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Im Gespräch: Lech Walesa : Tore für die Freiheit

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Lech Walesa heute
Lech Walesa heute : Bild: Lüdecke, Matthias

Würden Sie der Opposition in der Ukraine empfehlen, Fußballspiele genauso zu nutzen wie Sie damals das Spiel gegen Turin?

Wichtig ist, dass es nicht außer Kontrolle gerät.

Es darf keine Gewalt geben.

Keine Gewalt. Es muss möglich sein, die Gäste ordentlich zu empfangen. Streiks oder Blockaden darf es nicht geben, sonst werden viele einfach nicht kommen. Ladenbesitzer, Bäcker, Hoteliers werden kein Geld verdienen. Ich sehe, dass es Unrecht gibt. Ich sehe, dass die Leute recht haben, aber ich will nicht zerstören, was aufgebaut worden ist.

Vor zwanzig Jahren waren Sie der erste Präsident des freien Polen. Hätten Sie einem Mann die Hand reichen können, der wie Viktor Janukowitsch die Opposition ins Gefängnis steckt?

Ich würde ihm sagen: Ich treffe mich mit dir, aber zuerst treffe ich die Ministerpräsidentin, die im Gefängnis sitzt. Lass mich zu ihr durch, und wenn ich sie gesehen habe, komme ich auch zu dir.

Auch bei dem berühmten Streik im August 1980, als auf der Leninwerft in Danzig Polens Aufbruch in die Demokratie begann, hat Fußball eine Rolle gespielt. Von den fünf Arbeitern, die sich damals verabredet hatten, den Streik auszurufen, spielten zwei im Untergrund Fußball: der Werftarbeiter Jerzy Borowczak, heute Abgeordneter im Warschauer Parlament, und Sie.

So war es.

Aber als frühmorgens die Aktion beginnen sollte, waren Sie nicht wie verabredet am Werfttor, die anderen mussten zunächst ohne Sie den Streik ausrufen. Sie haben sich dann erst ein paar Stunden später angeschlossen, als sich auf dem Werftgelände schon Tausende versammelt hatten. Was war da los?

Die Geheimpolizei hatte mich damals die ganze Nacht beobachtet. Wenn ich wie geplant frühmorgens da hingegangen wäre, hätten meine Beschatter mich festnehmen müssen, und ich wäre nie durchgekommen. Da hat mir aber der Heilige Geist geholfen. Ich habe mich verspätet, und das führte dazu, dass im entscheidenden Moment in der Zentrale der Geheimpolizei die Vorgesetzten meiner Beschatter schon arbeiteten. Die Beamten konnten mich also nicht mehr einfach festnehmen, sondern sie mussten vorher anrufen.

Ich wusste: Wenn ich mich verspäte, rufen die an, und die Zentrale wird überlegen: Was wird sein? Man wird den Direktor der Werft fragen, der wird Angst bekommen und ihnen schließlich sagen: Hört auf, der Streik bricht ja sowieso schon zusammen. So spielten sie also auf Zeit. Der Direktor machte ihnen vor, der Streik sei schon am Zerfallen, und in dieser Zeit gelang es mir, in die Werft zu kommen.

Es folgte der berühmte „Sprung über die Werftmauer“, durch den Sie sich an die Spitze des Streiks setzten.

Es gelang ihnen nicht, mich aufzuhalten. Sie spielten auf Zeit, aber sie hatten Angst, mich festzunehmen.

Es gibt aber auch eine andere Version. In der Fußballmannschaft der Untergrund-Gewerkschaften spielte damals auch Ihr schärfster Kritiker in der Opposition, Andrzej Gwiazda. Manchmal stand er wie Sie im Tor, manchmal in der Abwehr. Gwiazda sagt bis heute, Sie seien damals ein Informeller Mitarbeiter der kommunistischen Geheimpolizei gewesen, IM „Bolek“.

Wissen Sie, warum er das sagt? Weil es ihm nicht in den Kopf gehen will, dass ich besser war als er. Dass ich es schaffte, die Opposition zu führen, und er nicht. Reiner Neid. Die werfen uns vor, dass wir nach ein paar Tagen den Streik beendet haben.

Gwiazda sagt, Sie haben damit die Solidarność verraten.

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