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Weltweite Angriffe : Weitere Staaten werfen Russland Cyberattacken vor

  • Aktualisiert am

Ein Fahndungsfoto des niederländischen Verteidigungsministeriums zeigt die vier russichen Bürger, die verdächtig werden, sich in das System der OPCW gehackt zu haben – aufgenommen am Flughafen in Amsterdam im April 2018. Bild: Reuters

Russische Hacker sollen einen Angriff gegen die Organisation für das Verbot Chemischer Waffen in Den Haag geplant haben. Die Niederlande weisen deshalb vier Agenten aus. Jetzt melden sich immer mehr Staaten zu Wort.

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          Nachdem die Niederlande vier russische Agenten wegen eines Hackerangriffs ausgewiesen haben, werfen immer mehr Staaten Russland Cyberattacken vor. Dabei steht der russische Militärgeheimdienst GRU im Mittelpunkt. Großbritannien veröffentlichte am Donnerstag eine Liste mit 12 Hackergruppen hinter denen Russland stehen soll. Auch das britische Außenministerium sei Ziel von Angriffen gewesen. Der britische Außenminister Jeremy Hunt sagte, er halte weitere Strafmaßnahmen gegen Russland für möglich. Auch Kanada gab bekannt, Ziel von Cyberattacken gewesen zu sein. Davon betroffen waren die kanadische Behörde für Ethik im Sport sowie die in Montréal ansässige Welt-Antidopingagentur Wada. Die kanadische Regierung sei überzeugt, dass der GRU dafür verantwortlich sei, sagte ein Sprecher des Außenministeriums.

          Auch Amerika wirft Russland Cyberattacken vor. Das amerikanische Justizministerium verkündete am Donnerstag die Anklage von sieben Agenten der GRU. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, sie hätten Informationen internationaler Antidopingagenturen gehackt, vertrauliche Daten gestohlen und diese als Teil einer Desinformationskampagne veröffentlicht. Dabei soll es auch darum gegangen sein, die Arbeit von Antidopingagenturen in Misskredit zu bringen, nachdem das staatlich organisierte Doping-Programm in Russland aufgedeckt worden war. Der amerikanische Justizminister Jeff Sessions sagte, das sei eine Bedrohung für die amerikanische Gesellschaft und die Sicherheit des Landes.

          Russische Hacker sollen zudem geplant haben, das System der in Den Haag ansässigen Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) zu hacken. Nach dem vereitelten Spionageangriff haben die Niederlande vier Russen ausgewiesen. Bei ihnen handle es sich um Agenten, die einen Einsatz gegen die OPCW geplant hätten, sagte die niederländische Verteidigungsministerin Ank Bijleveld am Donnerstag. Die vier Spione hatten den Angaben zufolge geplant, in das Computernetzwerk der OPCW einzudringen, die niederländischen Geheimdienste hätten die Operation aber vereitelt. Das russische Außenministerium wies alle Anschuldigungen zurück und kündigte einen „amtlichen Kommentar“ an.

          Russland im Fokus der OPCW

          Die niederländische Regierung verurteilte das russische Vorgehen als „sehr besorgniserregend“ und bestellte den russischen Botschafter ein. „Russland muss damit aufhören“, sagte die Verteidigungsministerin Bijleveld. Auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg forderte Russland am Donnerstag auf, sein „rücksichtsloses Verhalten“ zu beenden. Die Nato-Verbündeten unterstützten das Vorgehen, „Russland wegen seiner unverhohlenen Versuche, internationales Recht und Institutionen zu untergraben, bloßzustellen“, sagte Stoltenberg beim Treffen der Verteidigungsminister der Militärallianz in Brüssel.

          Bisher war nur bekannt geworden, dass zwei russische Spione im April aus den Niederlanden ausgewiesen wurden. Sie sollen auf dem Weg in die Schweiz gewesen seien, um dort ein Labor der OPCW zu hacken. Der niederländische militärische Geheimdienst machte nun auch die Fotos und Namen der vier Männer bekannt. Ermittlungen wiesen daraufhin, dass die russischen Hacker auch Angriffe in der Schweiz und auf die Untersuchungen zum Abschuss des Passagierfluges MH17 geplant hätten.

          Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg findet deutliche Worte für den vereitelten russischen Spionageangriff.

          Die Chemiewaffen-Experten der OPCW hatten in jüngster Zeit Untersuchungen angestellt, die auch russische Interessen berühren. So dokumentierten sie den Einsatz von Chemiewaffen gegen Zivilisten im Syrien-Krieg. Die mit Russland verbündete syrische Regierung wird verdächtigt, diese Waffen eingesetzt zu haben.

          Zudem leiteten OPCW-Experten auf Bitten der Regierung in London Untersuchungen im britischen Salisbury ein, nachdem dort das in der Sowjetunion entwickelte Nervengift Nowitschok eingesetzt worden war. Die britische Regierung beschuldigt Russland, mit dem Gift einen Mordanschlag auf den ehemaligen Agenten Sergej Skripal ausgeführt zu haben. Skripal und seine Tochter überlebten schwer verletzt.

          Syrien-Krieg machte Organisation bekannt

          Die OPCW mit Sitz in Den Haag überwacht die Umsetzung der Chemiewaffenkonvention, die 1997 in Kraft trat und von 193 Staaten unterzeichnet wurde. Unter der Konvention wurden 96 Prozent der bekannten Chemiewaffen-Bestände zerstört; die vier verbleibenden Prozent befinden sich in den Vereinigten Staaten und sollen bis 2023 zerstört werden.

          Lange war die Organisation kaum bekannt – besonders der Krieg in Syrien bescherte ihr in den vergangenen Jahren Aufmerksamkeit. In dem seit 2011 andauernden Bürgerkrieg wurden immer wieder Chemiewaffen-Einsätze gegen Zivilisten angeprangert. Die OPCW prüfte 85 solcher Vorwürfe, in 14 Fällen wurde der Einsatz von Waffen wie dem Nervengas Sarin nachgewiesen oder als sehr wahrscheinlich eingeschätzt.

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