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Im Porträt: Fouad Mebazaa : Stütze der bisherigen Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Fouad Mebazaa ist bereits seit den sechziger Jahren in der tunesischen Politik tätig Bild: dapd

Tunesiens Übergangspräsident Mebazaa steht nicht für Erneuerung, aber für Erfahrung: Sein Lebensweg ist typisch für die bisher führende Schicht. Sie wird freiwillig nicht allzu viel tun, um in einer künftigen Neuordnung drastisch an Einfluss zu verlieren.

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          Für eine umfassende Erneuerung steht der Übergangspräsident Tunesiens gewiss nicht, dafür aber für politische Erfahrung. Die hat er reichlich, denn Fouad Mebazaa, der bis zur durch das Volk bewirkten überraschenden „Abreise“ des Staatspräsidenten Zine al Abidine Ben Ali am vorigen Freitag als Parlamentspräsident amtierte, ist bereits seit den sechziger Jahren in der Politik tätig. Seine Karriere begann im Jahre 1964, als er erstmals Abgeordneter des Parlaments in Tunis wurde.

          Mebazaa ist Teil jener Elite, die seit der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahre 1956 das Land beherrscht. Sein Lebensweg ist typisch für jene dominierende Schicht, die man in früheren Zeiten als „Effendi-Kaste“ bezeichnet hätte: Grundbesitzer, Notable und hohe Verwaltungsleute. Als solcher ist der Interimspräsident nach Jahrzehnten mit allen Wassern gewaschen; und die bisher führende Schicht wird freiwillig nicht allzu viel tun, um in einer künftigen Neuordnung drastisch an Einfluss zu verlieren.

          Der am 16. Juni 1933 in Tunis geborene Politiker studierte, wie viele seiner Landsleute damals (und auch heute), in Paris: Rechts- und Politikwissenschaft. Doch er tummelte sich auch in den Wirtschaftswissenschaften. Seine politischen Anfänge, als Tunesien noch französisches Protektorat war, liegen in der Neo-Destour. Sie war Nachfolgerin der alten, nationalistischen Destour („Verfassungs-Partei“) und kämpfte viele Jahrzehnte unter Habib Bourguiba, dem „obersten Kämpfer“ und bis zu seiner Absetzung durch Ben Ali 1987 amtierenden ersten Staatspräsidenten, für Tunesiens Unabhängigkeit von Frankreich. 1964 wurde er Mitglied des Zentralkomitees der umbenannten Sozialistischen Demokratischen Destour-Partei (PSD), zehn Jahre später des „Politbüros“. Da gehörte er längst zu den festen Größen und setzte seinen Aufstieg im Rassemblement constitutionnel démocratique (RCD), wie die Partei anschließend genannt wurde, fort.

          Stütze der bisherigen Gesellschaft

          Die Posten und Ämter, die er innehatte, sind so zahlreich, dass ihn dies erst recht zu einer Stütze der bisherigen Gesellschaft macht: 1973 Sportminister, 1978 Gesundheitsminister, 1979 bis 1981 Kultur- und Informationsminister. Bis 1986 repräsentierte Mebazaa Tunesien als Botschafter bei den Vereinten Nationen in Genf; es folgte der Botschafterposten in Marokko. Immer wieder war er auch für wichtige Städte zuständig. 1969 wählte man ihn zum Bürgermeister der Hauptstadt Tunis.

          Zwischen 1975 und 1980 oblag ihm die Verwaltung der Gemeinde von La Marsa nördlich davon, und 1995 wählte man ihn zum Bürgermeister Karthagos, dem Wohnort der Reichen, Einflussreichen und Schönen, der von Palmenumstandenen, prächtigen Villen und Bougainvillea-Büschen geprägt wird. Dort residierte auch Präsident Ben Ali mit seiner Familie, die nun im fernen Saudi-Arabien (teilweise auch in Paris) Zuflucht gefunden hat. Dass Fouad Mebazaa nun Präsident ist, entspricht der tunesischen Verfassung. Er soll zusammen mit der Übergangsregierung vorgezogene Wahlen vorbereiten.

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