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Amerikas Kampf gegen IS : Neuvermessung des Bösen

  • -Aktualisiert am

Erschreckend gut gerüstet: Kämpfer des „Islamischen Staats“ im syrischen Raqqa Bild: AP

Barack Obama hat die Dschihadisten des „Islamischen Staats“ unterschätzt. Will er das Übel nun an der syrischen Wurzel packen, liefe das auf einen Pakt mit Diktator Baschar al Assad hinaus.

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          Wie krass das Weiße Haus die Gefahr des „Islamischen Staats“ unterschätzte, zeigt der flotte Vergleich, den Barack Obama im Januar anstellte. Handstreichartig hatten die Dschihadisten da gerade die irakischen Städte Ramadi und Falludscha eingenommen. Doch der Präsident verspottete sie im Interview mit der Zeitschrift „New Yorker“: Wenn sich eine Jugendmannschaft Trikots der Lakers überstreife, höhnte der Oberbefehlshaber, dann „macht sie das noch nicht zu Kobe Bryant“. Bryant, der Basketballstar aus Los Angeles, stand in dem Bild für Al Qaida, in deren Terror-Liga die Kämpfer des „Islamischen Staats“ nicht mitspielen könnten.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Vorige Woche aber hat Obamas Verteidigungsminister eine ganz andere Antwort auf die Frage gegeben, ob die Bedrohung der Kämpfer des „Islamischen Staats“ mit der von Al Qaida nach den Angriffen des 11. Septembers 2001 vergleichbar sei. „Sie sind nicht nur eine Terrorgruppe“, sagte Chuck Hagel. „Sie vereinbaren Ideologie mit strategisch wie taktisch raffinierter militärischer Tapferkeit. Sie sind finanziell ungeheuer gut ausgestattet. Dies ist jenseits von allem, was wir kennen.“ Kurzum: Der „Islamische Staat“ bedrohe „unmittelbar alle unsere Interessen“. Generalstabschef Martin Dempsey ergänzte, die Gruppe sei nicht zu besiegen, wenn man ihr nur östlich der syrisch-irakischen Grenze zu Leibe rücke.

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          Wenige Stunden nach seiner Heimkehr aus dem Neuengland-Urlaub empfing Obama am Montag Hagel im Weißen Haus. In Washington kursierten vage Gerüchte über bevorstehende Luftschläge auf Dschihadistenstellungen in Syrien. Genau ein Jahr ist es her, dass Obama zuletzt Angriffe auf Ziele in Syrien in Aussicht stellte. Sie sollten den Diktator Baschar al Assad für den Einsatz von Giftgas bestrafen. Unter dem Druck einer kriegsmüden Öffentlichkeit überließ der Präsident den Beschluss darüber dann aber zunächst dem Kongress. Durch Russlands Initiative zur Vernichtung der syrischen Chemiewaffen wurde er schließlich vor einer innenpolitischen Blamage bewahrt.

          Wie dramatisch sich die Lage seither verändert hat, zeigten am Montag schon die beiden wichtigsten Meldungen in den Zeitungen. Erstens hat die Nusra-Front auf qatarische Vermittlung den amerikanischen Reporter Peter Theo Curtis freigelassen, den der syrische Al-Qaida-Ableger fast zwei Jahre lang als Geisel gehalten hatte. Die Hintergründe blieben verschwommen. Doch wenige Tage nachdem der „Islamische Staat“ seine amerikanische Geisel James Foley geköpft hat, taucht Curtis’ Heimkehr Al Qaida nun in vergleichsweise mildes Licht. Zweitens hat der „Islamische Staat“ den wichtigen syrischen Luftwaffenstützpunkt in Raqqa erobert. Diese Niederlage für die syrische Luftwaffe, deren Stützpunkte Obama noch vor Jahresfrist selbst angreifen wollte, beunruhigt Washington stark. Wie es die Strategen im Weißen Haus auch drehen und wenden: Mehr noch als im Irak liefe ein militärisches Vorgehen gegen den „Islamischen Staat“ in Syrien darauf hinaus, sich mindestens implizit mit Kräften zu verbünden, die bis vor kurzem noch aus triftigen Gründen als das Böse schlechthin galten.

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          Obama will nicht in Bürgerkrieg verwickelt werden

          Eine saubere Lösung gibt es in dieser Lage für Obama kaum. Zunächst hat der Präsident nun die Stimmung testen lassen. Sein stellvertretender Sicherheitsberater Ben Rhodes verkündete im Radio, dass sich die Vereinigten Staaten zum Schutz von Amerikanern „nicht von Grenzen aufhalten“ ließen. Weder dieser Satz noch Hagels Superlative, noch die kühle Analyse von General Dempsey verursachten bisher Aufschreie von Interventionsgegnern, wie sie im vorigen Sommer durch das Land gellten. Doch das könnte dem Schock nach der Enthauptung Foleys zuzuschreiben sein. Es ist gut möglich, dass sich die politische Debatte drastisch zuspitzt, wenn die Abgeordneten und Senatoren kommende Woche aus den Ferien kommen, die Kongresswahlen Anfang November fest im Blick. Amerikas gewichtigster Interventionsskeptiker ist freilich der Oberbefehlshaber selbst: Obama weiß, dass keiner seiner Einwände gegen ein militärisches Eingreifen im syrischen Bürgerkrieg durch die jüngste Entwicklung entkräftet wurde.

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