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Im Gespräch: Lech Walesa : Tore für die Freiheit

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Bitte, mein Herr, sehen Sie, wie es war: Die Direktion hatte unsere Forderungen erfüllt. Das Streikkomitee stimmt ab und beschließt: Schluss mit dem Streik. Ich war Vorsitzender, und ich war gegen das Ende des Streiks, aber wir wurden überstimmt. Ich musste also so spielen, als würde ich den Beschluss verwirklichen. Außerdem: Die Kommunisten hatten natürlich ihre Agenten unter uns. Und was taten diese Agenten in dieser Situation? Sie hauten ab. Ich konnte also das Streikkomitee durch meine Leute ergänzen. Wenn es diese Pause nicht gegeben hätte, wenn es uns nicht gelungen wäre, ihre Agenten durch unsere Leute zu ersetzen, hätten sie uns später überstimmt. So hatte ich also, wieder mit der Hilfe des Himmels, meine Leute, auf die ich mich verlassen konnte.

Heute geht es Polen so gut wie nie zuvor, und drei Männer, die daran ein besonderes Verdienst haben, spielten zu kommunistischen Zeiten Fußball im Untergrund: Wie gesagt, Sie selbst, der frühere Ministerpräsident Bielecki und der jetzige Regierungschef Donald Tusk.

Wir brauchten Fußball damals in der Politik. Viele, die auf dem Spielfeld gut waren, haben es später auch in der Politik weit gebracht.

Donald Tusk war in jenen Tagen Stürmer und galt auf dem Spielfeld als aggressiv und ungeduldig.

Tusk habe ich damals nur wenig gekannt. Als er 2007 Ministerpräsident wurde, sagte ich ihm: Ich habe für dich gestimmt, aber nur als das geringere Übel. Erst, wenn du das alles tust, was du versprochen hast, wirst du ein großer Mann sein. Heute sehe ich, dass ich mich getäuscht habe. Ich habe mich entschuldigt. Ich habe ihm gesagt, bitte, mein Herr, ich habe mich überzeugt, dass Sie besser sind, als ich dachte. Er ist ein guter Ministerpräsident, ein sehr kluger Mann.

Lech Walesa beim Spiel Gdansk gegen Turin (1981)
Lech Walesa beim Spiel Gdansk gegen Turin (1981) : Bild: Zbigniew Kosycarz / KFP

Wie ist er als Spieler?

Ich habe da nicht so genau hingesehen. Er ist vernünftig, er spielt gut, er arbeitet.

Was war die Rolle der Fans im Untergrund? Bei der Arabellion im vergangenen Jahr waren sie ja so etwas wie die Infanterie der Opposition. Es heißt, die Danziger Oppositionellen aller Couleur seien damals Fans von Lechia Gdansk gewesen.

Ich war auch Lechia-Fan - zuallererst aus Lokalpatriotismus, dann aber auch aus politischen Gründen. Ich ging zu den Spielen, weil man dort „nieder mit dem Kommunismus“ skandierte.

Die Fußballmannschaft aus dem Danziger Untergrund ist später auch von einer der größten Tragödien der neueren polnischen Geschichte betroffen worden, vom Absturz des polnischen Präsidentenflugzeugs mit Präsident Lech Kaczynski und 95 Delegationsmitgliedern an Bord, im russischen Smolensk. Zwei Spieler der Mannschaft von damals, Maciej Plazynski und Arkadiusz Rybicki, sind 2010 tödlich verunglückt.

Sie haben die Einladung des Präsidenten zu diesem unnötigen Flug angenommen, mit dem der Präsidentenwahlkampf beginnen sollte, und wir haben einen hohen Preis für schlechte Vorbereitung und Verantwortungslosigkeit bezahlt. Die Schuld liegt zu hundert Prozent bei den Kaczynskis. Die Geschichte wird das beweisen.

Sie meinen den Präsidenten und seinen Bruder, den früheren Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski.

Es ist sehr traurig, dass diese jungen Leute und alle anderen einen so unnötigen Tod gestorben sind. Man hätte da nicht hinreisen dürfen, nicht bei dem Wetter. Alle sagten nein, aber die Kaczynskis sagten ja.

Das Gespräch mit Lech Walesa führte Konrad Schuller.

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