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Waffenruhe gebrochen : Dutzende Tote bei russischen Luftangriffen in Syrien

Beerdigung von Kämpfern der Gruppe Failaq al-Scham in Idlib am Montag Bild: AFP

Es ist der bisher wohl schwerste Bruch der vereinbarten Waffenruhe in Idlib: Bei russischen Luftangriffen auf ein Ausbildungslager sollen Dutzende mit der Türkei verbündete Rebellen getötet worden sein.

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          Bei russischen Luftangriffen auf eine von der Türkei unterstützte Rebellengruppe im Nordwesten Syriens hat es laut übereinstimmenden Berichten Dutzende Tote gegeben. Nach Angaben eines Rebellensprechers griffen die Bomber ein Ausbildungslager der Miliz „Faylaq al Sham“ an, die als enger Verbündeter der türkischen Führung gilt. Das Lager liegt in der Provinz Idlib nahe der Grenze zur Türkei. Von mehr als 70 Toten war am frühen Nachmittag die Rede. Videoaufnahmen, die im Internet verbreitet wurden, zeigten eng aufgereihte in Decken gehüllte Leichname.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die dem russischen Militär nahestehende Agentur „Anna“ verbreitete angebliche Luftaufnahmen des Angriffs und meldete in schadenfrohem Ton, es seien paradierende „Terroristen“ getroffen worden. Ein Sprecher der Rebellenallianz Nationale Befreiungsfront zu der die Gruppe Failaq al-Scham gehört, bezeichnete die Angriffe auf das Ausbildungslager als „Verbrechen“ und eklatanten Verstoß gegen die geltende Waffenruhe.

          Die nordwestliche Peripherie Syriens wird noch von den Gegnern des syrischen Machthabers Baschar al Assad kontrolliert. Dominierende Kraft ist die Gruppe „Hayat Tahrir al Scham“, eine Allianz radikaler Islamisten, die etwa vier Millionen Zivilisten in Geiselhaft hält. Russland unterstützt die Führung in Damaskus, die Türkei unterstützt mehrere Gruppen von Aufständischen.

          Heftigster Vorfall seit Monaten

          Der Luftangriff vom Montag ist der heftigste Vorfall seit vielen Monaten. Zuletzt waren aus Idlib nur sporadische Scharmützel und Luftangriffe gemeldet worden. Attacken dieser Art sind im Syrien-Konflikt ein gängiges Mittel, den Druck auf Widersacher zu erhöhen oder „Botschaften“ zu überbringen. Diplomaten bezeichneten das Bombardement als „klare Provokation“ der Türkei durch Moskau. 

          Im März war eine weitere Rückeroberungsoffensive des Assad-Regimes zum Stehen gekommen, als unter russisch-türkischer Regie vereinbart wurde, die Kampfhandlungen auszusetzen. Der Vormarsch des Regimes, der begleitet war von heftigen russisch-syrischen Luftangriffen auf Zivilisten und zivile Infrastruktur, hatte Hunderttausende in Richtung türkisch-syrischer Grenze getrieben. Das türkische Militär hatte in den Konflikt eingegriffen, und den Truppen Assads nach Angaben von Diplomaten schwere Verluste zugefügt. Das am Montag bombardierte Ausbildungslager liegt weit von umkämpften Regionen entfernt. 

          Die türkische Armee unterhält in Idlib ein Dutzend gut befestigte und durch Panzer sowie Artillerie gesicherte Militärstützpunkte, die „Beobachtungsposten“ genannt werden. Mehrere davon sind von syrischen Kräften eingekreist. Ankara hatte vor etwa einer Woche damit begonnen, einen seiner Stützpunkte im Ort Morek zu räumen. Laut Angaben von Assad-Gegnern ging es darum, die Waffenstillstandslinien zu konsolidieren. Teil der russisch-türkischen Vereinbarung ist, dass die strategisch wichtigen Schnellstraßen M4 und M5 unter die Kontrolle des Regimes fallen.

          Der beginnende Abzug war von Diplomaten eigentlich als Zeichen der Entspannung gewertet worden. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg hatte es im September russisch-türkische Gespräche über eine Verlegung der türkischen Truppen weiter nach Norden gegeben. Die syrischen Kräfte haben demnach zuletzt den Ring um die eingekreisten türkischen Stützpunkte enger gezogen. Eine Verlegung könnte das Risiko einer Konfrontation zwischen türkischer Armee und Milizionären von Hayat Tahrir al Scham erhöhen. Moskau wirft Ankara immer wieder vor, sein Versprechen, gegen die radikalen Islamisten vorzugehen, nicht einzuhalten. Zugleich hatte sich die russische Luftwaffe in Idlib stets bevorzugt nichtdschihadistische Gruppen bombardiert.

          Nach Angaben syrischer Beobachter herrscht in Moskau Frust über die türkische Unnachgiebigkeit im Nordosten Syriens, wo mit der PKK-Organisation verbundene kurdische Kräfte das Sagen haben, die Präsident Recep Tayyip Erdogan erbittert bekämpft. Vor gut einem Jahr waren Milizen unter türkischer Führung mit türkischer Luft- und Artillerieunterstützung in die Region eingefallen. Zuletzt haben die Angriffe auf kurdische Kräfte nach örtlichen Angaben wieder zugenommen. Das russische Außenministerium erklärte vor einigen Tagen, die Ereignisse dort seien „zunehmend alarmierend“. 

          Russland und Ankara liegen auch in anderen Konflikten über Kreuz, etwa in Libyen und zuletzt im Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien, wo syrische Kämpfer auf Betreiben Ankaras auf aserbaidschanischer Seite kämpfen.

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