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Im Gespräch: Lech Walesa : Tore für die Freiheit

  • Aktualisiert am

Streikführer Walesa auf der Lenin-Werft in Danzig (1980) Bild: dpa

Lech Walesa hat kurze Beine, aber hohes Stehvermögen. Vor dem EM-Start erzählt der frühere polnische Präsident im Interview, welche Rolle der Fußball für die Solidarność spielte.

          6 Min.

          Herr Präsident, in wenigen Tagen beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Polen und in der Ukraine, aber nicht alle wissen, dass Fußball in der Geschichte Ihres Landes schon einmal eine wichtige Rolle gespielt hat. Zur Zeit der Diktatur, als Sie in Danzig die antikommunistische Gewerkschaft Solidarność führten, unterhielt die Opposition mehrere Untergrund-Fußballmannschaften, in denen praktisch die gesamte polnische Elite von damals und heute spielte. Sie selbst standen im Tor, der heutige EU-Kommissar für Haushaltsfragen, Janusz Lewandowski, war Verteidiger, und zwei spätere Ministerpräsidenten, nämlich Jan Krzysztof Bielecki sowie Donald Tusk, spielten als Libero und als Mittelstürmer.

          So war das. Wir spielten Fußball im Untergrund, und ich war dabei, obwohl ich eigentlich nicht die richtigen Voraussetzungen mitbringe. Ich habe zu kurze Beine und werde schnell müde. Da habe ich also im Tor gestanden, denn ich habe schnelle Reflexe.

          Warum spielte die Solidarność Fußball?

          Wir suchten damals Kampfmethoden, die der Macht keine Möglichkeit gaben, uns einzusperren. Ein Fußballmatch war eben schwer zu verbieten. So trafen wir uns also zum Spiel und besprachen dann nebenbei auch unsere politischen Angelegenheiten.

          War Fußball auch ein Mittel, Intellektuelle und Arbeiter in der Opposition zusammenzuführen?

          Es war ein Mittel der Integration, aber auch ein Markt des Informationsaustauschs. Andere Arten von Versammlungen hätten der Macht die Möglichkeit gegeben, uns festzunehmen. Wenn bei mir zu Hause mehr als zwei Leute zu Besuch waren, kamen sie schon und piesackten uns. Wo immer es also Versammlungen gab, nutzten wir das aus. Wir zeigten uns bei Fußballspielen, aber auch in Warteschlangen oder in Zügen.

          Eine wichtige Rolle spielte das Danziger Spiel Lechia Gdansk gegen Juventus Turin um den Pokal der Pokalsieger im September 1983. Damals herrschte das Kriegsrecht, das Regime hatte die Solidarność vorläufig zerschlagen, und Sie selbst waren gerade aus der Internierung zurück nach Danzig gekommen.

          Wir mussten damals beweisen, dass wir noch existieren und dass wir viele sind. Und wenn in so einem Stadion dann Tausende unsere Losungen schrien, dann wurde klar, dass nicht die Kommunisten die vielen waren, sondern wir.

          Damals kamen Sie gerade aus dem Gefängnis. Als Sie sich unerwartet beim Match zeigten, rief die ganze Tribüne: „Lech Walesa, Lech Walesa!“ Das Staatsfernsehen musste angeblich den Ton abschalten, um sich nicht zu blamieren.

          Die Leute waren für mich, und sie waren für das freie Polen.

          Am Freitag beginnt die Europameisterschaft 2012, aber weil in der Ukraine Präsident Janukowitsch die Oppositionsführerin Julija Timoschenko und andere Gegner ins Gefängnis geworfen hat, wollen manche einen politischen Boykott der Spiele in Ihrem Nachbarland.

          Ich bin gegen einen Boykott, weil wir, Polen und die Ukraine, alles tun wollen, um uns der Familie der freien Völker anzuschließen. Sehen Sie, dort, wo zum Beispiel das Stadion bei uns in Danzig steht, da war vorher ein Armenviertel. Die Bewohner hätten einem Umbau nie zugestimmt, aber für den Fußball, da waren sie bereit, da sind viele umgezogen, die sonst gestreikt oder protestiert hätten. So etwas darf man nicht boykottieren. Allerdings kann man dem, was in der Ukraine passiert, auch nicht zustimmen, und man muss einen Weg des Protests finden. Man muss zeigen, dass man nicht einverstanden ist - aber eben anders, auf eine Weise, die nicht die Menschen trifft.

          Lech Walesa heute
          Lech Walesa heute : Bild: Lüdecke, Matthias

          Würden Sie der Opposition in der Ukraine empfehlen, Fußballspiele genauso zu nutzen wie Sie damals das Spiel gegen Turin?

          Wichtig ist, dass es nicht außer Kontrolle gerät.

          Es darf keine Gewalt geben.

          Keine Gewalt. Es muss möglich sein, die Gäste ordentlich zu empfangen. Streiks oder Blockaden darf es nicht geben, sonst werden viele einfach nicht kommen. Ladenbesitzer, Bäcker, Hoteliers werden kein Geld verdienen. Ich sehe, dass es Unrecht gibt. Ich sehe, dass die Leute recht haben, aber ich will nicht zerstören, was aufgebaut worden ist.

          Vor zwanzig Jahren waren Sie der erste Präsident des freien Polen. Hätten Sie einem Mann die Hand reichen können, der wie Viktor Janukowitsch die Opposition ins Gefängnis steckt?

          Ich würde ihm sagen: Ich treffe mich mit dir, aber zuerst treffe ich die Ministerpräsidentin, die im Gefängnis sitzt. Lass mich zu ihr durch, und wenn ich sie gesehen habe, komme ich auch zu dir.

          Auch bei dem berühmten Streik im August 1980, als auf der Leninwerft in Danzig Polens Aufbruch in die Demokratie begann, hat Fußball eine Rolle gespielt. Von den fünf Arbeitern, die sich damals verabredet hatten, den Streik auszurufen, spielten zwei im Untergrund Fußball: der Werftarbeiter Jerzy Borowczak, heute Abgeordneter im Warschauer Parlament, und Sie.

          So war es.

          Aber als frühmorgens die Aktion beginnen sollte, waren Sie nicht wie verabredet am Werfttor, die anderen mussten zunächst ohne Sie den Streik ausrufen. Sie haben sich dann erst ein paar Stunden später angeschlossen, als sich auf dem Werftgelände schon Tausende versammelt hatten. Was war da los?

          Die Geheimpolizei hatte mich damals die ganze Nacht beobachtet. Wenn ich wie geplant frühmorgens da hingegangen wäre, hätten meine Beschatter mich festnehmen müssen, und ich wäre nie durchgekommen. Da hat mir aber der Heilige Geist geholfen. Ich habe mich verspätet, und das führte dazu, dass im entscheidenden Moment in der Zentrale der Geheimpolizei die Vorgesetzten meiner Beschatter schon arbeiteten. Die Beamten konnten mich also nicht mehr einfach festnehmen, sondern sie mussten vorher anrufen.

          Ich wusste: Wenn ich mich verspäte, rufen die an, und die Zentrale wird überlegen: Was wird sein? Man wird den Direktor der Werft fragen, der wird Angst bekommen und ihnen schließlich sagen: Hört auf, der Streik bricht ja sowieso schon zusammen. So spielten sie also auf Zeit. Der Direktor machte ihnen vor, der Streik sei schon am Zerfallen, und in dieser Zeit gelang es mir, in die Werft zu kommen.

          Es folgte der berühmte „Sprung über die Werftmauer“, durch den Sie sich an die Spitze des Streiks setzten.

          Es gelang ihnen nicht, mich aufzuhalten. Sie spielten auf Zeit, aber sie hatten Angst, mich festzunehmen.

          Es gibt aber auch eine andere Version. In der Fußballmannschaft der Untergrund-Gewerkschaften spielte damals auch Ihr schärfster Kritiker in der Opposition, Andrzej Gwiazda. Manchmal stand er wie Sie im Tor, manchmal in der Abwehr. Gwiazda sagt bis heute, Sie seien damals ein Informeller Mitarbeiter der kommunistischen Geheimpolizei gewesen, IM „Bolek“.

          Wissen Sie, warum er das sagt? Weil es ihm nicht in den Kopf gehen will, dass ich besser war als er. Dass ich es schaffte, die Opposition zu führen, und er nicht. Reiner Neid. Die werfen uns vor, dass wir nach ein paar Tagen den Streik beendet haben.

          Gwiazda sagt, Sie haben damit die Solidarność verraten.

          Bitte, mein Herr, sehen Sie, wie es war: Die Direktion hatte unsere Forderungen erfüllt. Das Streikkomitee stimmt ab und beschließt: Schluss mit dem Streik. Ich war Vorsitzender, und ich war gegen das Ende des Streiks, aber wir wurden überstimmt. Ich musste also so spielen, als würde ich den Beschluss verwirklichen. Außerdem: Die Kommunisten hatten natürlich ihre Agenten unter uns. Und was taten diese Agenten in dieser Situation? Sie hauten ab. Ich konnte also das Streikkomitee durch meine Leute ergänzen. Wenn es diese Pause nicht gegeben hätte, wenn es uns nicht gelungen wäre, ihre Agenten durch unsere Leute zu ersetzen, hätten sie uns später überstimmt. So hatte ich also, wieder mit der Hilfe des Himmels, meine Leute, auf die ich mich verlassen konnte.

          Heute geht es Polen so gut wie nie zuvor, und drei Männer, die daran ein besonderes Verdienst haben, spielten zu kommunistischen Zeiten Fußball im Untergrund: Wie gesagt, Sie selbst, der frühere Ministerpräsident Bielecki und der jetzige Regierungschef Donald Tusk.

          Wir brauchten Fußball damals in der Politik. Viele, die auf dem Spielfeld gut waren, haben es später auch in der Politik weit gebracht.

          Donald Tusk war in jenen Tagen Stürmer und galt auf dem Spielfeld als aggressiv und ungeduldig.

          Tusk habe ich damals nur wenig gekannt. Als er 2007 Ministerpräsident wurde, sagte ich ihm: Ich habe für dich gestimmt, aber nur als das geringere Übel. Erst, wenn du das alles tust, was du versprochen hast, wirst du ein großer Mann sein. Heute sehe ich, dass ich mich getäuscht habe. Ich habe mich entschuldigt. Ich habe ihm gesagt, bitte, mein Herr, ich habe mich überzeugt, dass Sie besser sind, als ich dachte. Er ist ein guter Ministerpräsident, ein sehr kluger Mann.

          Lech Walesa beim Spiel Gdansk gegen Turin (1981)
          Lech Walesa beim Spiel Gdansk gegen Turin (1981) : Bild: Zbigniew Kosycarz / KFP

          Wie ist er als Spieler?

          Ich habe da nicht so genau hingesehen. Er ist vernünftig, er spielt gut, er arbeitet.

          Was war die Rolle der Fans im Untergrund? Bei der Arabellion im vergangenen Jahr waren sie ja so etwas wie die Infanterie der Opposition. Es heißt, die Danziger Oppositionellen aller Couleur seien damals Fans von Lechia Gdansk gewesen.

          Ich war auch Lechia-Fan - zuallererst aus Lokalpatriotismus, dann aber auch aus politischen Gründen. Ich ging zu den Spielen, weil man dort „nieder mit dem Kommunismus“ skandierte.

          Die Fußballmannschaft aus dem Danziger Untergrund ist später auch von einer der größten Tragödien der neueren polnischen Geschichte betroffen worden, vom Absturz des polnischen Präsidentenflugzeugs mit Präsident Lech Kaczynski und 95 Delegationsmitgliedern an Bord, im russischen Smolensk. Zwei Spieler der Mannschaft von damals, Maciej Plazynski und Arkadiusz Rybicki, sind 2010 tödlich verunglückt.

          Sie haben die Einladung des Präsidenten zu diesem unnötigen Flug angenommen, mit dem der Präsidentenwahlkampf beginnen sollte, und wir haben einen hohen Preis für schlechte Vorbereitung und Verantwortungslosigkeit bezahlt. Die Schuld liegt zu hundert Prozent bei den Kaczynskis. Die Geschichte wird das beweisen.

          Sie meinen den Präsidenten und seinen Bruder, den früheren Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski.

          Es ist sehr traurig, dass diese jungen Leute und alle anderen einen so unnötigen Tod gestorben sind. Man hätte da nicht hinreisen dürfen, nicht bei dem Wetter. Alle sagten nein, aber die Kaczynskis sagten ja.

          Das Gespräch mit Lech Walesa führte Konrad Schuller.

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