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Impfkampagne in Afrika : Keiner weiß, wann die nächste Lieferung kommt

Impfung in Accra, Ghana, am 2. März Bild: Reuters

Der afrikanische Kontinent ist fast ausschließlich auf Impfstoff-Importe aus dem Ausland angewiesen – doch die lassen auf sich warten. Das Hauptproblem sind offenbar Lieferengpässe.

          3 Min.

          Kaum hatte Südafrikas Gesundheitsminister Zweli Mkhize den lange erwarteten Covid-Impfplan vorgelegt, muss er schon wieder einen Stopp verkünden. Diesmal geht es um den Impfstoff von Johnson & Johnson (J&J), der wegen Blutgerinnseln in den Vereinigten Staaten ausgesetzt wurde. Für Südafrika ist die Zwangspause ein weiterer Schlag. Es ist das einzige afrikanische Land, das den J&J-Impfstoff verimpft, und zwar bislang ausschließlich.

          Claudia Bröll
          (clb.), Freie Autorin

          Im Februar war die Regierung abrupt von dem Astra-Zeneca-Impfstoff auf J&J umgeschwenkt, allerdings nicht wegen möglicher Blutgerinnsel. Damals hatten Wissenschaftler dem Vakzin eine geringere Wirksamkeit gegen die südafrikanische Variante B.1.351 attestiert. Seitdem wurden Impfdosen von J&J und Biontech/Pfizer bestellt, aber erst in geringen Mengen geliefert.

          Ein Prozent der Afrikaner ist geimpft

          Weniger als 300.000 Menschen, fast ausschließlich Beschäftigte im Gesundheitswesen, wurden damit geimpft. Das sind 0,4 Prozent der Bevölkerung. Es sei eine temporäre Aussetzung, bestätigte die Regulierungsbehörde am Donnerstag. Man wolle die Daten aus klinischen Tests im eigenen Land und die Daten aus den Vereinigten Staaten auswerten. Die Pause dürfte nur wenige Tage dauern.

          Südafrika ist nicht das einzige Land auf dem Kontinent, in dem die Impfungen weitaus langsamer vorankommen als in Europa und in den Vereinigten Staaten. Proteste gegen „Impfstoff-Nationalismus“ und „Impfstoff-Apartheid“ füllen seit Monaten die sozialen Medien. Kritik kam jüngst auch von der Generaldirektorin der Welthandelsorganisation (WTO), Ngozi Okonjo-Iweala. Sie nannte es „moralisch unvertretbar und einen schweren wirtschaftlichen Schlag“, dass nur ein Prozent der Afrikaner bisher geimpft sei im Vergleich zu mehr als 40 Prozent in Nordamerika.

          Die meisten afrikanischen Länder erhalten Impfstoffe über die Covax-Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zusätzlich beziehen einige Länder direkt von den Herstellern. China, Russland, Indien und die Arabischen Emirate wie auch der südafrikanische Mobilfunkkonzern MTN spendeten Impfstoffe, wenn auch in kleineren Mengen.

          Begrenzter Zugang

          Über die Covax-Initiative sollen insgesamt 300 bis 350 Millionen Menschen geimpft werden, erklärte John Nkengasong, Chef des Africa Centres for Disease Control and Prevention (Africa-CDC) am Donnerstag. Die Organisation, die zur Afrikanischen Union gehört, will zusätzlich zu Covax Impfstoffe für weitere 400 Millionen Menschen heranschaffen. Covax setzt derzeit auf den Astra-Zeneca-Impfstoff, die Africa-CDC auf J&J. Schnell wird das Ziel jedoch nicht erreicht sein. Nach den jüngsten Angaben wurden in afrikanischen Ländern knapp 14 Millionen Impfdosen verabreicht, die meisten in Marokko, Nigeria und Ghana.

          Nicht Covax sei das Problem, sondern Lieferengpässe, sagte Nkengasong. Jüngst hatte das Serum-Institut in Indien, das die Astra-Zeneca-Impfstoffe produziert, ihre Lieferungen wegen der enorm gestiegenen Nachfrage im eigenen Land unterbrochen. „Unser Kontinent hat begrenzten Zugang. Wir befinden uns in einer Situation, in der wir nicht wissen, wann die Dosen für die zweiten Impfungen ankommen.“ Die Zeit drängt, denn in Ländern wie Ghana seien die Vorräte fast aufgebraucht. In dieser Woche gab das Institut in Indien zumindest grünes Licht, auch wieder afrikanische Länder zu beliefern.

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          In Südafrika beklagte sich der Gesundheitsminister im Parlament über die „schädigenden“ Auflagen von Herstellerunternehmen, um Haftungen und Rückzahlungen zu vermeiden. J&J habe zusätzlich eine Zusicherung vom Industrie- und Handelsminister verlangt, die Investitionen des amerikanischen Konzerns in Südafrika zu unterstützen. Das Unternehmen arbeitet mit dem südafrikanischen Generika-Hersteller Aspen zusammen, der in seinem Werk in Gqeberha, früher Port Elizabeth, die Impfstoffe abfüllt und verpackt. Es ist einer der wenigen Impfstoffhersteller in Afrika. Unklar ist jedoch, wie viel für den Export vorgesehen ist.

          Aufbau eigener Produktionsstätten

          Das Hauptproblem besteht darin, dass der Kontinent fast ausschließlich auf Importe angewiesen ist. Die Rufe werden jetzt lauter, Produktionsstätten in Afrika aufzubauen. „Unsere Aufgabe ist es, unsere eigenen Möglichkeiten zu nutzen und eine lebendige, innovative Industrie zu schaffen“, sagte Südafrikas Staatspräsident Cyril Ramaphosa. Afrikanische Länder sollten sich an Schwellenländern wie Brasilien oder Indien orientieren. Auch die Afrikanische Union drängt darauf, den Anteil importierter Impfstoffe bis 2040 von 99 auf 40 Prozent zu senken.

          Um ärmeren Ländern die Produktion zu ermöglichen, hatten Südafrika und Indien schon im vergangenen Jahr eine Aufhebung des Patentschutzes gefordert. In dieser Woche nun appellierten Nobelpreisträger und frühere Staatschefs in einem Brief an den amerikanischen Staatspräsidenten Joe Biden, die Patente aufzuheben. Es sei ein „wichtiger und nötiger Schritt, um die Pandemie zu beenden“. Pharmaexperten aber warnen vor zu hohen Erwartungen. Selbst ohne Patentschutz würde es Jahre dauern, um Produktionsstätten aufzubauen und im Wettbewerb mit Indien und anderen Ländern mithalten zu können.

          Die Impfpause in Südafrika fällt zumindest in eine Zeit, in der sich die Covid-Lage entspannt hat. Seit einer kurzen zweiten Infektionswelle zum Jahreswechsel ist die Sieben-Tage-Inzidenz auf rund zwölf gesunken. Die Intensivstationen in den Krankenhäusern sind kaum belegt, die eilig im vergangenen Jahr errichten Covid-Lazarette wurden abgebaut, es gelten kaum Ausgangsbeschränkungen. Allerdings geht die Sorge vor einer dritten Infektionswelle um, wenn auf der Südhalbkugel der Winter beginnt.

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