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Trump bewegt Lateinamerika : Chancen, wo andere Mauern sehen

Zutritt verboten: Schon jetzt ist die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko an manchen Stellen gut gesichert. Bild: dpa

Während der Streit zwischen Trump und Mexiko eskaliert, ist der neue Präsident in anderen lateinamerikanischen Ländern durchaus beliebt. Die Gründe dafür sind beunruhigend.

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          Donald Trump hat zwar erst vor ein paar Tagen den Amtseid abgelegt. Aber für viele Menschen in Lateinamerika ist er ein alter Bekannter. Sie kennen ihn aus ihrer eigenen, oft leidvollen Geschichte: Trump ist ein Caudillo.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Seine autoritären Züge versucht er gar nicht erst zu verbergen. Am liebsten ist ihm derzeit der Streit mit dem Nachbarn Mexiko, den er für allerlei Missstände verantwortlich macht und deshalb hinter einer „großen, wunderschönen Mauer“ einhegen will. Er sieht sich als Anführer einer historischen Massenbewegung, auch wenn er sich die Massen mitunter einbilden muss. Er hat zwar selbst nie die Uniform getragen, dafür sein Kabinett mit pensionierten Generälen bestückt. Mit seiner Bemerkung, als Mann von Macht und Geld könne man Frauen sonst wo anpacken, hat er sich unter den Machos Lateinamerikas viele Freunde gemacht.

          Die historischen Parallelen sind erstaunlich. In Argentinien fühlen sich viele an den Generalleutnant und Langzeitherrscher Juan Perón erinnert, der sich in den vierziger Jahren zum Anwalt der „Descamisados“ erklärt hatte – jener Arbeiter „ohne Hemd“, die bei der Industrialisierung des damals reichsten Landes Lateinamerikas zu kurz gekommen waren. So wie Trump für seinen Wahlsieg vom November vor allem die Arbeiter im einstigen Rostgürtel Amerikas zu mobilisieren wusste, denen die Globalisierung die Jobs und die Würde genommen hatte.

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          Wichtiger aber sind die gegenwärtigen Auswirkungen, die der „Caudillo Yanqui“ Trump und seine Politik auf die südliche Nachbarschaft der Vereinigten Staaten haben dürften. In Mexiko könnte die Welle der Empörung über die fortgesetzten Demütigungen durch Trump den Linkspopulisten Andrés Manuel López Obrador bei den Wahlen im kommenden Jahr doch noch in den Präsidentenpalast Los Pinos tragen, nach seinen zwei gescheiterten Anläufen von 2006 und 2012. Vor allem dann, wenn die gerade erst sich erholende mexikanische Wirtschaft vom protektionistischen Trommelfeuer aus dem Norden in die Rezession zurückgeworfen wird. López Obrador hat sich gegen die Wirtschaftsreformen von Präsident Peña Nieto ausgesprochen – zumal gegen die Liberalisierung des Ölgeschäfts – und wirft dem Amtsinhaber Unterwürfigkeit gegenüber Trump vor.

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          Auch aus Bolivien, wo der sozialistische Präsident Evo Morales nach Wegen sucht, sich ungeachtet eines ablehnenden Referendums vom Februar 2016 in zwei Jahren abermals wiederwählen zu lassen, kommt Beifall für Trump. Das Zeitalter der „neoliberalen Globalisierung“ werde nun zu seinem überfälligen Ende kommen, jubelte Morales’ Stellvertreter Álvaro García. Trump werde mit seiner Kriegserklärung an den Freihandel der lang verschmähten Idee des Protektionismus wieder zur Ehre verhelfen. In Brasilien hat der rechtsnationalistische Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro, ein Anhänger der Militärdiktatur von 1964 bis 1985, Trump dazu beglückwünscht, der politischen Korrektheit und den „verrotteten Medien“ erfolgreich die Stirn geboten zu haben.

          Und aus Venezuela schließlich hat der sozialistische Präsident Nicolás Maduro über die Karibik gerufen, Trump werde gewiss nicht schlimmer sein als Obama und hoffentlich bald Schluss machen mit dem elenden Interventionismus des Imperiums. In Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien und Peru dagegen wissen die gemäßigten, hier rechts- und dort linkszentristischen Präsidenten Mauricio Macri, Michel Temer, Michele Bachelet, Juan Manuel Santos und Pedro Pablo Kuczynski, dass sie und ihre Länder bei einer Abkehr von Freihandel und Globalisierung nichts zu gewinnen haben.

          Bis Mitte der achtziger Jahre hatte die „dritte Welle“ der Demokratisierung sämtliche rechten Militärdiktaturen Lateinamerikas hinweggespült – das war noch vor dem „Annus Mirabilis“ 1989, in welchem die Völker Mittel- und Osteuropas das Joch des Kommunismus abwarfen. In den drei Jahrzehnten seither haben in fast allen Ländern Lateinamerikas liberale Demokratien und zivile Rechtsstaaten Fuß gefasst. Und ja, auch beim Freihandel untereinander sowie über Weltmeere und Kontinentalgrenzen hinweg hat es Fortschritte gegeben – wenn auch schleppend und von Land zu Land, von Region zu Region in höchst unterschiedlichem Ausmaß. Immerhin ist Mexiko schon seit 1994 mit den Vereinigten Staaten und Kanada im derzeit größten Freihandelsraum der Welt verbunden. Noch.

          Liberalismus, das zeigt die historische Erfahrung, ist nicht kostenlos zu haben: Wer die Freiheit in Wirtschaft und Handel einschränkt, legt fast immer auch den bürgerlichen Freiheiten Fesseln an. Und umgekehrt. In einem oft quälend langsamen, bis heute nicht abgeschlossenen und immer wieder von Rückschlägen unterbrochenen Abnabelungsprozess von historischen Mustern entfernen sich die erneuerten Demokratien Lateinamerikas vom Herrschaftsmodell des Caudillos und vom protektionistischen Wirtschaftsnationalismus. Es wäre eine Paradoxie der Geschichte, wenn sich der Süden des amerikanischen Kontinents nun zu jener Stadt auf dem Hügel entwickelt, von welcher das Licht der Freiheit auf den sich verfinsternden Norden scheint.

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