https://www.faz.net/-gpf-15k86

Im Gespräch: Umweltaktivist Jerome Ringo : „Politisch kommt die Ölpest zur rechten Zeit“

  • Aktualisiert am

„Für Obama wird es nun einfacher, das neue Energiegesetz durchzusetzen” Bild: dpa

Für BP ist die Ölpest im Golf von Mexiko eine Blamage - aber „was für ein Weckruf“ für Obama , meint der amerikanische Umweltaktivist Jerome Ringo. In der F.A.S. spricht er über Katastrophen, amerikanische Gewohnheiten - und Al Gore.

          3 Min.

          Jerome Ringo, Sie waren bis vor kurzem Chef der „Apollo Alliance“, die für „saubere Energie“ eintritt; Sie sind zudem Chef der „National Wildlife Federation“. Die Gegend, wo die Ölpest gerade zuschlägt, kennen Sie gut, oder?

          Ja, ich lebe in Louisiana, habe dort früher in der petrochemischen Industrie gearbeitet. Wir in Louisiana wissen, dass diese Gegend schon immer eine besonders empfindliche ist. 40 Prozent der Meeresfrüchte, die in den Vereinigten Staaten verkauft werden, stammen von dort; ebenso stammen 33 Prozent des einheimischen Ölbedarfs aus dem Golf von Mexiko. Da herrschte immer eine heikle Balance zwischen Energiewirtschaft und Umweltschutz – und jetzt stoßen die beiden zusammen. In dem Bestreben, Amerikas Riesenhunger nach Energie zu befriedigen, haben wir ein Ökosystem gefährdet, das das fragilste in den Vereinigten Staaten ist. Zudem hat die Ölpest auch ökonomische Konsequenzen – für Fischer, für Restaurants, für Lastwagenfahrer, für Hotels, für die Tourismusindustrie. Es ist ein Schaden, den wir für Jahrzehnte spüren werden.

          Ist diese Ölpest schlimmer als die von dem Tanker „Exxon Valdez“ verursachte 1989, vor Alaska?

          Ja, weil die „Exxon Valdez“ eine begrenzte Menge Öl geladen hatte. Dieses Mal, wo es um eine Ölquelle geht, wissen wir nicht, wie viel Öl noch kommt. Die besondere Gefahr besteht darin, dass ein solch großes Gebiet betroffen ist: Texas, Louisiana, Mississippi, Alabama, Florida – und möglicherweise sogar die Ostküste, mit Georgia und North sowie South Carolina.

          Der Ölteppich im Golf von Mexiko: „Wir wissen nicht, wie viel Öl noch kommt”

          Hat sich die Regierung von Barack Obama zu lange zu sehr auf BP verlassen?

          Es gab einige taktische Fehler, aber das betrifft die Vorgängerregierungen. Als der Bundesstaat Louisiana und die Regierung in Washington zuließen, dass die Ölfirmen im Golf Öl fördern, musste man annehmen, dass diese sich umweltbewusst verhalten würden; dazu aber braucht man Vorschriften, und die gab es nicht. Wenn man in einer Tiefe von anderthalb Kilometern nach Öl bohrt, gibt es keinen Spielraum für Fehler; macht man doch einen, sind die Folgen katastrophal. Hat die Regierung von Obama ein wenig zu lang gewartet, bevor sie die Sache an sich zog? Ja – weil, was ich verstehe, sie sich darauf verließ, dass BP tun würde, was es versprach.

          Für BP ist die Ölpest eine offensichtliche Blamage. Ist sie das aber nicht auch für Obama? Als er vor einigen Wochen grünes Licht für eine Ausweitung von Ölbohrungen vor Amerikas Küsten gab, um sich bei Republikanern Unterstützung für ein neues Energiegesetz zu verschaffen, sagte er, solche Bohrungen seien sicher.

          Es ist weniger eine Blamage als ein Weckruf. Der Kongress steht kurz davor, dieses Gesetz zu verabschieden; es wird die Art und Weise, wie wir mit Energie umgehen, von Grund auf verändern.

          Sein Ziel ist es, den CO2-Ausstoß zu verringern, in den Emissionshandel einzusteigen und dergleichen. Was passiert damit jetzt?

          Das amerikanische Volk, das dieses Gesetz bisher mehrheitlich nicht unterstützte, wird es nun unterstützen. Die Regierung Obama, die an Teilen des Gesetzes Zweifel hatte, wird es nun mit Macht voranbringen. Denn jetzt ist der Druck da.

          Die Ölkatastrophe verändert schlagartig das politische Spiel?

          Ganz sicher. Es ist schrecklich, dass sie passiert ist, aber politisch hätte sie zu keiner besseren Zeit passieren können. Jetzt verlangen sogar konservative Kongressabgeordnete aus Florida, die eben noch für „Drill, baby, drill“ waren, dass weniger gebohrt wird – sie wollen keinen Ölteppich am Strand von Key West. Für Obama wird es einfacher, das Gesetz durchzusetzen.

          Wirklich?

          Ja. Was für ein Weckruf!

          Sie propagieren ja auch sehr das Einsparen von Energie. Für Europäer ist das schon schwer – aber für Amerikaner? Gehört für die der Reichtum an Energie nicht immer noch zum Lifestyle?

          Das muss sich ändern.

          Sind Sie da optimistisch?

          Es ist ein evolutionärer Prozess, das geht nicht über Nacht. Die Amerikaner werden merken, dass es wirtschaftlich keinen Sinn macht, einen Dodge Ram zu fahren, und lieber einen energiesparenden Wagen kaufen. Es ist alles eine Frage der Aufklärung.

          Wieso tun sich Amerikaner damit so schwer?

          Amerika hat eine Gesellschaft, die nicht vorbeugend agiert, sondern die reagiert. Schauen Sie sich all die Turbinen und Solarzellen an, die es bei Ihnen gibt. Deutschland und Europa haben nach vorne geschaut: Wir passen uns jetzt an, das wird sich bald auszahlen. Bei uns Amerikanern muss normalerweise erst etwas passieren, damit wir handeln.

          Wie passen für Sie Umweltschutz und Jobs zusammen?

          Früher mal hieß es: Jobs gegen Umwelt. Jetzt heißt es: Jobs für die Umwelt. Die einzige Möglichkeit für Amerika, aus der Wirtschaftskrise herauszukommen, ist, in grüne Technologien zu investieren. Hinzu kommt: Al Gore hatte recht in „An Inconvenient Truth“ – wir müssen den Klimawandel unter Kontrolle bekommen.

          Apropos „An Inconvenient Truth“: Sie kommen vor im Film, oder?

          Ja. Man sieht mich gegen Ende mit Al; ich habe ihn ja auch beraten. Wir haben ungefähr zweieinhalb Stunden gedreht, und ich hatte etwa fünf oder zehn Sekunden mit Al Gore. (lacht)

          Weitere Themen

          War es ein Terrorakt?

          Attentat auf Militärstützpunkt : War es ein Terrorakt?

          Die Ermittler in Florida können noch nicht sagen, ob der Attentäter von Pensacola allein handelte oder Mittäter hatte. Weil es sich um einen saudischen Soldaten handelte, diskutieren aber auch die Republikaner über die Beziehungen des Präsidenten zum Königreich.

          Topmeldungen

          Klimagipfel : Mit Verzichtspanik wird nichts erreicht

          Als müsste in einer klimafreundlicheren Welt jemand aufs Auto, aufs Heizen, Fliegen oder auf Kinder verzichten! Das Vertrauen in die Technik ist bei denen, die den Innovationsgeist am lautesten für sich reklamieren, am geringsten.
          Warnt die SPD: der CSU-Vorsitzende Markus Söder

          Zukunft der Groko : „Stabilität ja, Siechtum nein“

          Einen grundlegend neuen Kurs der Koalition werde es nicht geben, warnt die Union die SPD. Beim Klimapaket, das am Abend im Vermittlungsausschuss beraten wird, erwartet der Unionsfraktionschef aber eine schnelle Einigung.

          Johnson gegen Corbyn : Eine radikale Wahl

          Die Labour-Partei unter Corbyn ist keine sozialdemokratische Partei mehr. Mit sozialistischen Forderungen und geplanten Verstaatlichungen macht er auf sich aufmerksam. Die Tories dagegen sind weiter nach rechts gerückt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.