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Hurrikan „Katrina“ : Ein Nerv der amerikanischen Wirtschaft

  • Aktualisiert am

Arbeiten an der Stromversorgung in Alabama Bild: REUTERS

Der Wirbelsturm „Katrina“ hat die größte Volkswirtschaft der Erde an einem besonders empfindlichen Nerv getroffen, denn die amerikanische Golfküste spielt eine zentrale Rolle bei der Energieversorgung des Landes.

          3 Min.

          Der Wirbelsturm „Katrina“ hat die größte Volkswirtschaft der Erde an einem besonders empfindlichen Nerv getroffen: Der Mississippi und der Hafen von New Orleans sind für die Ein- und Ausfuhr von vielen Waren von erheblicher Bedeutung. Vor allem aber sind der Golf von Mexiko und die südlichen Bundesstaaten für die Energieversorgung des Landes enorm wichtig. Rund 10 Prozent des täglichen Verbrauchs der Vereinigten Staaten wird mit Öl aus dem Golf von Mexiko gedeckt, fast die Hälfte des Benzins wird in Raffinerien hergestellt, die entlang der Golfküste gelegen sind.

          Das Amerikanische Erdöl-Institut (API) in Washington teilte mit, der Hurrika habe im Golf von Mexiko mindestens 58 Ölplattformen losgerissen. Das volle Ausmaß der Hurrikan-Schäden für die Ölindustrie werde wahrscheinlich erst Ende nächster Woche feststehen. So müßten alle Pipelines im Katastrophengebiet umfangreichen Sicherheitstests unterzogen werden.

          Ölreserve teilweise freigegeben

          Schnelle Abhilfe ist für die Energieversorgung nicht in Sicht, weil sich weder der Verbrauch im Handumdrehen deutlich drosseln läßt, noch in Windeseile andere Lieferquellen aufgetan werden können und die globale Nachfrage nach Öl ohnehin groß ist. Die Regierung in Washington hat einen Teil der strategischen Ölreserve des Landes - sie beträgt mehr als 700 Millionen Barrel (Faß zu 159 Liter) freigegeben, um die Produktionsausfälle zumindest teilweise auszugleichen und den arbeitsfähigen Raffinerien Öl zur Verfügung zu stellen.

          Kein Strom, kein Öl, kein Benzin
          Kein Strom, kein Öl, kein Benzin : Bild: AP

          Der Verband der Erdölindustrie hat allerdings bereits angekündigt, daß angesichts der großen Schäden an den Produktionsstätten über längere Sicht mit einer Beeinträchtigung der Kraftstoffherstellung zu rechnen sei. „Schon vor dem Wirbelsturm waren die amerikanischen Verbraucher zunehmend besorgt über die steigenden Preise für Benzin, Diesel und andere Kraftstoffe. Jetzt ist es wichtig, sparsamer mit dem Kraftstoff umzugehen“, sagte Verbandspräsident Red Cavaney.

          Kein gedrosselter Benzinverbrauch

          Bisher gibt es gleichwohl keine gesicherten Hinweise darauf, daß die Amerikaner ihren Benzinverbrauch nennenswert einschränken wollen. Vielmehr scheinen sie so abhängig von ihren Autos wie nie zuvor. Nach Angaben der Regierung betrug die durchschnittliche Nachfrage nach Kraftstoff in den vergangenen vier Wochen etwas mehr als 9,4 Millionen Faß täglich, rund 1,2 Prozent mehr als vor einem Jahr. Im Jahr 2003 waren Automobile auf amerikanischen Straßen im Durchschnitt 19.500 Kilometer gelaufen, 25 Prozent mehr als zwei Jahrzehnte zuvor.

          Selbst nach dem jüngsten Preissprung - eine Gallone (3,8 Liter) Normalbenzin kosten im Landesdurchschnitt derzeit 2,61 Dollar, 74 Cent oder rund 40 Prozent mehr als vor einem Jahr - nehmen die Kosten für Benzin nur einen geringen Teil der Konsumausgaben der amerikanischen Verbraucher in Anspruch. Knapp mehr als 4 Prozent des verfügbaren Einkommens geben Amerikaner derzeit für den Kraftstoff ihrer Autos aus; das ist zwar so viel wie seit Mitte der achtziger Jahre nicht mehr, aber deutlich weniger als jene 7 Prozent, die Anfang der achtziger Jahre erreicht wurden.

          Amerikanischer Energiehunger wächst

          Die Vereinigten Staaten verbrauchen soviel Energie wie kein anderes Land. Im vergangenen Jahr erhöhte sich der durchschnittliche tägliche Ölkonsum nach Angaben des Energieministeriums in Washington von 20 Millionen auf 20,4 Millionen Barrel. Nahezu zwei Drittel hiervon entfallen auf Benzin und Dieselkraftstoff für Autos auf amerikanischen Straßen, 8 Prozent verbrauchen die Fluggesellschaften als Treibstoff. Für das laufende Jahr sagt die Regierung einen weiteren Anstieg auf 20,7 Millionen Faß am Tag voraus. Der Zuwachs soll sowohl durch die höheren Benzinpreise als auch durch das im Vergleich zum vergangenen Jahr etwas geringere Wirtschaftswachstum gedämpft werden. Bis zum Jahr 2025 sei mit einem durchschnittlichen Zuwachs im Verbrauch von jährlich 1,5 Prozent zu rechnen, was den täglichen Ölkonsum Amerikas auf 28 Millionen Faß treiben werde.

          Der amerikanische Präsident Bush bemüht sich bereits seit geraumer Zeit darum, die Abhängigkeit von ausländischem Öl und Gas zu verringern. Mehr als 60 Prozent ihres Bedarfs decken die Vereinigten Staaten mit ausländischem Öl, das insbesondere aus Kanada, Mexiko, Saudi-Arabien und Venezuela stammt. Ein Energiegesetz, das auf Drängen Bushs vor einigen Wochen vom Kongreß verabschiedet worden ist, sieht in den kommenden Jahren Steueranreize und andere Subventionen in Milliardenhöhe für die Förderung der heimischen Energieerzeugung vor.

          Dabei handelt es sich sowohl um Anreize zum Bau neuer Öl- und Gasleitungen sowie Raffinerien als auch zur Errichtung neuer Kernkraftwerke zur Stromerzeugung. Kohleunternehmen sollen verstärkt in neue Techniken zur Elektrizitätserzeugung mit einer geringeren Luftverschmutzung investieren. Bush konnte sich allerdings bisher nicht mit seiner Forderung durchsetzen, Öl- und Gasreserven für die Erschließung freizugeben, die unterhalb eines großen Naturschutzgebietes im Norden des Bundesstaates Alaska vorhanden sind. Sowohl die Regierung als auch der Kongreß hatten eingestanden, daß das neue Energiegesetz nicht geeignet sei, den amerikanischen Verbrauchern schnelle Abhilfe in Form sinkender Benzinpreise zu schaffen.

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