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Hungerkrise in Somalia : Wer Hilfe suchte, hat nur Elend gefunden

  • -Aktualisiert am

Wer das Krankenhaus Banadaar in Mogadischu erreichen kann, hat Hoffnung Bild: ©Helmut Fricke

Die Lage im Hungergebiet Somalias wird immer dramatischer - von einer Luftbrücke ist nichts zu sehen. Essensausgaben sind für viele Hungernde in Mogadischu die letzte Rettung. 600 Gramm Nahrung muss für sechs Personen reichen.

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          Nura Tuiss muss einmal eine schöne Frau gewesen sein. Großgewachsen ist sie und feingliedrig. Ihre Haut ist kaffeebraun und sie hat ebenso weiße wie gleichmäßige Zähne. Doch heute ist die 34 Jahre alte Mutter von vier Kindern ein Schatten ihrer selbst: Ihre Wangen sind eingefallen und der weiße Sari, kann kaum verhüllen, wie erschreckend dünn sie ist. Nuras Bewegungen sind fahrig und das Sprechen fällt ihr sichtlich schwer. Seit vier Stunden steht die junge Frau zusammen mit ihren Kindern im Hof einer verfallenen Fabrik im Süden von Mogadischu für etwas zu essen an. Diese „Feeding station“ genannte Essensausgabe ist für sie und die 2000 anderen Frauen und Kinder, die jeden Tag dorthin strömen, die letzte Rettung.

          In sechs riesigen Kesseln rühren Mitarbeiter des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) dort jeden Nachmittag Maisbrei an. In vier Schlangen stehen die Frauen an, manche zu schwach, um sich auf den Beinen zu halten. Ihnen wird eine große Kelle des gelben Breis in ihren Blechkanister geklatscht, dazu gibt es eine Banane. Das sind nicht mehr als 600 Gramm Nahrung. Das muss für sechs Personen bis zum nächsten Tag reichen. Wenn es denn noch einen nächsten Tag gibt für diese völlig entkräfteten Menschen.

          „Alle sind geflohen“

          Nura stammt aus der Provinz Bakool, einer der ersten Regionen Somalias, die von den UN zum Hungergebiet erklärt wurden und die von der islamistischen Shabaab-Miliz kontrolliert wird. Viele der anderen Frauen in der Schlange sind Nachbarinnen oder Bekannte aus dem nächsten Dorf. „Alle sind geflohen“, sagt sie, „es gibt einfach nichts mehr zu essen und auch nichts, aus dem man noch Essen zubereiten könnte.“ Seit einer Woche lebt sie in Mogadischu – wenn man es denn Leben nennen will. Ihr „Heim“ ist ein improvisiertes Flüchtlingslager, das sich keine 100 Meter von der Essensausgabe entfernt zwischen Hausruinen gequetscht hat.

          Ugandische Soldaten bewachen ein Krankenheus in Mogadischu

          Ein Stück weiter die Straße hinauf liegt der schwer befestigte Stützpunkt der Friedenstruppe der Afrikanischen Union für Somalia, Amisom. Die Panzer der ugandischen und burundischen Soldaten, so hoffen die Flüchtlinge, werden ihnen ein Minimum an Schutz bieten. Es gibt inzwischen mehrere Dutzend solcher Lager in der Stadt.

          Nur Kleidung als Schutz gegen den kalten Regen

          Keiner weiß, wie viele Menschen sich an dem Amisom-Stützpunkt unter den endlosen Reihen von zerrissenen Plastikplanen jede Nacht zur Ruhe legen. Nura und ihre Kinder haben nicht einmal eine solche Plane. Ihr Schutz gegen den sporadischen, aber kalten Regen in Mogadischu sind die Kleidungsstücke, die sie aus Bakool mitgebracht haben: ein Kleid, ein wollener Umhang, die Reste einer Decke. Es gibt kein Wasser, keinen Abwässergraben und keine wie auch immer geartete medizinische Betreuung. Jede Nacht sterben in dem Lager bis zu zehn Kinder an den Folgen der Unterernährung. Zwar gibt es ein Hospital in Mogadischu, doch die Fahrt dorthin kostet zehn Dollar. So viel Geld hat hier schon lange keiner mehr.

          In Mogadischu, so hatte Nura gehofft, würde sie Hilfe finden. Was sie indes vorfand, war ein Elend, das dem in ihrer Heimatregion in nichts nachsteht. Denn die somalische Hauptstadt Mogadischu wird mehr und mehr zum Fluchtpunkt für Somalier insbesondere aus dem Süden des Landes. Der Weg nach Kenia in das gigantische Flüchtlingslager von Dadaab ist beschwerlich und gefährlich. Mogadischu hingegen ist zurzeit noch relativ einfach zu erreichen. Doch die Hilfslieferungen in die Stadt können nicht Schritt halten mit dem beständig anschwellenden Strom der Hungerflüchtlinge.

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