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Vor zweitem Trump-Kim-Gipfel : Auf ein Hanoies

Tran Kim Thuy, 60, kauft gleich ein paar Dutzend T-Shirts für ihren eigenen Laden. Bild: Till Fähnders

Trumps und Kims Gesichter zieren Tausende T-Shirts, die Flaggen sind gehisst: Die vietnamesische Hauptstadt Hanoi präpariert sich für das historische Gipfeltreffen. Die Zeit, in der Amerika der kapitalistische Todfeind war, ist längst vorbei.

          Der Verkäufer Truong Thanh Duc war einer der ersten in Hanoi, der den Vermarktungswert des bevorstehenden zweiten Treffens zwischen Präsident Donald Trump und Machthaber Kim Jong-un erkannte. Jetzt hat er in wenigen Tagen schon etwa 2000 T-Shirts verkauft, die mit Gipfel-Motiven bedruckt sind. „Erstmal muss man eine Idee haben, und dann auch noch etwas Talent für das Design“, sagt der Vietnamese.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          An seinem Verkaufsstand in der Altstadt wühlen sich die Kunden durch einen Haufen verpackter T-Shirts. Eine Frau nimmt gleich Dutzende mit, um sie in ihrem eigenen Geschäft weiterzuverkaufen. Auf den T-Shirts sind die Köpfe Trumps und Kims gedruckt. Darunter das englische Wort für „Frieden“. 

          Die T-Shirts gehören zu den sichtbarsten Zeichen, die in der vietnamesischen Hauptstadt auf den bevorstehenden Gipfel hinweisen. Neben den Straßensperren, die in der Innenstadt vorbereitet werden, den Blumenkübeln sowie den nordkoreanischen, amerikanischen und vietnamesischen Flaggen, die an Lampenmasten hängen.

          Kim-Doppelgänger ausgewiesen

          Wie im Juni 2018 in Singapur sind auch die Kim- und Trump-Doppelgänger angereist. Darsteller „Howard X“, der den nordkoreanischen Machthaber schon am Rand diverser Großveranstaltungen gemimt hat, wurde wegen eines angeblich ungültigen Visums schon wieder des Landes verwiesen. Der Trump-Imitator durfte aber zunächst bleiben.

          Die vietnamesische Hauptstadt, die sich selbst „Stadt des Friedens“ nennt, wartete da noch auf die beiden Originale. Während sich Trump am Montag mit seiner Air Force One auf den Weg machen sollte, ist Kim Jong-un schon seit Samstagnachmittag unterwegs. Der nordkoreanische Machthaber reist diesmal mit seinem gepanzerten Sonderzug an.

          Es ist eine Mammutfahrt über geschätzte 4500 Kilometer, die insgesamt rund 60 Stunden dauert. Kims Zug hatte schon am Samstagabend die Grenze zu China überquert. Am Montag wurde er dann schon im Süden des riesigen Nachbarlandes gesichtet. Wenn er die Grenze nach Vietnam passiert hat, könnte Kim für die letzten etwa 200 Kilometer nach Hanoi ins Auto umsteigen.

          Von den insgesamt 3000 Auslandsjournalisten, die sich angemeldet haben, waren einige dagegen schon am Wochenende eingeflogen. Sie spekulierten über den wahrscheinlichsten Treffpunkt – und in welchen Hotels die beiden Gipfelteilnehmer wohl unterkommen würden. Als möglicher Gipfelort stand das renommierte Metropol-Hotel hoch im Kurs. Trump sollte wahrscheinlich im Marriott unterkommen und Kim möglicherweise im Hotel Melia. Die vietnamesische Regierung selbst hielt sich bei einer Pressekonferenz bedeckt.

          Die intensiven Vorbereitungen sind dabei auch an den Spaziergängern am malerischen Hoan-Kiem-See am Rand der Altstadt nicht vorbeigegangen. „Es ist eine Ehre, dass Hanoi ausgewählt wurde“, sagen Nguyen Van Thang und Nguyen Thi Son. Von dem Gipfel haben die beiden aus der Zeitung erfahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Paar während seines Ausflugs in die Hauptstadt etwas von den berühmten Gästen zu Gesicht bekommt, ist allerdings gering. Die beiden Staatsmänner sollen durch ein hohes Aufgebot an Sicherheitskräften abgeschirmt werden.

          Die Vietnamesen Nguyen Van Thang und Nguyen Thi Son mögen Michael Jackson.

          Ausgeschlossen ist aber nicht, dass Kim Jong-un wie im vergangenen Jahr eine nächtliche Besichtigungstour in Hanoi machen könnte. Die vietnamesischen Gastgeber sind darauf aus, dem Nordkoreaner etwas von den Früchten zu zeigen, die der wirtschaftliche Reformprozess seit Mitte der achtziger Jahre in der offiziell „sozialistischen“ Republik getragen hat. Den Gerüchten zufolge könnte zumindest Kim ein Samsung-Werk in der Provinz Bac Ninh besuchen.

          Vietnam soll ein Vorbild sein, auch weil es sich in den vergangenen Jahren nach einem grausamen Krieg gegen Amerika dem einstigen Feind angenähert hat. Die junge Generation liebt amerikanische Kultur. „Katy Perry, Justin Bieber“, zählt der 19 Jahre alte Do Trong Son seine Lieblinge unter den amerikanischen Popstars auf. Die Zeit, in der Amerika der kapitalistische Todfeind war, ist spätestens vorbei, seitdem im Jahr 1995 diplomatische Beziehungen aufgenommen wurden und der damalige amerikanische Präsident Bill Clinton das Land im Jahr 2000 besuchte.

          Do Trong Son, 19, mit einer Mitstudentin.

          Aber als sozialistisches Bruderland sei Vietnam auch Nordkorea eng verbunden, sagt der Student. „Im Krieg hat Nordkorea sogar Soldaten nach Vietnam geschickt. Das war eine große Hilfe.“ Er spielt damit vor allem auf ein Kontingent an nordkoreanischen Kampfjetpiloten an, die einst auf nordvietnamesischer Seite Bombenangriffe geflogen hatten.  

          Doch Vietnam ist heute ein anderes Land als zum Kriegsende im Jahr 1975. Die Rentnerin Nguyen Thuy Mi sieht in den sogenannten Doi-Moi-Reformen den entscheidenden Wendepunkt. „Es gab Veränderung in allen Bereichen, Politik, Wirtschaft Außenpolitik. Die Menschen durften eigene Geschäfte aufnehmen, sie durften sogar reich werden. Das hat den Leuten geholfen“, sagt die 66 Jahre alte Vietnamesin.

          Nguyen Thuy Mi, 66, findet, dass es eine Ehre für Hanoi ist, den Gipfel auszurichten.

          Im Durchschnitt verzeichnet das Land nun ein Wirtschaftswachstum von mehr als sieben Prozent. Die Grundlage für den Erfolg ist die verarbeitende Industrie. Aber auch Kleinunternehmer wie der T-Shirt-Verkäufer Truong Thanh Duc gehören dazu. Seit 20 Jahren verdient er sein Geld schon mit dem Verkauf der bedruckten Textilien.

          Die Motive für die Shirts druckt er per Hand in einem Obergeschoss über dem Verkaufsstand, in dem es stark nach Lösungsmittel riecht. Nur einmal hat er schon so viele verkauft wie in diesen Tagen, sagt er: als im vergangenen Jahr Vietnams U23-Fußballmannschaft bei den Asien-Spielen den zweiten Platz erreicht hat.

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