https://www.faz.net/-gpf-aa0n5

Impfstoffe aus der EU : Nicht mehr an jeden liefern

  • -Aktualisiert am

Der Video-Gipfel der EU, auf dem großen Bild Ratspräsident Charles Michel Bild: dpa

Solange Impfdosen ein knappes Gut sind, kann die EU nicht vorbehaltlos in alle Welt exportieren. Ausfuhren sollten davon abhängig sein, wie sich andere verhalten.

          1 Min.

          Eine der fragwürdigsten Wortschöpfungen der Pandemie ist der „Impfnationalismus“. Nationalismus ist eine Überhöhung der eigenen Nation. Hier geht es aber um etwas anderes, nämlich die Versorgung der Bevölkerung mit dringend benötigten Impfstoffen, die im Augenblick noch ein knappes Gut sind.

          Die EU hat sich dabei bekanntlich nicht so gut geschlagen, wie es ihrem Selbstverständnis und dem Entwicklungsstand ihrer Mitglieder entspricht. Deshalb muss sie nun prüfen, ob sie in dieser Sache weiter als offener Wirtschaftsraum auftreten will, von dem aus die gesamte Welt mit den kostbaren Impfdosen versorgt wird.

          Die nackten Zahlen lassen einem schon den Atem stocken. Aus der EU wurden seit Dezember 77 Millionen Dosen exportiert. Dem stehen 88 Millionen Dosen gegenüber, die in den 27 Mitgliedstaaten ausgeliefert worden sind. Wäre die Exportware hier geblieben, dann stünden die EU-Staaten in der dritten Welle besser da und hätte Aussicht, früher aus dem frustrierenden Kreislauf von Lockdown, Lockerungen und abermaligem Lockdown herauszukommen.

          Allerdings gibt es Lieferketten, die über die EU hinausreichen, und wir haben Interesse daran, dass auch andere Regionen so schnell wie möglich geimpft werden, damit von dort keine neuen Mutanten zu uns kommen. Der Ansatz der EU-Kommission ist deshalb der richtige. Exporte sollten davon abhängig gemacht werden, ob andere Länder ebenfalls Ausfuhren erlauben und wie hoch dort die Ansteckungen und die Immunisierung sind.

          Das könnte in erster Linie Großbritannien treffen. Die Briten wollten aus der EU heraus, weil sie glaubten, sie könnten sich allein besser durchsetzen. Ironischerweise können sie das nun zum ersten Mal ernsthaft in einem Ringen mit der EU erproben, die nach (britischen) Berechnungen in diesem Fall aber etwas bessere Karten hat. Ein Kompromiss wäre im Interesse beider Seiten.

          Ansonsten gilt, was die Kanzlerin bekräftigt hat: Die EU muss die eigene Produktion hochfahren, Impfstoffe werden womöglich noch auf Jahre hinaus gebraucht.

          Nikolas Busse
          Verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Griechenland, Türkei, Italien : Mittelmeerländer kämpfen gegen Waldbrände

          Tausende Einsatzkräfte, evakuierte Dörfer und mindestens sechs Tote: Nach einer Hitzewelle sind die Großbrände rund ums Mittelmeer noch nicht alle unter Kontrolle. Auf Sizilien ist die Lage besonders ernst. Russland schickt der Türkei dringend benötigte Löschflugzeuge.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.