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Hospiz St. Louis in Jerusalem : Wo das Trennende verschwimmt

An der Grenze zwischen Leben und Tod: Eine Frau besucht ihren dementen Vater in St. Louis. Bild: Jonas Opperskalski / laif

Für alle Bewohner ist es die letzte Station auf Erden. Christen, Juden und Muslime leben und sterben unter einem Dach. Ein Besuch im Hospiz St. Louis in Jerusalem.

          8 Min.

          Am Aufzug hinter der palästinensischen Rezeptionistin wartet Haim und stimmt die Gitarre nach. Dann fährt der Orthodoxe mit seiner Band in den ersten Stock des alten Hospitals. Sie sind ausgelassen so kurz vor dem jüdischen Pessach-Fest, sie wollen den Patienten eine Freude machen. Im Speisesaal bemalen die Patienten gerade Ostereier. „Doktor komm her, nimm mich aus dem Bett“, singen die Musiker, und der 79 Jahre alte Jehuda Barren erhebt sich mit Hilfe eines Rollators vom Stuhl und hebt die Füße abwechselnd wie zum Tanz. Ein palästinensischer Pfleger klatscht im Takt, Schwester Monika schaut einer alten Nonne über die Schultern, die ein Osterei anmalt. Das orthodoxe Osterfest beginnt zwar erst nächste Woche, „aber wir fangen schon mal an“, sagt Schwester Monika. Haim und seine Leute spielen jetzt eine Variation von Beethovens „Für Elise“.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Das auf Palliativmedizin spezialisierte Hospital St. Louis ist kein trauriger Ort. Auch wenn es für die meisten seiner Patienten die letzte Lebensstation sein wird. Oder gerade weil es die letzte Zeit des irdischen Lebens ist für die Alten und Kranken in Jerusalem. „Die Situation vom Lebensende ist so stark, dass alles andere wirklich dahinter zurücktritt“, sagt Schwester Monika Düllmann, die das Hospital seit 15 Jahren leitet. „Wir pflegen hier ultraorthodoxe Juden, Muslime, Christen und aus Russland eingewanderte säkulare Juden.“ Das St. Louis ist ein katholisches Kloster mit einer Kapelle, einem Klosterrabiner und koscherer Küche, die auch muslimischen Speisevorschriften entspricht. Es gehört zum israelischen Gesundheitssystem, Patienten aller sozialen Hintergründe werden hierher überwiesen.

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