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Leiterin eines Kulturzentrums : Die Entführung einer unerschrockenen Deutschen im Irak

Die Deutsche Hella Mewis, die in Bagdad ein Kulturzentrum leitet. Bild: AFP

In Bagdad ist eine Deutsche verschleppt worden. Sie eckte als Kulturfördererin an und unterstützte die Protestbewegung. Ihr Verschwinden fällt in eine Zeit großer Spannungen.

          2 Min.

          Das Verschwinden einer Deutschen in Bagdad beschäftigt die deutschen und irakischen Behörden. Hella Mewis, die Gründerin eines bekannten Kulturinstituts, wurde am Montagabend von Unbekannten in der irakischen Hauptstadt verschleppt. Die Hintergründe waren zunächst unklar. Aus den irakischen Sicherheitsbehörden kamen unbestätigte Berichte, laut denen Mewis von Bewaffneten in zwei Fahrzeugen verschleppt wurde. Ein Sprecher des Innenministeriums teilte lediglich mit, es sei eine Untersuchung eingeleitet worden, die Behörden suchten nach der verschwundenen Deutschen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Der deutsche Außenminister Heiko Maas, der sich am Dienstag in Athen aufhielt, sagte zu dem Fall, in Berlin sei der Krisenstab des Auswärtigen Amtes zusammengerufen worden. Wie in solchen Fällen üblich, werde es mit Blick auf das Wohlbefinden der Betroffenen keine offiziellen Informationen über Details des Falles geben; doch sei im Auswärtigen Amt damit begonnen worden, „eine Lösung zu finden, bei der die betroffene Person und ihr Wohlbefinden gesichert wird“.

          Hella Mewis ist laut übereinstimmenden Berichten aus Bagdad durch ihr politisches und kulturelles Engagement angeeckt. Sie hat sich über Jahre für irakische Künstler eingesetzt. 2015 gründete sie das Kulturinstitut „Bait al Tarkib“ (Haus der Installation), das zeitgenössische irakische Kunst fördert. Dem Sender PBS sagte Mewis im Frühjahr vorigen Jahres, die irakische Regierung unternehme in diesem Bereich nichts; sie schere sich nicht um die junge Generation. Bei der Arbeit des Instituts, das jungen irakischen Künstlern eine Bühne bot, gehe es maßgeblich darum, die Angst davor zu überwinden, neue Wege zu beschreiten.

          Mewis setzte sich für die Rechte von Frauen ein, ferner unterstützte sie die irakische Protestbewegung, die seit dem Herbst vorigen Jahres die korrupte politische Klasse herausfordert. Noch wenige Stunden bevor sie verschleppt wurde, habe Mewis Aktivisten auf dem Tahrir-Platz in der irakischen Hauptstadt besucht, hieß es am Dienstag aus ihrem Umfeld. Sie galt als unerschrocken und bewegte sich in Bagdad regelmäßig mit dem Fahrrad, was dort ein eher exotischer Anblick ist.

          „Wir wissen nicht, wer hinter ihrer Entführung steckt“

          Vertraute der Deutschen zeigten sich am Dienstag „traurig und fassungslos“. „Wir wissen nicht, wer hinter ihrer Entführung steckt“, sagte Ali Amer Almikdam, der für das „Bait al Tarkib“ gearbeitet hat, außerdem in der Protestbewegung aktiv ist – und inzwischen aus Sicherheitsgründen in Arbil lebt, der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion im Nordirak.

          Wie er vermuteten viele irakische Beobachter irantreue schiitische Milizen hinter der Tat. Mewis’ Verschwinden fällt in eine Zeit großer innerer Spannungen, in der die Angst vor diesen Gruppen zunimmt. Diese werden auch hinter Entführungen von Ausländern in der jüngeren Vergangenheit vermutet. Schiitische Milizen haben ferner immer wieder Aktivisten der Protestbewegung verschleppt und auch ermordet.

          Ein Sprecher der berüchtigten Gruppe Kataib Hizbullah distanzierte sich zwar am Dienstag von der Entführung der Deutschen und schob die Schuld auf „Banden“ des neuen Regierungschefs Mustafa Kadhemi. Mit ihm trägt die Gruppe derzeit einen sich verschärfenden Konflikt aus.

          Das vorauseilende Dementi muss allerdings nicht unbedingt heißen, dass die Kataib-Hizbullah-Miliz nichts mit der Entführung zu tun hat oder dass nicht andere Gruppen aus ihrem Dunstkreis hinter Mewis’ Verschwinden stecken können. Kataib Hizbullah ist derzeit mit großem Unmut der irakischen Öffentlichkeit konfrontiert. Der Gruppe wird die Schuld an der Ermordung eines der führenden und beliebten irakischen Experten für militante Gruppen gegeben: Hisham Hashemi, ein Berater Kadhemis, Kritiker der irantreuen schiitischen Milizen und Unterstützer der Protestbewegung, war am 6. Juli vor seinem Haus in Bagdad erschossen worden.

          Das Kulturzentrum „Bait al Tarkib“ in der irakischen Hauptstadt Bagdad.

          Hella Mewis sei nach dem Attentat angesichts ihres eigenen politischen Engagements „nervös“ gewesen, sagte eine Freundin der Deutschen der Nachrichtenagentur AFP. Beobachter in Bagdad äußerten am Dienstag aber auch die Vermutung, es könnte sich um eine Einschüchterungsaktion aus Kreisen der Sicherheitsbehörden handeln.

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