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Bergbau in Kattowitz : Langsam verhallt die Hymne der Bergleute

„Wo ist die Halde? Sie ist wie Rauch verweht, sie ist fort“: Andrzej Pisarzowski und das „Orchester Wiezorek“ im Kattowitzer Stadtteil Kikiszowiec. Bild: AFP

In Kattowitz findet der UN-Klimagipfel statt. Die Stadt ist selbst ein Beispiel für den Strukturwandel. Mit Wehmut sehen die Menschen dem Ende des Bergbaus entgegen.

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          Der Hauptbahnhof von Kattowitz war, als Polen 2004 der Europäischen Union beitrat, einer der hässlichsten, tristesten, schmutzigsten Bahnhöfe Polens. Als habe diese Stadt dem Reisenden schon bei seinen ersten Schritten deutlich machen wollen: Hier ist das heruntergekommene Oberschlesien, das „Ruhrgebiet“ dieses Landes, mit seinem Staub, Schmutz und Smog. Von der einstigen Tristesse ist heute zumindest in der Hauptstadt der Region im Süden Polens nicht mehr viel übrig. Der Bahnhof wurde großenteils von einer „Galeria“ ummantelt, einem bis zum späten Abend hell erleuchteten Gebäude voller Läden, Cafés und kleiner Dienstleister. Die blitzsaubere Bahnhofshalle wirkt heute fast wie das Foyer eines großen Hotels. Wer sie verlässt, stößt nicht auf brausenden Verkehr, sondern findet sich erst einmal im geschützten Raum einer Fußgängerzone wieder. Neben den Kattowitzern und vorweihnachtlichen Besuchern sieht man hier derzeit auch Teilnehmer der Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP24), die in diesen Tagen in der Stadt stattfindet.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Zwei Ecken weiter liegt der Marktplatz; auf ihm stehen jetzt die hölzernen Buden des Weihnachtsmarkts. Auf einer Bühne steht ein Bergmannsorchester und unterhält die Zuhörer mit Blasmusik und Liedern, die mal schmissig, mal nostalgisch klingen. Der „Familok Blues“ verbindet beides. „Wo ist die Zeche, die alte schwarze Frau, die stand an diesem Ort?“, fragt das Lied. „Wo ist die Halde? Sie ist wie Rauch verweht, sie ist fort.“ Familok ist der Name für die um 1900 aus rotem (später rußgeschwärztem) Backstein errichteten Arbeiterhäuser. Angeblich ist er von dem deutschen „Familien-Block“ abgeleitet. Damals gehörte ganz Oberschlesien mit seiner ethnisch gemischten Bevölkerung zum Deutschen Reich.

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