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Hungerkrise am Horn von Afrika : Ein Leben im Lager

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Hilfslieferungen als Ware: Fliegende Händler aus der Umgebung machen auf dem Schwarzmarkt eines illegalen Außenlagers in Dadaab Geschäfte. Bild: Helmut Fricke

Tausende Somalier fliehen jede Woche vor der Shabaab-Miliz und der Hungerkatastrophe nach Kenia ins größte Flüchtlingslager der Welt. Längst sind hier unübersichtliche Städte entstanden, in denen noch die Enkel der ersten Flüchtlingsgeneration leben.

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          Vierzig Tage sind die beiden marschiert. Haben sich aus Angst vor den Kämpfern der islamistischen Shabaab-Miliz tagsüber versteckt und nur bei Nacht zurück auf die Straße getraut. Haben in trockenen Flussläufen nach ein bisschen Wasser gegraben und sich von getrockneten Datteln ernährt. Haben sich Stofflappen um die Füße gewickelt, als die Plastiklatschen auseinanderfielen.

          Und dann die vielen Toten am Wegesrand. „Es war unbeschreiblich“ sagt Farah Ali Hassan über die Leichen, die seinen Weg in Richtung Kenia säumten. Er weiß nicht mehr, wie viele entkräftete Menschen er gesehen hat, die sich zum Sterben in den Schatten eines Baumes niedergelegt hatten. Der Anblick, so sagt er, habe ihn den Glauben an die eigene Kraft verlieren lassen, und irgendwann war Farah überzeugt, dass er und sein Sohn genauso enden werden: als unbekleidete Leichen, an denen sich Hunde zu schaffen machen.

          Farah stammt aus Lower Shabelle, einer der somalischen Hungerprovinzen, in denen die radikalen Islamisten der Shabaab-Miliz die Bevölkerung in Geiselhaft halten und bestreiten, dass es dort überhaupt eine Hungerkatastrophe gibt. Farah weiß es besser: 100 Stück Vieh hatte er, von denen kein einziges Rind die Dürre überlebt hat.

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          Und die zehn Hektar Land, auf denen er Mais anbaute, seien heute nur noch staubiger Acker. Farah Ali Hassan und sein Sohn Adam Talio haben es geschafft nach Dadaab, dem größten Flüchtlingslager der Welt an der kenianisch-somalischen Grenze. Ihre Kleidung ist zerrissen und starrt vor Schmutz. Der 14 Jahre alte Adam hat tiefschwarze Ringe unter den Augen, aus denen er apathisch ins Leere blickt.

          Ein Stück Somalia auf kenianischem Boden

          Seit drei Tagen warten die beiden am Eingang eines der drei riesigen Lagerkomplexe auf ihre Registrierung und damit auf Essen. Die Registrierung dauert so lange, weil Vater und Sohn nach den Richtlinien der Flüchtlingserfassung nicht als Familie zählen. Dabei lebt Farahs Frau Abschira mit drei kleinen Kindern seit einiger Zeit in Dadaab. Farah hat sie noch nicht gesehen. Für seine Frau sei die Flucht einfacher gewesen, erzählt er, weil sie sich nicht von den Shabaab verstecken mussten. Seine Frau war mit einem Bus gekommen. „Wir mussten uns trennen für die Flucht“, sagt Farah. Sein Sohn Adam ist mit 14 Jahren alt genug, für die Shabaab in den Krieg zu ziehen. Die Milizionäre hätten ihn zwangsrekrutiert, wenn sie ihn auf der Straße angetroffen hätten. „Und mich hätten sie garantiert erschossen“, sagt Farah.

          Geschichten wie die der Familie von Farah Ali Hassan sind zuhauf zu hören in Dadaab. 1000 Flüchtlinge kommen dort inzwischen jeden Tag an, inzwischen leben hier 400.000 Menschen. Dadaab ist längst ein Stück Somalia auf kenianischem Boden - eines, aus dem es kein Entkommen gibt.

          Seit 1991 besteht der Lagerkomplex, und weil er seither von einer Armada von Hilfsorganisationen verwaltet wird, gibt es für so ziemlich alles eine Statistik. Eine davon besagt, dass inzwischen 8000 Enkel der ersten Generation von Flüchtlingen im Lager leben. Der Grund ist einfach: Die kenianischen Behörden verwehren den Flüchtlingen systematisch jede Bewegungsfreiheit. Die Straßen, die von der somalischen Grenze ins Innere Kenias führen, werden streng überwacht. Und eine Reisegenehmigung etwa in die kenianische Hauptstadt Nairobi zu bekommen ist für einen somalischen Flüchtling so gut wie unmöglich.

          „Die Miliz hat Anhänger unter den Flüchtlingen“

          Liban Rashid Mohamed ist ein Flüchtling aus der zweiten Generation. 24 Jahre ist er alt und kennt nichts anderes als die drei Lager Dagahley, Ifo und Hagadera. Er war vier Jahre alt, als er mit seinen Eltern über die Grenze flüchtete. Seither lebt er in Dagahley. Die Gegend verlassen hat er noch nie. Liban hat über das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen einen Ausreiseantrag für die Vereinigten Staaten von Amerika gestellt. Er ist befragt worden, hat viele Formulare ausgefüllt, und dann hat man ihm gesagt, man werde sich melden. Das war vor vier Jahren.

          Liban macht das Beste aus seiner Situation. Er hat eine kleine Zeitung gegründet, die er mit Geschichten über das Leben der Flüchtlinge in Dadaab füllt, aber das ist gefährlich. Al Shabaab hat ihn mehrfach kontaktiert und ihn in unmissverständlichem Ton aufgefordert, seine Arbeit einzustellen. Liban macht weiter, doch er weiß, dass er in dem Gefängnis namens Dadaab wie auf einem Präsentierteller sitzt. „Die Miliz hat Anhänger unter den Flüchtlingen“, sagt er. Mitunter, so wird gemunkelt, lassen sich verletzte Shabaab-Kämpfer in Dadaab sogar behandeln, bevor sie wieder in den Krieg ziehen. „Was soll ich machen?“, fragt Liban. „Verstecken kann ich mich nicht und von irgendetwas muss ich auch leben.“

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