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Im Gespräch: Abdullah Abdullah : „Eine illegitime Regierung stärkt nur die Taliban“

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Sie schließen also jede Beteiligung an einer Regierung Karzai aus?

Zu diesem Zeitpunkt denke ich nicht darüber nach. Ich konzentriere mich darauf, den Wahlprozess zu retten.

Für den Fall, dass ein möglicher zweiter Wahlgang erst im nächsten Jahr stattfinden könnte, haben Sie eine Übergangsregierung gefordert. Welche Legitimität hätte eine solche Institution?

Sie würde aus der Notwendigkeit der Zeit geboren. In der Verfassung ist sie nicht vorgesehen. Aber das wäre eine Lösung, um die Glaubwürdigkeit eines zweiten Wahlgangs zu erhöhen.

Hätte der Wahlbetrug in diesem Ausmaß verhindert werden können?

Wenn wir darauf bestanden hätten, dass die Amtszeit von Präsident Karzai verfassungsgemäß am 21. Mai abgelaufen wäre, dann wären wir nicht in diese Lage gekommen. Die internationale Gemeinschaft hat das zurückgewiesen und zur Begründung auf die Stabilität des Landes verwiesen. Wir sind dagegen überzeugt, dass nur Legitimität das Land stabilisieren kann. Das war eindeutig ein Fehler auf Seiten der internationalen Gemeinschaft. Ein gefälschter Prozess ist nicht die richtige Basis für künftige Stabilität.

Manche Beobachter befürchten, dass Präsident Karzai im Falle seiner Wiederwahl von der Bevölkerung im Norden nicht anerkannt würde. Besteht die Gefahr einer ethnischen Spaltung?

Präsident Karzai hat nirgendwo im Land Legitimität. Auch im Süden wissen die Leute, dass er nicht durch ihre Stimmen gewonnen hat. Ich glaube nicht, dass es eine ethnische Spaltung gibt, denn der Süden braucht den Wandel noch mehr als der Norden. Nicht umsonst kämpfen viele Menschen im Süden gegen diese Regierung.

Sie haben den Präsidenten des Hochverrats bezichtigt – ein schwerer Vorwurf.

Wie sonst soll man diese Situation beschreiben? Das war eine große Chance für Afghanistan, seine eigene Zukunft zu bestimmen. Und diese Chance ist in einer unverantwortlichen Weise zerstört worden. Es geht hier um das Schicksal unserer Nation. Ich glaube nicht, dass wir eine solche Chance noch einmal bekommen. Die Leute werden sagen, dass Demokratie nicht funktioniert. Unter normalen Bedingungen würde dies eine Untersuchung wegen Hochverrats rechtfertigen. Aber wir haben leider keine unabhängige, funktionierende Justiz.

Einer Ihrer wichtigsten Unterstützer, der Gouverneur der Provinz Balkh, hat Demonstrationen angedroht, falls Karzai wiedergewählt werde. Solche Proteste schlagen schnell in Gewalt um. Sind derlei Äußerungen verantwortlich?

Gouverneur Atta hat lediglich das Recht der Bürger verteidigt, zu demonstrieren. Das war eine Reaktion auf Aussagen des Innenministeriums, dass es hart gegen Demonstranten vorgehen werde. Wir haben die Leute gebeten, wegen der sensiblen Lage nicht zu demonstrieren. Aber die Tatsache, dass wir Verantwortungsgefühl zeigen, sollte nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden.

Glauben Sie, dass Sie Ihre Unterstützer so weit unter Kontrolle haben, dass sie sich an Ihre Worte halten?

Bislang sieht es danach aus.

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