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Im Gespräch: Richard Holbrooke : „Kundus war eine Katastrophe“

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Der Luftschlag von Kundus: „Militärische Mittel sind nicht immer die Lösung” Bild: AP

Der amerikanische Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, sieht keinen Grund für die Bundesregierung, über eine Truppenverstärkung erst nach der Londoner Konferenz Ende Januar zu entscheiden. Er kritisiert im F.A.Z.-Interview den Luftschlag von Kundus, den ein Bundeswehr-Oberst befohlen hatte.

          Der amerikanische Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, Holbrooke, sieht keinen Grund für die Bundesregierung, über eine Truppenverstärkung erst nach der Londoner Konferenz Ende Januar zu entscheiden. „Sie werden in London nichts hören, was sie nicht vorher schon gehört haben“, sagte er dieser Zeitung in München. Den Luftschlag von Kundus, den ein Bundeswehr-Oberst befohlen hatte, nannte Holbrooke eine „Katastrophe“.

          Herr Botschafter, Präsident Obama schickt weitere 30.000 Soldaten nach Afghanistan. Wie passt das zu seinem Hauptziel, Al Qaida in den pakistanischen Unterschlüpfen zu zerstören?

          Hingen beide nicht zusammen, wir führten nicht diesen Krieg. Würden die Taliban Al Qaida abschwören, ihre Waffen niederlegen und sich am politischen Prozess beteiligen, dann wären wir vielleicht mit ihren sozialen Werten nicht einverstanden, aber wir würden nicht die Leben so vieler junger Männer und Frauen aufs Spiel setzen. Nun sitzt zwar tatsächlich Al Qaida in Pakistan, während wir die Taliban in Afghanistan bekämpfen. Doch wenn sich die Taliban in Afghanistan durchsetzten, bekäme Al Qaida ein viel größeres Operationsfeld. Und vor allem wäre das für beide ein kolossaler Propagandasieg, der Millionen von Menschen in ihre Arme triebe.

          Der amerikanische Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke: „Die Europäer werden in London nichts Neues hören”

          Der Kampf gegen die Taliban ist also nur der erste Schritt im Krieg gegen Al Qaida?

          Es ist der wesentliche Schritt. Denn wir können keine Truppen auf pakistanischen Boden schicken, diese Option besteht nicht.

          Obama will Mitte 2011 den Abzug beginnen. Werden die Taliban das nicht einfach aussitzen?

          Das ist eine Schlüsselfrage. Wenn die Taliban über die Grenze gehen und in Pakistan abwarten, dann haben wir ein echtes Problem.

          Obama versprach eine "effektive Partnerschaft" mit Pakistan. Dort steht Präsident Zardari vor Gericht. Auf wen setzt Amerika?

          Wir arbeiten mit der Zentralregierung, der Regierung des Punjab und mit dem Militär, das recht unabhängig operiert.

          Ist das Militär der Stabilitätsanker in Pakistan?

          Das weiß ich nicht. Unter Präsident Musharraf war die Armee kein Stabilitätsfaktor.

          Warum verstärkt Amerika jetzt nur die Schutztruppe Isaf, nicht aber seine rund 30 000 Kräfte unter dem Antiterrormandat "Operation Enduring Freedom"?

          Das ist nur noch eine formale Frage, seit beide Truppen unter dem Kommando eines Kommandeurs stehen.

          Vielleicht ist es eine sehr deutsche Frage, erst recht, seit die Frage im Raum steht, ob ein deutscher Oberst in Kundus den Luftschlag auf Tanklastzüge am 4. September befahl, um Taliban-Führer auszuschalten - was das Isaf-Mandat nicht vorsieht.

          „Kundus" war eine Katastrophe, für die Menschen in Kundus, die Isaf-Soldaten, die Bundeswehr, die deutsche Bevölkerung. Ich habe Mitgefühl mit allen Beteiligten. Es ist schwer, in Sekundenbruchteilen Entscheidungen zu treffen, wenn man sich bedroht fühlt.

          War es falsch anzunehmen, dass alle Personen, die sich mitten in der Nacht und weit weg vom nächsten Dorf bei zwei von Taliban gekaperten Tanklastzügen aufhielten, mit den Aufständischen verbündet waren?

          Keineswegs.

          Was folgt daraus für die Entscheidung des Kommandeurs?

          Es gibt hier nicht Schwarz und Weiß, man kann Taliban von Nichttaliban nicht leicht unterscheiden. Fast jede paschtunische Familie hat Verwandte auf beiden Seiten. Ja, die Taliban sind mit Al Qaida verbündet, und wir müssen sie bekämpfen. Aber wir müssen auch verstehen lernen, wer sie sind. Militärische Mittel sind nicht immer die Lösung.

          Deutschland und Frankreich wollen über eine Truppenverstärkung nicht vor der Londoner Afghanistan-Konferenz im Januar befinden. Was können sie von der Tagung erwarten?

          Sie werden in London nichts hören, was sie nicht vorher schon gehört haben. Wir haben uns enorm eng mit den Europäern abgestimmt. Wenn ich anderslautende Beschwerden in Europa oder in Pakistan lese, amüsiert mich das.

          Soll in London vielleicht eine "Exit-Strategie" vereinbart werden?

          Präsident Obama hat bewusst nicht diesen Begriff verwendet. Wir entsenden 30.000 amerikanische und weitere alliierte Soldaten, um maximalen Druck auf die Taliban auszuüben. Damit kaufen wir der afghanischen Regierung Zeit, um ihre Armee und Polizei zu verbessern. Dann können wir schrittweise die Verantwortung für die Sicherheit den Afghanen übertragen.

          Wird jetzt genug getan, um Armee und Polizei auszubilden?

          Das ist unser schwierigstes Problem. Die Armee muss rasch so weit gebracht werden, um den Beginn unseres Rückzugs zu ermöglichen. Und die Probleme mit der Polizei sind wohlbekannt, vom Analphabetismus zur Rauschgiftsucht und der hohen Sterblichkeit. Daran sind wir sechs Jahre lang gescheitert. Erst jetzt wird zum Beispiel die Alphabetisierung ein Pflichtbestandteil der Polizeiausbildung.

          War es ein Fehler, die Europäer mit dem Polizeiaufbau zu betrauen?

          Das haben die doch nie gemacht. Die Aufgabe wurde zwar den Deutschen übertragen, aber die eigentliche Ausbildung übernahmen Amerikaner. Das war ein lumpiger Bürokratenkompromiss.

          Amerika will sich nun auf den Schutz der Bevölkerung in Ballungsräumen konzentrieren. War es ein Fehler, die Isaf über das ganze Land auszubreiten - etwa Bundeswehrkräfte nach Faizabad im Nordosten zu schicken?

          Ja, es gibt abgelegene Vorposten, die wir verlassen müssen, um unsere Kräfte zu bündeln.

          Der Schlafmohnanbau findet nicht in urbanen Ballungsräumen statt...

          Wir zerstören keine Mohnfelder mehr, wir bauen Alternativen auf. 1978 hat Afghanistan landwirtschaftliche Produkte exportiert. Die Afghanen sind gute Bauern, aber sie brauchen Ermutigung.

          Präsident Karzai stellt gerade seine neue Regierung zusammen. Ist es ihm ernst mit der Korruptionsbekämpfung?

          Ich kenne die Zusammensetzung des Kabinetts noch nicht. Aber für uns ist das der nächste große Test für Karzai.

          Präsident Obama hat gesagt, die Zeit der Blankoschecks sei vorüber. Ist das Ihr Hebel auf die Regierungsbildung?

          Die Zusammensetzung der Regierung wird beeinflussen, wie die internationale Gemeinschaft mit Afghanistan zusammenarbeitet. Wir werden mit guten Provinzgouverneuren und guten Ministern zusammenarbeiten.

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