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Im Gespräch: Stammesführer Naqibullah Shorish : „Jeder im Westen spricht mit eigenen Taliban“

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Naqibullah Shorish (l.) bei der Krönung zum Stammesführer Bild:

Shorish ist der Stammesführer der Kharoti, eines der größten Paschtunenstämme Afghanistans. Von 1980 an lebte er im Exil in Deutschland. Nun hat ihn die Taliban-Schura beauftragt, die Gesprächsbereitschaft von Nato und Bundesregierung auszuloten.

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          Herr Shorish, ein Selbstmordattentäter hat am Dienstag Burhanuddin Rabbani getötet, den Vorsitzenden des Hohen Friedensrats in Afghanistan. Welche Folgen hat das für den Friedensprozess?

          Welchen Friedensprozess? Burhanuddin Rabbani hat den von Präsident Karzai eingesetzten Friedensrat geführt. Er konnte als Todfeind der Taliban kein neutraler Mittler zwischen Aufständischen und Regierung sein. Der Tod Rabbanis ist eine Tragödie, doch wenn er überhaupt mit Taliban verhandelt hat, dann nur mit unbedeutenden Kommandeuren. Mit den wirklich wichtigen Leuten sprach er nicht.

          Wer sind die wirklich wichtigen Leute?

          Sie sind in einer vierzigköpfigen Schura vereint, der Taliban-Schura. Sie besteht seit etwa einem Jahr. Ihr gehören Mullah Omar und Sardjuddin Haqqani an, also der Vater von Jalaluddin Haqqani, einem der militärischen Köpfe der Taliban.

          Diese Leute werden in der ganzen Welt als Terroristen eingestuft.

          Was sie in den Augen vieler Afghanen nicht sind. Die Afghanen sind vor allem von der Nato enttäuscht wegen der vielen Toten durch Bombenangriffe und wegen Übergriffen wie nächtlichen Razzien auch in Frauengemächern.

          Sie gehören der Afghanischen Friedensdschirga an, aber nicht dem Hohen Friedensrat. Warum?

          Die Afghanische Friedensdschirga besteht aus Vertretern der paschtunischen Stämme des Südens und Ostens, aber auch aus Tadschiken, Usbeken, Turkmenen und Hazara. Uns eint die Ablehnung der Regierung Karzai. Wir können nicht einer Organisation angehören, deren Initiator unser Gegner ist. Die Aufständischen akzeptieren nur neutrale Mittler zwischen der Regierung und ihnen.

          Wer könnte dieser neutrale Mittler sein?

          Die Friedensdschirga oder einzelne Stammesführer.

          Wen würden die Aufständischen als Gesprächspartner akzeptieren?

          Die Nato. Dort sind die wichtigsten ausländischen Truppensteller vertreten. Mit Deutschen, Franzosen oder Italienern dürfte eine Gesprächsaufnahme unproblematisch sein.

          Aber die Nato und die genannten Länder kämpfen doch an Karzais Seite.

          Die Nato stützt eine verbrecherische, korrupte Regierung, die von den meisten Afghanen abgelehnt wird. Der Westen macht damit einen großen Fehler. Ich bin nach Deutschland gekommen, um im Auftrag der Taliban auszuloten, inwieweit die Nato bereit wäre, über eine Rolle als neutraler Mittler nachzudenken.

          Der deutsche Afghanistan-Beauftragte Michael Steiner spricht doch angeblich längst mit den Taliban.

          Jeder im Westen hat seinen Talib, mit dem er angeblich spricht. Diese Leute haben meist keinen Einfluss, keine Kontakte. Herr Steiner spricht mit den Falschen.

          Und Sie sind der Richtige?

          Die vierzigköpfige Taliban-Schura ist ein Zusammenschluss von Quetta- und Peshawar-Shura. Ihr Führer ist Qayum Zaker, er hat einige Jahre in Guantánamo eingesessen. Mullah Omar stand bis vor kurzem der Quetta-Shura vor. Ich kenne Qayum Zaker gut. Ich kann Gespräche mit ihm vermitteln.

          Sie sind Führer von etwa drei Millionen Paschtunen des Kharoti-Stammes. Wie halten Sie es mit den Taliban?

          Ein Teil meiner Stammesangehörigen kämpfen auf Seiten der Taliban. Viele Afghanen sympathisieren mit den Taliban. Als Stammesführer muss ich ein offenes Ohr für alle haben, auch für die Taliban. Die meisten Kharotis waren vor 2001 keine Taliban, sondern sind es später geworden. Viele haben durch die amerikanischen Militäraktionen Angehörige verloren, andere fühlen sich durch die nächtlichen Aktionen der Amerikaner in ihrer Ehre verletzt.

          Kämpfen Ihre Stammesangehörigen auch gegen deutsche Soldaten?

          Auch gegen die Deutschen. Wir wollen, dass alle westlichen Soldaten aus Afghanistan abziehen. Ihr Einsatz ergibt keinen Sinn mehr.

          Würde der Widerstand gegen die ausländischen Truppen enden, wenn es eine andere Regierung in Ihrem Land gäbe?

          Nein. Die Afghanen dulden die Einmischung von außen nicht länger. Solange westliche Soldaten im Land sind, werden sie von den Aufständischen bekämpft.

          Befürworten Sie den Aufstand?

          Ich bin Mitglied der Afghanischen Friedensdschirga, die es sich zum Ziel gemacht hat, in Afghanistan endlich Frieden zu schaffen. Doch ich fürchte, das Kämpfen wird noch lange weitergehen.

          Wieso? Der Westen will seine Truppen bis 2014 weitgehend abziehen...

          Der Aufstand richtet sich gegen die Regierung Karzai und ihre Unterstützer. Außerdem gibt es Staaten in unserer Umgebung, die an einer Fortsetzung des Krieges in Afghanistan interessiert sind. Pakistan, Saudi-Arabien, Iran, Russland, Indien - jeder hat bei uns seine Interessengruppe, die er instrumentalisiert. Wir haben große Angst vor einem neuen Bürgerkrieg.

          Wie könnte der verhindert werden?

          Wir brauchen einen nationalen Konsens, dass die Afghanen ihre Probleme friedlich lösen wollen, dass sie sich nicht mehr von außen benutzen lassen.

          Die Vereinigten Staaten wollten die Aufständischen so schwächen, dass sie freiwillig an den Verhandlungstisch kommen. Nun bieten Sie Verhandlungen an. Es scheint, als ob die Amerikaner ihr Ziel erreicht hätten.

          Bitte, machen Sie sich keine Illusionen. Die Amerikaner können noch so viele Truppen schicken, damit zwingen sie die Aufständischen nicht an den Verhandlungstisch. Je stärker der Gegner, desto stärker der Widerstand. Die Afghanen wollen die Amerikaner nicht, sie wollen mit ihnen auch nicht verhandeln.

          Warum wollen sie nicht direkt mit den Amerikanern verhandeln?

          Die Amerikaner sagen, sie wollen nicht mit Haqqani, mit Hekmatyar, mit Mullah Omar sprechen. Für sie sind das Terroristen, die Amerikaner getötet haben. Doch die Amerikaner haben auch unschuldige Afghanen getötet. Ich glaube, die Amerikaner sind nicht in der Position, Bedingungen zu stellen.

          Die Taliban müssen nur bis Ende 2014 warten, dann sind die Truppen des Westens weg und sie könnten das Land übernehmen. Warum wollen sie überhaupt verhandeln?

          Weil die Menschen jetzt Frieden wollen. Sie wollen, dass das Kämpfen aufhört.

          Und wenn sich der Bürgerkrieg nicht verhindern lässt?

          Es gibt 8000 Koranschulen im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Dort werden junge Taliban ausgebildet. Der Personalnachschub ist grenzenlos. Auch in anderen Nachbarländern wie Tadschikistan und Usbekistan gibt es viele perspektivlose junge Männer. Auch die würden in den Krieg geschickt werden. Die afghanische Tragödie wird kein Ende nehmen, solange die Nachbarstaaten bei uns ihre Interessen verfolgen.

          Künftig wird es mehr als 400.000 Soldaten und Polizisten in Ihrem Land geben. Können Sie Afghanistans erneuten Sturz ins Chaos verhindern?

          Wir können uns diesen Sicherheitsapparat gar nicht leisten. Wir haben kein Geld, um diese Leute auf Dauer zu bezahlen. Und ich glaube nicht, dass der Westen Afghanistans Armee und Polizei über Jahrzehnte hinweg alimentieren wird. Die Sowjets hatten während ihrer Invasion Afghanistans auch Sicherheitskräfte aufgebaut. Sie sind nach ihrem Abzug binnen kurzer Zeit zerfallen. So wird es auch diesmal sein.

          Zwischen Arbeitsamt und Taliban-Schura

          Naqibullah Shorish ist der Stammesführer der Kharoti, mit drei Millionen Angehörigen eines der größten Paschtunenstämme Afghanistans. 120 Delegierte einer Stammes-Schura wählten ihn im April dieses Jahres in Kabul in dieses Amt. Shorish, vor 57 Jahren geboren in Kabul, lebte von 1980 an im Exil in Deutschland. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan 1979 flüchtete er zunächst nach Stuttgart und Bonn, später ließ er sich mit seiner Familie in Düsseldorf nieder, wo er zuletzt als Sachbearbeiter für die Agentur für Arbeit tätig war. Sein Arbeitsverhältnis ruht, Shorish ist seit drei Jahren beurlaubt. 2008 kehrte er nach Kabul zurück, besucht jedoch regelmäßig Deutschland, das für ihn zur zweiten Heimat geworden ist.

          Das Siedlungsgebiet der Kharoti erstreckt sich über weite Teile Afghanistans, den Schwerpunkt bilden allerdings die südlichen Provinzen, in denen der Aufstand gegen die Regierung Karzai und die Nato-Truppen besonders stark ist. Kharoti leben auch im Raum Kundus, wo sich Naqibullah Shorish im Jahr 2009 bemüht hatte, Verhandlungen zwischen der Nato, der Bundeswehr und den Aufständischen zu vermitteln. Nach dem von dem deutschen Oberst Georg Klein befohlenen Luftangriff des 4. September 2009 auf zwei von Taliban entführte Tanklaster hatte Shorish seine Bemühungen eingestellt. Er hält sich derzeit wieder in Deutschland auf. Die Taliban-Schura habe ihn beauftragt, die Gesprächsbereitschaft von Nato und Bundesregierung auszuloten und Kontakte herzustellen.

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