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Tiananmen-Gedenken : Hongkonger Denkmalsturm zu Weihnachten

Entfernt: „Die Säule der Schande“ sollte in Peking an das Tiananmen-Massaker erinnern. Bild: Reuters

Jahrzehntelang war Hongkong der einzige Ort in China, an dem der Opfer des Tiananmen-Massakers gedacht werden durfte. Nun wurden gleich mehrere Erinnerungssymbole entfernt.

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          Alle Jahre wieder wird in China die Weihnachtszeit genutzt, um politische Fakten zu schaffen, die in der westlichen Öffentlichkeit möglichst wenig Aufmerksamkeit bekommen sollen. In diesem Jahr dürfte das das Kalkül der Behörden in Hongkong gewesen sein. Nachdem am vergangenen Donnerstag schon die Skulptur „Säule der Schande“ vom Campus der University of Hong Kong entfernt worden war, folgten an Heiligabend zwei weitere Kunstwerke, die ebenfalls den Opfern des Tiananmen-Massakers von 1989 gewidmet waren.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Der Denkmalsturm von Hongkong hat die letzten Überbleibsel einer institutionellen Hongkonger Erinnerungskultur zur Demokratiebewegung von 1989 beseitigt. In allen drei Fällen geschah dies über Nacht und mithilfe von Sichtblenden, um symbolträchtige Fotos zu verhindern. Hongkong war bis jetzt der einzige Ort in China, an dem solche Denkmäler noch geduldet wurden. Im Rest des Landes wird jede öffentliche Geste, die an den blutigen 4. Juni 1989 erinnert, zensiert und bestraft. Die Zahl der Opfer ist unbekannt. Schätzungen gehen von einigen Hundert bis zu einigen Tausend aus.

          „Die Göttin der Demokratie“ wird entfernt

          Die Chinese University of Hong Kong entfernte an Heiligabend die Skulptur „Göttin der Demokratie“ des in Los Angeles lebenden Künstlers Chen Weiming. Sie hatte elf Jahre lang auf dem Campus gestanden und war jener gleichnamigen Statue nachempfunden, die die Pekinger Studentenbewegung 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens errichtet hatte.

          Die Universität teilte mit, sie habe das Aufstellen der Statue nie genehmigt. „Keine Organisation hat die Verantwortung für ihren Erhalt und ihr Management übernommen.“ Zwei Organisationen, die ursprünglich an der Errichtung beteiligt gewesen seien, gebe es inzwischen nicht mehr. Das bezieht sich zum einen auf die Allianz zur Unterstützung der Patriotischen Demokratischen Bewegung in China, die fast dreißig Jahre lang eine jährliche Mahnwache in Hongkong zum Gedenken an die Tiananmen-Opfer organisiert hat, zuletzt 2019. Die Organisation wurde im September aufgelöst, nachdem alle führenden Mitglieder festgenommen und teilweise verurteilt worden waren. Die Gruppe hatte außerdem ein Gedenkmuseum betrieben, das von der Polizei geschlossen wurde. Die zweite genannte Organisation, die Studentenunion, wurde im Oktober aufgelöst. Beide waren Teil der einst lebendigen Zivilgesellschaft in Hongkong, die Chinas Zentralregierung mithilfe eines „nationalen Sicherheitsgesetzes“ weitgehend zerschlagen hat. Mehr als 50 zivilgesellschaftliche Organisationen haben in der Zwischenzeit ihre Auflösung bekannt gegeben.

          Ebenfalls an Heiligabend ließ die Lingnan University ein Tiananmen-Relief entfernen. Es zeigte unter anderem den sogenannten Tank-Man, einen Studenten, der dabei fotografiert wurde, wie er sich einer Kolonne von Panzern entgegenstellte. Bis heute ist unklar, was später mit ihm geschah. Das Relief stammt ebenfalls von Chen Weiming und wurde 2009 errichtet.

          „Rechts- oder Sicherheitsrisiken“?

          Die Hochschule begründete den Schritt damit, dass das Kunstwerk „Rechts- oder Sicherheitsrisiken“ für die Universitätsgemeinschaft darstellen könne. Mit ähnlichen Worten hatte die University of Hong Kong am Donnerstag die acht Meter hohe „Säule der Schande“ des dänischen Künstlers Jens Galschiøt abbauen lassen. Die Hochschule verwies auf ein Gesetz aus der britischen Kolonialzeit, gegen das eine fortgesetzte Ausstellung der Kupferskulptur angeblich verstoßen könne. Galschiøt hatte nach eigenen Angaben seit Oktober vergeblich versucht, die Universität zu kontaktieren, um sein Kunstwerk selbst zu entfernen. Aus mehreren Ländern habe er Angebote bekommen, die Säule der Schande dort aufzustellen, sagte er. Nun hat er angekündigt, die Hochschule auf Schadenersatz zu verklagen. Zugleich unterstützt er die Schaffung kleiner Repliken mit Hilfe von 3-D-Druckern. Viele Hongkonger widersetzen sich dem Erinnerungsverbot auf ihre Weise. Vergangenen Juni stellten Tausende Kerzen in ihre Fenster.

          Angehörige prominenter inhaftierter Bürgerrechtler fürchten derweil, dass die chinesischen Behörden die Zeit bis zum Jahreswechsel für politisch sensible Gerichtsprozesse nutzen könnten. So wie in jedem Jahr.

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