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Les Républicains in der Krise : Wie ein Toter, der noch spricht

Der Vorsitzende von Les Républicains, Laurent Wauquiez, trat am Sonntagabend zurück. Bild: AFP

In Frankreich steckt die bürgerliche Rechte in einer tiefen Krise. Die klarste Vorstellung für die Zukunft von Les Républicains hat derzeit ausgerechnet Marion Maréchal, die Enkelin des Front-National-Gründers.

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          Die klarste Vorstellung für die Zukunft der französischen Schwesterpartei von CDU und CSU, Les Républicains (LR), hat derzeit Marion Maréchal. Wenige Minuten vor dem Rücktritt des LR-Vorsitzenden Laurent Wauquiez am Sonntagabend hat die Enkelin des Front-National-Gründers ein Wahlbündnis der bürgerlichen Rechten mit dem Rassemblement National (RN) ihrer Tante Marine Le Pen vorgeschlagen.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Allein werde RN der Machtwechsel nicht gelingen, sagte die 29 Jahre alte frühere Abgeordnete im Privatsender LCI. Fast wirkte es wie eine konzertierte Aktion, was die Franzosen in den zum Firmenimperium von Nicolas Sarkozys Freund und Trauzeugen Martin Bouygues gehörenden Fernsehsender im Abendprogramm zu sehen bekamen.

          Zunächst durfte Maréchal eine Stunde lang für eine Erneuerung der Parteienlandschaft auf der Rechten werben. Einen Machtkampf mit ihrer Tante wolle sie aber vermeiden, beteuerte die blonde Frau, die seit zwei Jahren in Lyon eine Hochschule aufbaut, die als politische Kaderschmiede dient. Dann verkündete Wauquiez in den Hauptabendnachrichten des Fernsehsenders TF1 seinen Rücktritt und entlastete den LR-Spitzenkandidaten François-Xavier Bellamy, der bei den Europawahlen mit 8,44 Prozent der Stimmen ein historisch schlechtes Ergebnis für die einst so mächtige Partei Sarkozys geholt hatte. „Ich muss mich meiner Verantwortung stellen“, sagte Wauquiez.

          Eine Ermahnung von Sarkozy

          Nach der Niederlage hatte er es zunächst abgelehnt, für das schlechte Ergebnis geradezustehen. Er versuchte stattdessen, „Generalstände“ der Rechten einzuberufen. Die Idee kam aber bei den Parteigranden nicht gut an. Seit seiner Wahl bei einer Mitgliederabstimmung im Dezember 2017 zum Parteivorsitzenden war Wauquiez’ Führungsstil umstritten. Der 44 Jahre alte Parteichef wurde sogar von Nicolas Sarkozy ermahnt, mehr Teamgeist zu zeigen, da er seine Entscheidungen meist allein traf.

          Vor der entscheidenden Stichwahl im Mai 2017 zwischen Macron und Le Pen weigerte er sich, seine Wahlentscheidung bekanntzugeben. Im Vorstand setzte er durch, dass LR neutral bleibe. Im Alleingang entschied er auch, den 33 Jahre alten Bellamy zum Spitzenkandidaten zu küren. Maréchal schätzt Bellamy außerordentlich. Im Europawahlkampf hatte sie die Bitte ihrer Tante ausgeschlagen, eine Wahlempfehlung für den RN-Spitzenkandidaten Jordan Bardella auszusprechen. Im Interview wurde klar, dass Maréchal für Bellamy gestimmt hatte.

          Der Philosophieprofessor aus Versailles hatte zusammen mit Maréchals früherer Klassenkameradin und Freundin Madeleine de Jessy die Bewegung „Sens Commun“ begründet, deren Ziel es war, die Gegner der Homo-Ehe an LR zu binden. Schon damals stand Bellamy für eine selbstbewusste Identitätspolitik und Skepsis gegenüber dem europäischen Einigungsprozess. Maréchal wiederum, die an einer von der traditionalistisch-katholischen Piusbruderschaft geführten Schule in Saint-Cloud ihre entscheidende Prägung erhielt, ärgerte sich über die Rücksichtnahme ihrer Tante auf die Homosexuellen in ihrem Beraterstab.

          Sie protestierte gegen die Homo-Ehe, während Marine Le Pen sich bei den Demonstrationen nur selten blicken ließ. Jetzt sagte Maréchal, sie wünsche sich eine Allianz der „Gelbwesten“ mit den Gegnern der Homo-Ehe. Sie will nicht nur jene um sich sammeln, die sich von EU und Globalisierung verraten fühlen, sondern auch jene wirtschaftlich abgesicherten Schichten, denen der gesellschaftliche Wandel nicht gefällt. Schon bei den Kommunalwahlen 2020 hofft sie, dass Wahlpakte zwischen RN und LR geschlossen werden.

          Wer könnte die Partei aus der Krise führen?

          Für Senatspräsident Gérard Larcher, dem verbliebenen Schwergewicht der Republikaner, liegt die Zukunft der Partei jedoch in einer Rückbesinnung auf die bürgerliche Mitte. So hat der 70 Jahre alte Politiker am Montag alle Regionalratspräsidenten und namhafte Bürgermeister des Zentrums und von LR eingeladen, um eine gemeinsame Strategie für die Kommunalwahlen im nächsten Jahr auszuarbeiten. Schon trägt Larcher den Spitznamen „Blauhelm“ der Rechten. Übergangsweise führt derweil der Kardiologe und frühere Gesundheits- und Europaminister Jean Leonetti die Partei.

          Noch ist gänzlich unklar, wer die Partei aus der Krise führen könnte. Sarkozy soll am Wahlabend gesagt haben, die Rechte sei „tot“. Der LR-Senator Pierre Charon verglich die jüngste Parteivorstandssitzung mit einer Beerdigung, bei der jedoch „der Tote weiter redet“. Der frühere Chefberater Sarkozys, Henri Guaino, siedelt die bürgerliche Rechte inzwischen in der Präsidentenpartei La République en marche (LREM) an. „Für viele Wähler ist LREM der neue Name der Partei, die wir UMP nannten“, sagte Guaino.

          UMP war nach dem Wahlerfolg Jean-Marie Le Pens 2002 für den damaligen Präsidenten Jacques Chirac als Bündnis der bürgerlich-liberalen Partei UDF mit der neogaullistischen RPR begründet worden. Die Unionsparteien in Deutschland galten damals als Vorbild. Emmanuel Macron habe es geschickt verstanden, die UMP-Stammwählerschaft an sich zu binden, sagte Guaino der Zeitung „Le Figaro“. Die europäisch gesinnten rechtsbürgerlichen Wähler seien alle zu Macron abgewandert.

          Das sagt auch der Meinungsforscher Jérôme Fourquet. Macrons Wählerschaft habe sich seit den Präsidenten- und Parlamentswahlen im Frühsommer 2017 verändert und sei fortan wesentlich stärker auf der Rechten verankert. „Etwa 20 Prozent von Macrons Wählern sind zu den Grünen abgewandert, aber er hat diesen Verlust ausgeglichen, indem er 27 Prozent der Wähler gewann, die 2017 für François Fillon stimmten“, sagte Fourquet. Insbesondere in der Rentnergeneration habe Macrons Wahlplattform „Renaissance“ hohe Zugewinne verzeichnet, während LR verlor.

          32 Prozent der Rentner stimmten bei den Europawahlen für Macrons Liste, während nur 14 Prozent von ihnen LR wählten. Auch unter Akademikern und Freiberuflern büßten die Republikaner ihre Vorrangstellung ein. 30 Prozent dieser Gruppe stimmten für Macrons Wahlplattform nur sechs Prozent für LR. Ein ähnliches Phänomen lässt sich bei den Handwerkern und Einzelhändlern feststellen, die zu 26 Prozent Macron stützten, nur zu acht Prozent LR.

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