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Italien : Beschneidung, zwanzig Euro

Im Muslimischen Glauben wir die Beschneidung oft illegal durchgeführt Bild: Reuters

Drei Todesfälle in drei Monaten haben in Italien die Debatte über die rituelle Beschneidung neu entfacht. Welche Möglichkeiten gibt es, des Problems Herr zu werden?

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          Zion wurde kaum einen Monat alt. Er starb in der Nacht vom zweiten auf den dritten April in Genua. Am Morgen zuvor war der Säugling von dem Nigerianer Osas Okundaye, einem selbsternannten Heiler, beschnitten worden. Für den Eingriff berechnete Okundaye achtzig Euro. Als die Blutung der Wunde auch am späten Nachmittag nicht nachlassen wollte, riefen Mutter und Großmutter des kleinen Zion, auch sie Migranten aus Nigeria, Okundaye nochmals an. Der Heiler, der seine Dienste übers Internet angeboten hatte, beruhigte die beiden und wies sie übers Mobiltelefon an, weiterhin Heilsalbe aufzutragen. Erst gegen drei Uhr morgens wählten die Frauen schließlich den Notruf: Zion hatte aufgehört zu atmen. Der Notarzt konnte nichts mehr tun.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Das Ergebnis der Autopsie haben die Behörden noch nicht veröffentlicht. In den Medien wird berichtet, das Kleinkind sei verblutet. Mutter und Großmutter wurden wegen des Vorwurfs der Körperverletzung mit Todesfolge festgenommen. Inzwischen sind sie in Hausarrest. Es heißt, die beiden Frauen kooperierten mit den Behörden. Es bestehe dennoch Fluchtgefahr. Der Heiler Okundaye sitzt in Untersuchungshaft und macht auf Anraten seiner Anwältin von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch. Er wurde noch am 3. April auf dem Grenzbahnhof Ventimiglia im Acht-Uhr-Zug in Richtung Frankreich festgenommen. Die Fahnder hatten ihn über sein Handysignal lokalisiert.

          Debatte neu entfacht

          Zion ist kein Einzelfall. Ende März starb ein fünf Monate altes Baby im Krankenhaus von Bologna. Der Junge hatte nach einer Beschneidung in der Wohnung seiner aus Ghana stammenden Eltern einen Herzstillstand erlitten und konnte nicht wiederbelebt werden. Kurz vor Weihnachten verblutete ein zwei Jahre alter Junge in einem Aufnahmezentrum für Migranten in Monterotondo nordwestlich von Rom. Sein Zwillingsbruder, an dem ebenfalls der Eingriff vorgenommen worden war, wurde in ein Kinderkrankenhaus in Rom gebracht. Ein Libyer mit amerikanischem Pass, der die Beschneidungen vorgenommen hatte und von sich behauptete, Arzt zu sein, wurde festgenommen. Die Mutter der in Italien geborenen Zwillinge stammt aus dem islamisch geprägten Norden Nigerias.

          Die drei Todesfälle in drei Monaten haben in Italien die Debatte über die Beschneidung neu entfacht. Die rituelle Beschneidung von Jungen als verbreitete Praxis ist in den vergangenen Jahren buchstäblich nach Italien eingewandert – wie auch in die meisten anderen westeuropäischen Staaten. Italien ist bis heute zu gut achtzig Prozent nominell katholisch, auch wenn die Bindungskraft der Kirche schwindet. Weil das Christentum die rituelle Beschneidung nicht vorschreibt, war dieses gesellschaftliche Phänomen in Italien bis vor wenigen Jahren praktisch unbekannt. Gewiss, auch die italienischen Juden lassen ihre Söhne beschneiden. Aber erstens gibt es in Italien seit dem Zweiten Weltkrieg aus bekannten historischen Gründen nur noch wenige Juden: mit rund 45 000 machen sie weniger als 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung von etwa sechzig Millionen aus. Und zweitens finden Beschneidungen in jüdischen Familien in geordneten Verhältnissen und bei Einhaltung der erforderlichen medizinischen Vorkehrungen statt.

          Verbreitung des Rituals durch Einwanderung

          Zu immer mehr rituellen Beschneidungen von männlichen Säuglingen und Kleinkindern kommt es in Italien also wegen der legalen und illegalen Einwanderung von Muslimen. Deshalb ist die Frage, wie Staat und Gesellschaft mit Beschneidungen umgehen sollen, sozusagen geladen: Die Migrationspolitik ist das Streitthema der italienischen Politik schlechthin.

          Nach Erhebungen des amerikanischen Pew Research Center leben heute gut 2,2 Millionen Muslime in Italien, sie stellen damit 3,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Wie viele Beschneidungen bei männlichen Säuglingen und Kleinkindern jährlich in Italien vorgenommen werden, ist nicht bekannt. Es gibt keine amtliche Statistik. Foad Aodi, in Israel geborener und schon als Kind nach Italien eingewanderter Palästinenser, ist Gründer und Vorsitzender des „Verbandes der Ärzte ausländischer Abstammung in Italien“ (Amsi). Bei Amsi gehe man von rund 5000 Beschneidungen jährlich aus, sagt Aodi. Weitere 6000 in Italien geborene männliche Säuglinge würden in den jeweiligen Heimatländern der Eltern beschnitten. Einen solchen „Beschneidungsurlaub“ daheim können natürlich nur legal in Italien lebende Migranten unternehmen. Zudem entstehen beträchtliche Reisekosten. Von den rund 5000 in Italien selbst vorgenommenen Beschneidungen werden gemäß Amsi mindestens ein Drittel nicht in medizinischen Einrichtungen vorgenommen, sondern in Privatwohnungen oder sogar in Flüchtlingsunterkünften. In absoluten Zahlen heißt das: Jeden Tag werden in Italien durchschnittlich fünf Säuglinge von Kurpfuschern verstümmelt.

          Illegale Beschneidungen müssen beendet werden

          Natürlich geht es dabei auch ums Geld. Die Kosten für rituelle Beschneidungen werden vom staatlichen Gesundheitssystem Italiens nicht übernommen, schließlich wird der Eingriff in aller Regel nicht aus medizinischen Gründen vorgenommen. In privaten medizinischen Einrichtungen kostet eine Beschneidung durch Ärzte und geschultes Personal nach Angaben von Amsi zwischen 2000 und 4000 Euro. Illegale Beschneidungen sind laut Amsi schon für zwanzig bis fünfzig Euro zu haben. Die tödliche „Dienstleistung“ von Genua war mit achtzig Euro überteuert. Wie viele Säuglinge die unsachgemäßen Eingriffe zwar überstehen, dabei aber bleibende Schäden erleiden, weiß niemand. Foad Aodi berichtet, allein nach den Nachrichten über die jüngsten drei Todesfälle bei illegalen Beschneidungen hätten bei Amsi mehr als hundert Opfer mit Spätschäden um Hilfe gebeten.

          Amsi fordert nun eine nationale Lösung für das Problem. Bisher werden nur in drei der zwanzig Regionen Italiens rituelle Beschneidungen in staatlichen Gesundheitseinrichtungen vorgenommen – zu Selbstbeteiligungskosten von 250 bis 400 Euro und bei unterschiedlichen Anforderungen an das Mindestalter zwischen vier und zwölf Jahren. „Aber 99 Prozent der Eltern wünschen die Beschneidung ihrer Söhne im Alter von wenigen Monaten“, sagt Aodi. Amsi hat Gesundheitsministerin Giulia Grillo von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung dringend um ein Treffen gebeten. „Die Praxis der illegalen Beschneidungen muss sofort beendet werden“, fordert Aodi.

          Nicht nur Amsi, auch medizinische Fachverbände fordern die allgemeine Übernahme der Kosten ritueller Beschneidungen an männlichen Säuglingen durch das staatliche Gesundheitswesen – bei einer Selbstbeteiligung von 200 bis 250 Euro. Doch selbst dieser Betrag dürfte für viele muslimische Migranten zu hoch sein, für illegale schon gar. Und um eine nationale Lösung zu erreichen, müsste das Parlament in Rom ein entsprechendes Gesetz verabschieden. Die Zustimmung der rechtsnationalistischen Lega, dem Koalitionspartner der Fünf-Sterne-Bewegung, gilt als unwahrscheinlich. Denn die gesetzliche Regelung würde das staatliche Gesundheitswesen mit zusätzlichen Millionen Euro belasten und dabei praktisch nur muslimischen Migranten zugutekommen. Eine Wiederholung des Falls Zion, so scheint es, ist nur eine Frage der Zeit.

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