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Syrisch-Orthodoxe Kirche : „Kein Naher Osten ohne Christen“

Gläubige bei Osterfeierlichkeiten der Orthodoxen Kirche am Sonntag in Riga, Lettland. Die Orthodoxe Kirche feiert Ostern nach Julianischem Kalender. Bild: EPA

Das Oberhaupt der Syrisch-Orthodoxen Kirche, Mor Ignatius Aphrem II., betont im Gespräch, wie wichtig es sei, den Geist der Offenheit und Toleranz zu bewahren – und kritisiert die Vereinten Nationen.

          Ihre Heiligkeit, auch in diesem Jahr feiern die orientalischen und orthodoxen Kirchen nicht am gleichen Tag Ostern wie die westlichen Kirchen, sondern erst am kommenden Sonntag. Warum?

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Weil wir verschiedene Kalender befolgen, was dazu führt, dass wir Ostern an verschiedenen Daten feiern. Die können bis zu fünf Wochen auseinanderliegen.

          Es gab aber eine Zeit, in der in Damaskus alle Kirchen als Zeichen der Einheit am gleichen Tag Ostern gefeiert haben. Weshalb ist das nicht mehr der Fall?

          Der Vatikan hat den Katholiken im Nahen Osten erlaubt, Ostern mit den Orthodoxen zu feiern. Dennoch feiern wir nicht am gleichen Tag. So folgen orthodoxe Christen weiterhin dem östlichen julianischen Kalender, Katholiken und Protestanten dem westlichen gregorianischen.

          Zur Kirche wurde das frühe Christentum in Antiochien. Ihr Patriarchat, das „von Antiochien und dem Ganzen Osten“, ist eines der fünf Patriarchate der Antike – neben Rom, Konstantinopel, Alexandria und Jerusalem. Hat das noch eine Bedeutung?

          Gemäß unserer Verfassung ist der Patriarch „der legitime Nachfolger des Hauptapostels St. Peter“. Heute ist er das Oberhaupt der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien und dem Ganzen Osten. Denn die Kirche von Antiochien wurde mit dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451 zweigeteilt: in eine chalcedonische, byzantinische Kirche und eine nicht-chalcedonische, syrische. Dann wurden die Patriarchate aufgrund von Mission weiter in katholische und orthodoxe aufgespalten.

          Und heute?

          Heute bestehen zwischen allen Zweigen der Kirche von Antiochien sehr gute Beziehungen. Gefestigt wurden sie durch die Herausforderungen, mit denen die Christen als Folge des sogenannten „Arabischen Frühlings“ konfrontiert sind. Die Patriarchate haben in den Krisenjahren, vor allem im Irak und in Syrien, eine wichtige Rolle dabei gespielt, die Bedürfnisse der Menschen, ob sie Christen sind oder nicht, zu erfüllen, insbesondere mit der Bereitstellung von Hilfsgütern.

          Vor sechs Jahren, am 22. April 2013, wurden der syrisch-orthodoxe Erzbischof Mor Gregorios Yuhanna Ibrahim und der griechisch-orthodoxe Erzbischof Boulos Yazigi, beide aus Aleppo, entführt. Seither gab es von ihnen keine Nachrichten mehr. Haben Sie noch Hoffnung, dass sie leben?

          Es gibt leider keine Neuigkeiten, auch keine schlechten. Das lässt uns hoffen, dass sie noch leben. Wir sind aber sehr enttäuscht über das Schweigen und die Untätigkeit der Vereinten Nationen und der internationalen Staatengemeinschaft in dieser Angelegenheit.

          Nach acht Jahren geht der Krieg in Syrien zu Ende. Wie viel ist zerstört?

          Viel, überall in Syrien. Betroffen sind Millionen Syrer, darunter Hunderttausende Christen. Wir schätzen, dass mehr als 50 Prozent der Christen das Land verlassen haben und die Zahl der Christen, die in Syrien geblieben sind, unter 800.000 liegt.

          Haben Christen in Syrien und im Nahen Osten eine Zukunft? Werden sie wiederkommen?

          Das Christentum wurde in unserem Teil der Welt geboren, von hier aus breitete es sich auf der ganzen Welt aus. Wir können uns Syrien und den Nahen Osten nicht ohne Christen vorstellen. Für uns ist die christliche Präsenz in unserer Region eine Notwendigkeit. Um den Geist der Offenheit und Toleranz zu bewahren, ist das Christentum auch für unsere Nachbarn wichtig.

          Wie soll Syrien wieder aufgebaut werden?

          Einzelne versuchen, ihr Leben wieder aufzubauen. Kirchen und andere Organisationen helfen bei kleinen Projekten, die es Familien ermöglichen, sich einen Lebensunterhalt zu sichern. Allerdings muss der Wiederaufbau des Landes – von dem wir sagen, dass er Hunderte Milliarden Dollar fordern wird – von der internationalen Staatengemeinschaft in Angriff genommen werden. Wir erwarten, dass jene, die am Krieg beteiligt waren, sich auch am Wiederaufbau beteiligen.

          Zur Person

          Der im Jahr 1965 in Qamishli geborene Mor Ignatius Aphrem II. ist seit 2014 als 123. „Patriarch von Antiochien und dem Ganzen Osten“ das Oberhaupt der Syrisch-Orthodoxen Kirche. Diese geht auf die christliche Gemeinde von Antiochien zurück, die zu den ältesten überhaupt gehört. Weltweit zählt sie 3,5 Millionen Gläubige, davon 100.000 in Deutschland. (Her.)

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