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Australien und Neuseeland : Zweifel und Zorn bei den Corona-Champions

Demonstration gegen den Lockdown am Samstag in Melbourne Bild: Getty

Trotz strenger Ausgangssperren steigen in Australien und Neuseeland die Infektionszahlen. Die Erfolge der einst hochgelobten Staaten im Kampf gegen die Pandemie verblassen.

          3 Min.

          Australien und Neuseeland gehörten mit ihren niedrigen Fallzahlen lange Zeit zu den Musterbeispielen einer erfolgreichen Viruseindämmung. Doch mit ihren vergleichsweise niedrigen Impfquoten, der Ausbreitung der Delta-Variante und immer strengeren Lockdowns verblasst der einstige Erfolg der dortigen Corona-Strategien. Auch in der Bevölkerung wächst der Unmut über die Versäumnisse etwa bei der Impfstoffbeschaffung sowie der Frust über die harten Einschränkungen, die etwa in der größten Stadt Sydney nun schon in die achte Woche gehen. Außer in Melbourne gilt jetzt auch im Rest Victorias eine nächtliche Ausgangssperre. In Sydney wurde der Lockdown bis September verlängert und ebenfalls eine nächtliche Ausgangssperre über einige Vororte verhängt.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          In mehreren Städten Australiens kam es am Wochenende zu teilweise scharfen Protesten. In Melbourne wurden nach Zusammenstößen mit der Polizei am Samstag mehr als 200 Personen festgenommen, sieben Polizisten wurden verletzt. Gleichzeitig verzeichnete das Land mit 914 neu registrierten Fällen die bisher höchste Zahl an Neuinfektionen seit Beginn der Pandemie. In Neuseeland gestand die Regierung am Sonntag ein, dass die einst so erfolgreiche Null-Covid-Strategie in Zeiten von Delta nur noch bedingt funktioniert. Neuseeland sei von der schnellen Ausbreitung der Virusvariante überrumpelt worden, sagte der für die Corona-Bekämpfung beauftragte Minister Chris Hipkins dem Sender TVNZ. „Das bedeutet, dass unsere bestehenden Schutzmaßnahmen weniger adäquat und robust erscheinen“, sagte Hipkins. Dies werfe „einige große Fragen“ auf, so der Minister.

          „Weil die Regierung gebummelt hat“

          Die Oppositionsführerin Judith Collins machte zudem die Regierung für das langsame Fortschreiten der Impfkampagne verantwortlich. „Wir stecken im Lockdown, weil die Regierung dabei gebummelt hat, die Neuseeländer zu schützen“, sagte Collins. In Neuseeland sind 20 Prozent der Bevölkerung komplett geimpft. Das Land war am Dienstag wieder in den Lockdown gegangen, nachdem zum ersten Mal seit sechs Monaten ein einziger Corona-Fall nachgewiesen worden war. Im Verlauf der jüngsten Welle sind nun schon 72 Infektionen entdeckt worden. Sowohl in Australien als auch in Neuseeland werden die derzeitigen Probleme vor allem auf die Delta-Variante zurückgeführt, die nicht mit dem zu vergleichen sei, womit man es bisher zu tun gehabt habe. Beide Länder arbeiten deshalb daran, ihre Impfkampagnen zu beschleunigen.

          In Australien verteidigte Premierminister Scott Morrison am Sonntag trotzdem noch einmal die strikte Eindämmungspolitik. „Am dunkelsten ist es immer vor dem Sonnenaufgang, und diese harten Lockdowns fordern großen Tribut. Leider sind sie vorerst notwendig“, so Morris. Die Äußerung verband er aber mit einer Botschaft, die Hoffnung machen und die Menschen motivieren sollte, sich impfen zu lassen. Einem „nationalen Plan“ zufolge, den Canberra mit den Regionalregierungen geschlossen hat, sollen harte Lockdowns der Vergangenheit angehören, wenn mindestens 70 Prozent der Australier zwei Mal geimpft worden sind. Bei einer Quote von 80 Prozent soll es weitere Lockerungen geben. Die genauen Schritte hat die Regierung bislang aber noch nicht erläutert.

          Mit derzeit etwa 24 Prozent ist Australien von seinem Ziel noch ein ganzes Stück entfernt. Mit steigender Impfquote findet aber auch in „Down Under“ ein Umdenken statt. In einem Interview sagte der Premierminister, er halte es für sehr unwahrscheinlich, dass Australien die Zahl der Infizierten noch einmal auf null drücken könne. Jedoch erscheine die Zahl der täglichen Neuinfektionen, auf die sich die lokalen und nationalen Konzepte im Umgang mit der Pandemie bisher konzentriert hatten, ohnehin als zunehmend schlechter Indikator. „Während sich unsere nationale Strategie derzeit notwendigerweise darum dreht, das Virus zu unterdrücken und so viele Menschen wie möglich zu impfen, wird mit dem einseitigen Blick auf die Fallzahlen die Tatsache übersehen, dass weniger Leute schwer krank werden oder gar sterben“, sagte Morrison.

          Der Premierminister kündigte daher an, dass sich die nationale Antwort auf die Pandemie in Zukunft stärker an der Zahl der Schwerkranken und der Krankenhausbelegung orientieren werde. „Denn schließlich managen wir so alle anderen Infektionskrankheiten“, sagte Morrison. Australien geht damit offenbar einen ähnlichen Weg wie der südostasiatische Stadtstaat Singapur, der ebenfalls zu den Corona-Champions gehörte und dank einer Impfquote von 74 Prozent nach strengen Lockdown-Maßnahmen nun langsam mit einer schrittweisen Öffnung begonnen hat. Dazu gehört von September an auch die Aufhebung der Quarantäne für vollständig geimpfte Reisende aus Deutschland und dem Sultanat Brunei, die auf bestimmten Direktflügen in den Stadtstaat kommen.

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