal das Leben von Boris Beresowskij. Der galt in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre als der wichtigste Strippenzieher im Kreml und wurde während der ersten beiden Amtszeiten von Präsident Wladimir Putin von den russischen Medien als Staatsfeind Nummer eins dargestellt. Sein Tod ist einer der vierzehn unaufgeklärten Fälle: Die britischen Behörden kamen nach einjährigen Ermittlungen zu dem Schluss, dass nicht mit Sicherheit festgestellt werden könne, ob Beresowskij Selbstmord begangen habe oder getötet worden sei.

          Die Ähnlichkeit der Todesumstände ist vor allem deshalb frappierend, weil Gluschkow einer der engsten Weggefährten Beresowskijs war. Der hatte in den neunziger Jahren offen verkündet, die erste Phase der Privatisierung in Russland bestehe in der Privatisierung der Gewinne. In der Praxis bedeutete das, dass Männer wie Beresowskij im Management staatlicher Unternehmen ihre Leute installierten, die dann auf verschiedenen Wegen Geld aus diesen Unternehmen in private Taschen transferierten – und die Unternehmen so in den Bankrott trieben, um sie dann günstig kaufen zu können.

          Gluschkow war bei solchen Operationen Beresowskijs wichtigster Partner: Er sorgte Anfang der neunziger Jahre im Management der Lada-Werke dafür, dass Neuwagen zu Verlustpreisen an eine Beresowskij und ihm gehörende „Vermarktungsfirma“ abgegeben wurden, die sie dann zu einem Vielfachen weiterverkaufte. Gluschkow war als stellvertretender Generaldirektor der staatlichen Fluggesellschaft Aeroflot auch dafür verantwortlich, dass deren sämtliche Deviseneinnahmen von 1996 an über eine Schweizer Finanzierungsfirma liefen, die ebenfalls ihm und Beresowskij gehörte – und zu einem großen Teil dort verschwanden. Wegen der Aeroflot-Affäre saß Gluschkow in Russland bis 2004 vier Jahre lang im Gefängnis. Nach seiner Freilassung ließ er sich in London nieder, wo er 2010 politisches Asyl erhielt – ihm war vermutlich klar, dass die Sache in Russland nicht abgeschlossen war.

          Fälle mit Beresowskij in einer der Hauptrollen waren bis zu dessen Tod Endlos-Serien, weil er mehr noch als andere Oligarchen für die dunkelsten Seiten des Wild-Ost-Kapitalismus der neunziger Jahre stand. Damit war er zugleich für die Propaganda des Putin-Regimes unverzichtbar, das sich in seinen ersten Jahren vor allem über die Abgrenzung von dieser Zeit definierte. Schon zuvor, in den neunziger Jahren, hatte Beresowskij als „Pate des Kremls“ einen geradezu dämonischen Ruf, den er durch seine Selbstinszenierung gezielt förderte.

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