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Krieg in der Ukraine : Wenn Minenräumung zur Herkulesaufgabe wird

  • -Aktualisiert am

Ein ukrainischer Soldat in der Nähe eines Warnpostens vor Landminen in der Region Kiew Bild: dpa

Knapp ein Drittel der Fläche der Ukraine könnte vermint sein, genau weiß das niemand. Im Ukrainekrieg sind Landminen auch für die Zivilbevölkerung ein großes Problem. Die Sprengkörper unschädlich zu machen, kann Jahre dauern.

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          Selbst wenn sich Russland morgen aus der Ukraine zurückziehen würde, bliebe ein für die Zivilbevölkerung dauerhaftes Problem zurück. Landminen sind eine Gefahr für jeden, ob Soldat oder Zivilist. Sie können schwere Verletzungen verursachen und im schlimmsten Fall töten. Bereits vor dem 24. Februar war die Ukraine mit Minen kontaminiert, die noch aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg stammen.

          Im Zuge des russischen Angriffskriegs sind nun laut dem ukrainischen staatlichen Notfalldienst etwa 30 Prozent des Territoriums vermint – ein Gebiet, das etwa der doppelten Fläche Österreichs entspricht. Die Fläche und auch die Anzahl der Minen auf ukrainischem Territorium hat sich demnach im Vergleich zur Vorkriegszeit verzehnfacht. Unabhängig überprüfen lässt sich diese Angabe nicht.

          Um beurteilen zu können, wo besonders viele Minen liegen, hilft ein Blick auf die Frontverläufe und die besonders umkämpften Gebiete, sagt Wolfgang Richter. Der Wissenschaftler von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin geht davon aus, dass Minen vor allem bei der Verteidigung eine strategisch entscheidende Rolle spielen – etwa um das Vorrücken des Gegners zu erschweren. Deshalb sei davon auszugehen, dass auch die Ukraine am Anfang aus der defensiven Position heraus selbst einige Gebiete vermint hat.

          Gefährlich für die Bevölkerung sind auch sogenannte Blindgänger, die von Artillerie oder Raketenwerfern stammen können und nicht explodiert sind. Eine besonders hohe Dichte an Minen und Blindgängern sind Richter zufolge in den stark umkämpften Gebieten wie Donezk, Luhansk und Mariupol zu erwarten. Aber auch dort, wo es einen geordneten russischen Rückzug gab wie beispielsweise in Cherson.

          Einsatz von international geächteten Antipersonenminen

          In der Ukraine wurden sieben Arten von Minen eingesetzt, die zur Gruppe der international geächteten Antipersonenminen gehören, wie der „Landminen-Monitor“ der internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen (ICBL) darlegt. Produktion, Lagerung, Weitergabe und Einsatz dieser Sprengkörper sind durch die Ottawa-Konvention von einem Großteil der internationalen Staatengemeinschaft geächtet. Mittlerweile sind 164 Staaten, also etwa 80 Prozent aller Länder, Mitglied der Konvention. Dessen Unterzeichnung jährt sich an diesem Samstag zum 25. Mal. Zwar ist Russland neben anderen Staaten wie den Vereinigten Staaten und China der Konvention nicht beigetreten. Außer Myanmar war es laut Bericht allerdings das einzige Land, das zwischen Mitte 2021 und Oktober 2022 auf diese Waffen zurückgegriffen hat.

          Neben älteren Modellen setzt Russland in der Ukraine auch auf neuartige Sprengladungen. Einige Antipersonenminen, die im Angriffskrieg eingesetzt werden, wurden erst 2021 hergestellt. Dazu zählt zum Beispiel die POM-3-Antipersonenmine. Sie ist mit einem seismischen Sensor ausgestattet und wird bereits durch kleine Erschütterungen in der Nähe, wie beispielsweise Schritte einer sich nähernden Person, ausgelöst. Sie explodiert nicht im Boden, sondern springt zunächst in die Höhe und kann Menschen in einem Radius von acht bis zwölf Metern tödlich treffen.

          Minenräumung als „Herkulesaufgabe“

          Die Zahl der durch Minen verursachten zivilen Opfer ist laut Landminen-Monitor in der Ukraine in diesem Jahr stark gestiegen. Während im vergangenen Jahr 58 Menschen durch Minen ums Leben gekommen sind, sind es in diesem Jahr bislang 277.

          Wie viele Minen und Munitionsrückstände noch in ukrainischem Boden liegen, ist laut Richter schwer einzuschätzen. Ebenfalls noch nicht absehbar sei, wie lang eine Räumungsaktion dauern werde. Es handele sich um eine „Herkulesaufgabe“ von Jahren oder Jahrzehnten. Der Idealfall zur Räumung liegt Richter zufolge vor, wenn es Verteidigungspläne gibt und Minenfelder vermessen und markiert wurden. Moderne Minen zerstörten sich nach einem gewissen Zeitraum zudem selbst. Auch wenn die Ukraine laut Richter viel Fachpersonal und Pioniertruppen hat, wird eine Räumung aufgrund der Größe der verminten Fläche und der vielen anderen Aufgaben, die auf die Ukrainer nach dem Krieg zukommen, nur mit internationaler Hilfe möglich sein.

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