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Immigration : Briten streiten über ausländische Arbeitskräfte

Schilder auf Polnisch in der britischen Grafschaft Cheshire Bild:

In Großbritannien mehren sich Berichte über soziale Spannungen zwischen Einheimischen und zugezogenen Osteuropäern. Während die einen die „hohe Arbeitsmoral“ der ausländischen Arbeitskräfte loben, warnen andere vor der zunehmenden Kriminalität. Von Johannes Leithäuser.

          3 Min.

          Die britische Regierung sammelt Beweise für ihre Beteuerung, die hohe Zahl von Einwanderern in den vergangenen Jahren habe sich als Segen für die Wirtschaft und für das britische Steueraufkommen erwiesen. Nachdem die Bevölkerungszahl in Großbritannien vor allem durch die Einwanderung in den vergangenen fünf Jahren um etwa eine Million Einwohner auf 61 Millionen gestiegen ist und inzwischen jeder achte Arbeitnehmer auf den britischen Inseln einen ausländischen Pass hat, mehren sich jetzt Berichte über soziale Spannungen zwischen Einheimischen und zugezogenen Osteuropäern.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Punktesystem für Einwanderungswillige

          Die oppositionellen Konservativen versuchen, die Regierung mit markigen, aber allgemein gehaltenen Forderungen nach Einwanderungsbeschränkungen unter Druck zu setzen. Die regierende Labour Party antwortet darauf einerseits mit ebenso unbestimmten Versicherungen aus dem Mund ihres Premierministers Brown, sie werde „britische Arbeitsplätze für britische Arbeiter“ sicherstellen.

          Andererseits kündigt das Innenministerium an, die Regeln für die Einwanderung würden von April nächsten Jahres an neu gefasst. Statt Arbeitserlaubnisse für bestimmte Branchen kontingentweise auszugeben, soll ein Punktesystem gelten, das Einwanderungswillige je nach Alter, Lebensumständen, materiellen Verhältnissen und Fähigkeiten bevorzugt oder abweist. Dieses System nach australischem Muster wurde auch in Deutschland vor fünf Jahren beschlossen, wird dort aber gegenwärtig nicht angewendet.

          Arbeitsmoral der Immigranten höher als die der Briten

          Die öffentliche Aufmerksamkeit fällt unterdessen momentan vor allem auf eingewanderte Arbeitskräfte aus den neuen EU-Mitgliedsländern, die in den vergangenen Jahren den größten Anteil der Neuankömmlinge stellten. Im Gegensatz zu Deutschland verzichtete Großbritannien nach dem Beitritt der zehn osteuropäischen Länder im Jahr 2004 darauf, Kontingentbeschränkungen für Arbeitskräfte zu verhängen. Nach dem Beitritt von Rumänien und Bulgarien am Jahresbeginn 2007 hat jedoch auch die britische Regierung von scharfen Beschränkungen Gebrauch gemacht.

          Die gemischte Bilanz der bisherigen Einwanderungspraxis verzeichnet auf der positiven Seite die Beurteilung des britischen Einzelhandelskonzerns Sainsbury, der die „sehr hohe Arbeitsmoral“ seiner ausländischen Arbeitskräfte lobt, „die in vielen Fällen der Moral einheimischer Arbeitskräfte überlegen“ sei. Ähnlich urteilt der britische Bauernverband in einer offiziellen Stellungnahme.

          Straßenschilder auf Polnisch

          Auf der negativen Seite steht hingegen der Hilferuf der Polizeipräsidentin der englischen Grafschaft Cambridgeshire. Sie teilt mit, ihre Polizeibeamten seien dem „dramatischen Wandel“ in der Bevölkerungszusammensetzung nicht gewachsen. Trunkenheitsfahrten von Ausländern hätten sich binnen eines Jahres versiebzehnfacht. Auch Messerstechereien oder Kapitalverbrechen unter Ausländern hätten stark zugenommen.

          Anders als die Einwanderung aus den einstigen Kolonien in den Nachkriegsjahrzehnten, die Pakistanis, Hongkongchinesen und schwarze Jamaikaner in die englischen Industriezentren brachte, kommen die jüngsten Einwanderungsströme in Großbritannien aus Osteuropa und gehen auch in ländliche Gegenden.

          Einwohner in Cheshire wundern sich, dass die Grafschaftspolizei unvermittelt Baustellenschilder auf Polnisch im Straßenverkehr aufstellt, um Unfälle von Einwandern zu verhüten. Im nordirischen Dungannon wurden mehrere Serien rassistischer Übergriffe gemeldet, meist warfen Unbekannte die Fenster von Häusern ein, in denen Ausländer wohnten.

          Ein Viertel der Einwanderer ist Großverdiener

          Die jüngsten Zahlen des Innenministeriums, die den wirtschaftlichen Segen der Einwanderung belegen sollen, bilden allerdings Durchschnittswerte, die der Vielfalt des Bevölkerungswandels nicht gerecht werden. So wird der durchschnittliche Wochenlohn von berufstätigen Ausländern in Großbritannien mit rund 630 Euro (424 Pfund) angegeben. Er liegt damit fast 30 Pfund oder 45 Euro höher als der Durchschnittslohn der britischen Kollegen. Doch die Übersicht über die Arbeitsmarktsektoren, in denen die meisten Ausländer tätig sind, ergibt eine so starke Spreizung von Fähigkeiten (und Einkommen), dass die Orientierung an Durchschnittswerten wenig aussagt.

          Dreizehn Prozent der ausländischen Arbeitskräfte in Großbritannien sind im Bank- und Versicherungswesen beschäftigt. Weitere zehn Prozent arbeiten in den überwiegend staatlichen Sektoren Gesundheitswesen und Erziehung. Fast ein Viertel der Einwanderer steht also eher am oberen Ende der Einkommensskala. Am unteren Ende sammeln sich die Arbeiter in der Landwirtschaft (fünf Prozent der beschäftigten Ausländer), auf dem Bau (sieben Prozent) sowie im Transportgewerbe und der Gastronomie (zwölf Prozent).

          Immigranten geben mehr als sie bekommen

          Aus den höheren Durchschnittseinkommen der ausländischen Arbeitskräfte hat das Innenministerium aber dennoch den Schluss gezogen, der Beitrag der Ausländer zum Steueraufkommen liege je Kopf höher als der Beitrag der Briten. Zusammengerechnet lieferten die Eingewanderten rund zehn Prozent der Staatseinnahmen, sie nähmen aber nur 9,1 Prozent der Staatsausgaben (im Erziehungs- oder Gesundheitswesen) in Anspruch.

          Die Vorsicht der Labour-Regierung über solche Erfolgsmeldungen spiegelt sich in einer Aussage des parlamentarischen Staatssekretärs für Einwanderungsfragen Liam Byrne: Zwar profitiere der britische Finanzminister deutlich von den Immigranten, doch müsse die Einwanderungspolitik darauf achten, dass auch die sozialen Folgen ins Kalkül gezogen würden.

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