https://www.faz.net/-gpf-sihe

Illegale Einwanderer : Der afrikanische Teufelskreis

  • -Aktualisiert am

Gewohntes Bild: Ein afrikanisches Boot vor den Kanaren Bild: dpa/dpaweb

In keinem Monat kamen so viele junge Afrikaner auf die Kanaren wie in diesem Mai. Ihre Wege werden immer länger, die Preise der Menschenschmuggler steigen. Spanien versucht, der „dritten Welle“ illegaler Einwanderer Herr zu werden.

          4 Min.

          Die lebensgefährliche Reise mit einem „Cayuco“ von Westafrika auf die Kanarischen Inseln kostet einen illegalen Auswanderer etwa doppelt soviel wie ein Flugschein von Dakar nach Madrid: umgerechnet zwischen 500 und 800 Euro. Um aber auf dem Flughafen der spanischen Hauptstadt eingelassen zu werden, müßte der Besucher aus dem Senegal dann ein Touristenvisum und möglicherweise eine Rückfahrkarte vorlegen. Weil er aber absichtlich „ohne Papiere“ nach Europa gelangen will, um so von dort nicht einfach repatriiert werden zu können, nimmt er das Risiko in Kauf und hofft, wenigstens den Anschlußflug von Teneriffa auf das spanische Festland gratis zu bekommen.

          Die jungen Afrikaner - fast ausschließlich Männer -, die zusammengepfercht auf Fischerbooten in diesem Monat in neuer Rekordzahl den Ferienarchipel erreichen, sind gut informiert. Sie hören Radio, lesen Zeitungen, kennen sich mit dem Internet aus und haben vor allem von ihren schon in Barcelona, Marseille oder anderswo eingetroffenen Landsleuten die „Regeln“ erfahren. Sie wissen, daß sie nach geltendem spanischem Recht maximal drei Tage auf einer Polizeiwache festgehalten werden dürfen. Sie wissen auch, daß sie danach maximal vierzig Tage lang in einem Auffanglager untergebracht werden dürfen.

          „Kamel“ für Kokain

          Wenn sie binnen dieser Frist nicht in ihre Heimat zurückgeschickt werden können, was meist der Fall ist, wenn sie keinen Ausweis haben und auch nicht sagen, woher sie stammen, müssen sie spätestens dann von den Kanaren auf das Festland gebracht werden. Dort erhalten sie einen Ausweisungsbescheid, der aber so gut wie nie vollstreckt wird. Dann sind sie ohne Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung in irgendeiner spanischen Großstadt sich selbst überlassen. Nun beginnt der Weg in die Schattenwirtschaft: auf Baustellen und Gemüseplantagen, als fliegende Händler von CD-Raubkopien, Handtaschen- und Markenuhrimitationen, Haschisch oder auch als „Kamel“ für Kokain.

          Bild: F.A.Z.

          Für Spanien, das „Tor nach Europa“ ist dies schon die „dritte afrikanische Welle“ binnen eines halben Jahres. Dabei wurden die Wege der Auswanderer immer länger und die Preise der Menschenschmuggler immer höher. Als zunächst die marokkanischen Behörden ihnen die kürzeste Route - nur vierzehn Kilometer durch die Straße von Gibraltar - verlegten, begann für die aus den Ländern südlich der Sahara an die Mittelmeerküste gewanderten Schwarzafrikaner im vorigen Herbst der Ansturm auf die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla. Es gab vierzehn Tote, zahlreiche Verletzte, überfüllte Lager und den ersten erklärten „Notstand“, bis die Zäune verstärkt und mit Hilfe der marokkanischen Nachbarn abgeriegelt wurden.

          Verdienen auch spanische Fischer mit?

          Daraufhin wichen in diesem Frühjahr die Auswanderer und die Menschenhändler an die Atlantikküste nach Mauretanien aus. Im März kam von dort der Ansturm mehrerer tausend Afrikaner auf die Kanaren. Die Regierung unter Ministerpräsident Zapatero reagierte mit dringenden Appellen an die dortigen Behörden, versprach Wirtschaftshilfe, bat die EU um Einflußnahme und Unterstützung, verstärkte die Küstenwachpatrouillen hüben und drüben und dämmte so die „zweite Welle“ notdürftig ein.

          Der dritte Ansturm kommt nun aus dem noch weiter südlich gelegenen Senegal. Mit Zwischenstation in Mauretanien oder auf den Kapverden versuchen Afrikaner aus dem Südsaharagürtel, vorwiegend aus Mali und dem Senegal selbst, die 1200 Kilometer lange Strecke auf eine der acht Kanarischen Inseln zurückzulegen. Mehr als siebentausend haben es in diesem Jahr schon geschafft, ein Drittel mehr als im ganzen vorherigen Jahr zusammengenommen. Dabei haben sich nicht alle in die Hände afrikanischer, arabischer oder asiatischer Mafias begeben. Auch spanische Fischer machen offenbar Geschäfte. Und die Flüchtlinge, dirigiert von seekundigen Landsleuten mit Satellitenkompaß, Wasser und Lebensmitteln versorgt, haben häufig ihre Passage selbst organisiert. Großfamilien sammelten Geld, um einen der Ihren „nach Europa“ zu schicken, damit er von dort rasch das Doppelte und Dreifache zurückschicken soll.

          Weitere Themen

          Klimaforscher: Verschärfung des Klimaschutzes war richtig Video-Seite öffnen

          Polarstern-Mission : Klimaforscher: Verschärfung des Klimaschutzes war richtig

          Die ersten vom Alfred-Wegener-Institut präsentierten Erkenntnisse der MOSAiC-Expedition machen deutlich, wie ernst die Lage um die Erderwärmung sei. Forschungsministerin Karliczek bewertete dies als Bestätigung für ein stärkeres Bemühen um Klimaschutz.

          Ein Außenseiter für das KSK

          Ansgar Meyer : Ein Außenseiter für das KSK

          Brigadegeneral Ansgar Meyer hatte in seiner langen Karriere mit dem KSK lange nichts zu tun. Dennoch übernimmt er nun den Eliteverband. Oder gerade deshalb.

          Topmeldungen

          0:1 gegen Frankreich : Deutscher EM-Fehlstart mit Verve

          Mats Hummels trifft – ins eigene Tor: Beim 0:1 gegen Frankreich überzeugt die Einstellung von Joachim Löws Team. Die Niederlage der Deutschen zeigt aber auch, was zur Klasse der Franzosen fehlt.
          Innenansicht des „IBM Quantum System One“

          Quantencomputer vorgestellt : Rechnen mit kleinsten Teilchen

          Bei Stuttgart steht der erste kommerziell nutzbare Quantencomputer in Europa. Die Forschung verspricht sich von ihm bahnbrechende Ergebnisse, die Industrie kräftige Impulse.
          Von Mazar nach Calw: Brigadegeneral Ansgar Meyer, Kommandeur des letzten deutschen Afghanistankontingents

          Ansgar Meyer : Ein Außenseiter für das KSK

          Brigadegeneral Ansgar Meyer hatte in seiner langen Karriere mit dem KSK lange nichts zu tun. Dennoch übernimmt er nun den Eliteverband. Oder gerade deshalb.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.