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Vojislav Šešelj : Im Gespräch mit einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher

Vojislav Seselj gibt seinen Krebsgeschwüren die Namen seiner Feinde. Bild: Zorana Jevtic

Vojislav Šešelj zu interviewen, einen der mutmaßlich schwersten Kriegsverbrecher des Jugoslawienkrieges, ist fast unmöglich. F.A.Z.-Korrespondent Michael Martens hat sich auf das Spiel mit dem alten Mann eingelassen. Das Gespräch im Wortlaut.

          8 Min.

          Herr Seselj, wie geht es Ihnen?
          Seselj: Ausgezeichnet.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das sieht man. Sie sind der vitalste Krebskranke, den man sich denken kann.
          Es gibt niemandem auf serbischem Gebiet, der gesünder wäre als ich. Ich hatte Krebs, aber habe ihn besiegt. Ich hatte Dickdarmkrebs, wurde zwei Mal operiert, es tauchten zwei Metastasen an der Leber auf, doch die wurden gestoppt.

          Die Metastasen, die Sie nach Vucic und Nikolic benannt haben? (Anm: Nach dem Regierungschef und dem Staatspräsidenten Serbiens, die bis 2008 Seseljs engste Vertraute waren)
          Seselj: Ja. Eine ist fünf Millimeter lang, die andere neun. Sie wachsen nicht mehr.

          Welche ist Vucic, welche Nikolic?
          Seselj: Die neun Millimeter lange ist Nikolic. Deshalb greife ich ihn härter an.

          Es ist jetzt also alles in Ordnung?
          Seselj: Es gibt sie noch, aber sie wachsen nicht.

          Hatten Sie eine Chemotherapie?
          Seselj: Ja, hatte ich.

          Und die Haare?
          Seselj: Nun, sie sind ein wenig schütterer geworden, aber nicht viel. Es gibt ein neues österreichisches Medikament, das zur Chemotherapie verabreicht wird und diese leichter erträglich macht.

          Seselj im Gespräch.
          Seselj im Gespräch. : Bild: Zorana Jevtic

          Dann haben wir die Gesundheit geklärt, kommen wir zur Politik. Am 31. März, wird das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag nach einem Prozess von 13 Jahren sein Urteil über Sie fällen. Was erwarten Sie?
          Seselj: Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich habe das Haager Tribunal besiegt. Überzeugend. Ich habe es zerlegt. Kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Ich habe bewiesen, dass alle Vorwürfe gegen mich falsch sind, dass falsche Zeugen vorgeführt wurden, dass viele Dokumente gefälscht waren. Überzeugend. Vor den Augen der gesamten Menschheit. Jeder ernsthafte Jurist auf dieser Welt wird zugeben, dass ich das Haager Tribunal besiegt habe.

          Gut, das Urteil interessiert Sie also nicht – aber was erwarten Sie?
          Seselj: Vermutlich haben die Richter die Aufgabe bekommen, mich zu verurteilen, aber das ist mir wirklich egal.

          Von wem haben die Richter diese Aufgabe bekommen?
          Seselj: Von den Amerikanern und Engländern.

          Und den Deutschen?
          Seselj: Ich glaube nicht, dass die Deutschen einen großen Einfluss auf das Haager Tribunal haben.

          Sie waren fast zwölf Jahre im Gefängnis. War Ihnen nicht langweilig?
          Seselj: Nein. Ich habe viel gelesen und geschrieben. Einer meiner Finger ist vom Schreiben ganz deformiert. Ich habe alles mit der Hand geschrieben.

          Sie haben viele Bücher geschrieben, über Ihre Richter etwa „Der geschrumpfte Känguruhoden Kevin Parker“ oder „Der aufgeblasene schottische Mistkerl Iain Bonomy“, und über einen früheren Papst „Der Pontifex Maximus der satanistischen Kirche Johannes Paul II.“. Die Zeit im Gefängnis war offenbar sehr produktiv.
          Seselj: Sehr. Aber diese Bücher habe ich nicht geschrieben, es sind Sammelbände mit Dokumenten zu meinem Prozess, die ich für die Geschichte bewahren will. Ich habe den Büchern solche Titel gegeben, um sie so sehr wie möglich zu ärgern, zu beleidigen, zu erzürnen, um ihnen den Verstand zu rauben. Und nach meinen Büchern sind viele vom Tribunal zurückgetreten. Iain Bonomy ist zurückgetreten, Kevin Parker sofort nach Erscheinen meines Buches über ihn. Der Berufungsrichter Mohammed Shahabuddin auch, nachdem ich das Buch „Das stinkende guayanische Schwein Mohammed Shahabuddin“ veröffentlichte.

          Ihr Buch über Chirac hat auch einen einprägsamen Titel.
          Seselj: Der hinterhältige gallische Lackaffe Jacques Chirac.

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