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Im Gespräch: Lech Walesa : Tore für die Freiheit

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Streikführer Walesa auf der Lenin-Werft in Danzig (1980) Bild: dpa

Lech Walesa hat kurze Beine, aber hohes Stehvermögen. Vor dem EM-Start erzählt der frühere polnische Präsident im Interview, welche Rolle der Fußball für die Solidarność spielte.

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          Herr Präsident, in wenigen Tagen beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Polen und in der Ukraine, aber nicht alle wissen, dass Fußball in der Geschichte Ihres Landes schon einmal eine wichtige Rolle gespielt hat. Zur Zeit der Diktatur, als Sie in Danzig die antikommunistische Gewerkschaft Solidarność führten, unterhielt die Opposition mehrere Untergrund-Fußballmannschaften, in denen praktisch die gesamte polnische Elite von damals und heute spielte. Sie selbst standen im Tor, der heutige EU-Kommissar für Haushaltsfragen, Janusz Lewandowski, war Verteidiger, und zwei spätere Ministerpräsidenten, nämlich Jan Krzysztof Bielecki sowie Donald Tusk, spielten als Libero und als Mittelstürmer.

          So war das. Wir spielten Fußball im Untergrund, und ich war dabei, obwohl ich eigentlich nicht die richtigen Voraussetzungen mitbringe. Ich habe zu kurze Beine und werde schnell müde. Da habe ich also im Tor gestanden, denn ich habe schnelle Reflexe.

          Warum spielte die Solidarność Fußball?

          Wir suchten damals Kampfmethoden, die der Macht keine Möglichkeit gaben, uns einzusperren. Ein Fußballmatch war eben schwer zu verbieten. So trafen wir uns also zum Spiel und besprachen dann nebenbei auch unsere politischen Angelegenheiten.

          War Fußball auch ein Mittel, Intellektuelle und Arbeiter in der Opposition zusammenzuführen?

          Es war ein Mittel der Integration, aber auch ein Markt des Informationsaustauschs. Andere Arten von Versammlungen hätten der Macht die Möglichkeit gegeben, uns festzunehmen. Wenn bei mir zu Hause mehr als zwei Leute zu Besuch waren, kamen sie schon und piesackten uns. Wo immer es also Versammlungen gab, nutzten wir das aus. Wir zeigten uns bei Fußballspielen, aber auch in Warteschlangen oder in Zügen.

          Eine wichtige Rolle spielte das Danziger Spiel Lechia Gdansk gegen Juventus Turin um den Pokal der Pokalsieger im September 1983. Damals herrschte das Kriegsrecht, das Regime hatte die Solidarność vorläufig zerschlagen, und Sie selbst waren gerade aus der Internierung zurück nach Danzig gekommen.

          Wir mussten damals beweisen, dass wir noch existieren und dass wir viele sind. Und wenn in so einem Stadion dann Tausende unsere Losungen schrien, dann wurde klar, dass nicht die Kommunisten die vielen waren, sondern wir.

          Damals kamen Sie gerade aus dem Gefängnis. Als Sie sich unerwartet beim Match zeigten, rief die ganze Tribüne: „Lech Walesa, Lech Walesa!“ Das Staatsfernsehen musste angeblich den Ton abschalten, um sich nicht zu blamieren.

          Die Leute waren für mich, und sie waren für das freie Polen.

          Am Freitag beginnt die Europameisterschaft 2012, aber weil in der Ukraine Präsident Janukowitsch die Oppositionsführerin Julija Timoschenko und andere Gegner ins Gefängnis geworfen hat, wollen manche einen politischen Boykott der Spiele in Ihrem Nachbarland.

          Ich bin gegen einen Boykott, weil wir, Polen und die Ukraine, alles tun wollen, um uns der Familie der freien Völker anzuschließen. Sehen Sie, dort, wo zum Beispiel das Stadion bei uns in Danzig steht, da war vorher ein Armenviertel. Die Bewohner hätten einem Umbau nie zugestimmt, aber für den Fußball, da waren sie bereit, da sind viele umgezogen, die sonst gestreikt oder protestiert hätten. So etwas darf man nicht boykottieren. Allerdings kann man dem, was in der Ukraine passiert, auch nicht zustimmen, und man muss einen Weg des Protests finden. Man muss zeigen, dass man nicht einverstanden ist - aber eben anders, auf eine Weise, die nicht die Menschen trifft.

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